Henrik Enderlein zählt zu den Jungstars unter den deutschen Ökonomen. Der Vizerektor der Hertie School of Governance ist Experte für Schuldenkrisen und die Währungsunion. Seine Ratschläge werden gehört in der Politik, weil er jenseits des neoliberalen Mainstreams steht.
Hart aber fair, Anne Will, Sigmar Gabriel, die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik, das Heute-Journal, Finanzausschuss des Bundestags – wenn es um die Eurokrise oder um aktuelle wirtschaftspolitische Fragen geht, wird Henrik Enderlein immer häufiger um seine Einschätzung gebeten. Im Verlauf dieses Jahres ist der 35-jährige Ökonom als neuer Stern am Expertenhimmel der Berliner Republik aufgegangen.
Er selbst war davon gar nicht so überrascht. „Ich habe über die Währungsunion promoviert und leite seit fünf Jahren ein Projekt über Staatspleiten. Da hat es mich nicht gewundert, dass ein paar Anrufe kamen“, sagt Enderlein, während er entspannt in Jeans und offenem weißen Hemd in seinem Büro in der Berliner Friedrichstraße sitzt. Es befindet sich in demselben Gebäude, in dem sich einst der DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski auch im weitesten Sinne mit Währungspolitik beschäftigte. Heute sitzt hier die Hertie School of Governance, deren Vizerektor Enderlein ist. Der in Tübingen aufgewachsene Enderlein gehörte zum Gründungsteam der privaten Universität, die seit fünf Jahren junge Führungskräfte für Politik und Wirtschaft ausbildet.
Seine rege Beteiligung an der öffentlichen Diskussion passt zu Enderleins Selbstverständnis, ein politischer Ökonom zu sein. „Leider gibt es in Deutschland eher wenige Kollegen, die den Dialog mit Politikern, Journalisten und der breiten Bevölkerung suchen“, sagt Enderlein. Das hat er während seines Studiums in Paris und New York ganz anders kennengelernt. Am renommierten Institut der Science-Po und der Columbia University studierte Enderlein Wirtschaftswissenschaften, Politologie und Internationale Beziehungen. „In den USA, in Frankreich und auch in Großbritannien gehört es zum guten Ton, sich als Ökonom öffentlich einzumischen“, sagt Enderlein und führt als Beispiel den amerikanischen Nobelpreisträger Paul Krugman an, der einer der einflussreichsten politischen Kommentatoren in den USA ist.
Gleichzeitig ärgert sich Enderlein darüber, dass sich die Politik in Deutschland der wirtschaftswissenschaftlichen Fachdiskussion verschließt. Deswegen hat er auch sofort zugesagt, als SPD-Chef Sigmar Gabriel ihn bat, Mitglied des neu gegründeten SPD-Wirtschaftsrats zu werden. Das Parteibuch hatte Enderlein schon vorher. Unter der Leitung von Gabriel und Fraktionschef Steinmeier treffen sich die Mitglieder, zu denen auch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger, Thüringens Wirtschaftsminister Matthias Machnig und der Unternehmer Harald Christ gehören, monatlich. „Unsere Aufgabe ist, die eher dicken wirtschaftspolitischen Bretter anzubohren“, sagt Enderlein.
Wenn man ihn fragt, wie seines Erachtens die Wirtschaftspolitik der SPD in den kommenden Jahren aussehen soll, kann man erleben, wie Enderlein auf seinen Talkshow-Modus umschaltet. Eloquent, in kurzen, prägnanten Sätzen fasst Enderlein die aus seiner Sicht wichtigsten Punkte zusammen: Neben quantitativem Wachstum müsse das Thema des qualitativen Wachstums in den Fokus gerückt werden. Wir müssten in Zukunft darauf achten, ob das Wachstum nachhaltig ist und Umverteilungsaspekte, freiwilliges Engagement und gesellschaftliche Geschlossenheit berücksichtigt. Außerdem müsse man sozialverträglich sparen, indem man die unteren Einkommensgruppen entlastet und den Steuersatz für Einkommen ab 100.000 Euro anhebt. Drittens müsse die Wirtschaftspolitik viel stärker europäisch ausgerichtet werden.
Enderlein selbst nennt das den Fahrstuhltest: In maximal 30 Sekunden muss man die Botschaft rüberbringen.
Trotz seines Engagements für die SPD betont er aber, dass er kein Parteiökonom sei: „Ich analysiere als Wissenschaftler – nur wenn eine politische Bewertung nötig wird, dann bin ich Sozialdemokrat.“ Er denkt dabei nicht gern in den Kategorien richtig oder falsch. Wirtschaftspolitik sei immer mit Umverteilung verbunden. Deswegen hält er auch wenig von der berühmten Schröder-Blair-Losung, wonach es keine linke oder rechte Wirtschaftspolitik gebe, sondern nur eine richtige. „Spätestens die Krise hat doch gezeigt, dass jeder Lösungsansatz Gewinner und Verlierer hervorbringt“, sagt Enderlein.
Eine weitere Erkenntnis aus der Krise lautet für ihn: „Die Politikprozesse in unseren nationalen Demokratien sind zu langsam, um den globalen Finanzmärkten in Krisenphasen zum richtigen Zeitpunkt das richtige Signal zu schicken.“ Deswegen müsse man eine Art UN-Sicherheitsrat für Finanz- und Währungspolitik einrichten, in der Eurozone brauche die EU-Kommission erweiterte Interventionsmöglichkeiten, um Krisen wie in Griechenland in Zukunft zu vermeiden.
Zweifelt ein Gesprächspartner an der Umsetzbarkeit solcher Vorschläge, streut Enderlein eine seiner zahlreichen Anekdoten ein: Diese kommt aus der Zeit, in der er als Mitarbeiter der Europäischen Zentralbank im EU-Verfassungskonvent saß. Es sei der letzte Tag gewesen, der Verfassungsentwurf fertig, alle festlich gestimmt. Da habe ein französischer Vertreter das Wort ergriffen, die historische Bedeutung hervorgehoben, Parallelen zu den Vätern der amerikanischen Verfassung gezogen. Dann habe er kurz innegehalten und gesagt: „Es gab nur zwei entscheidende Unterschiede: 1. Die Amerikaner hatten bereits eine gemeinsame Sprache. 2. Sie hatten das Problem mit den Engländern schon gelöst.“ Nach einem kurzen Moment der Stille habe die britische Delegation am lautesten gelacht. Für Enderlein ein Beleg, „dass internationale Zusammenarbeit klappen kann“.












