CICERO ONLINE schaut zurück auf ein Jahr voller interessanter, bewegender, nachdenklicher oder einfach schöner Texte. Zum Jahreswechsel präsentieren wir Ihnen noch einmal die meistgelesenen Artikel aus 2011. Im August: Wir müssen reden. Über die Ratingagenturen, die Zuhälter der Spekulanten, über getriebene Volkswirtschaften, die Zukunft Deutschlands, Europas, ja der demokratischen Welt. Denn die ächzt unter den Ackermännern, die sie zuschandenreiten.
Der Spiegel bat Angela Merkel eindringlich um klärende Worte: „Reden Sie, Kanzlerin, reden Sie endlich.“ Es gäbe in der Tat einiges zu reden: über die Zukunft Deutschlands, Europas, ja der demokratischen Welt. Denn nichts weniger als die Demokratie steht auf dem Spiel!
Sie wird machtvoll und systematisch unterspült wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg, und zwar durch zentrale Akteure des eigenen Systems: die global operierende Finanzwirtschaft.
Ratingagenturen, die Zuhälter der Spekulanten, treiben ganze Volkswirtschaften vor sich her, von Griechenland über Italien und Portugal bis in die USA. Denn das Spiel mit Staatsanleihen und Währungen ist lukrativ: Die Zocker von Goldman Sachs erwirtschafteten jüngst in hundert Tagen Devisenhandel knapp zwei Tage lang Verluste – die übrigen 98 Tage waren eitel Profit. Im selben Zeitraum mussten 60 000 griechische Einzelhändler ihre Geschäfte schließen – 60 000 vernichtete Existenzen.
Hat alles nichts miteinander zu tun? Doch, hat alles miteinander zu tun! Nicht nur mit den Hütchenspielen von Goldman Sachs, auch mit denen der Deutschen Bank: Ihre Goldfinger in London betreiben den größten Devisenhandel der Welt. Mit der Kreditversorgung von Unternehmen dagegen, der klassischen Aufgabe, bestreitet die Deutsche Bank weniger als 20 Prozent ihres Umsatzes.
Helmut Schmidt, Deutschlands großer alter Weiser, fährt bei so etwas aus der Haut: „Das Wort Investmentbanker ist nur ein Synonym für den Typus Finanzmanager, der uns alle, fast die ganze Welt, in die Scheiße geritten hat …“
Die Welt ächzt unter den Ackermännern, die sie zuschandenreiten. Bei der Deutschen Bank ergreift die Zügel demnächst Anshu Jain, das Genie unter den Investmentbankern, wie seine Mitspieler im globalen Casino versichern. Von Ackermann zu Jain – das ist wenigstens ein Schritt zu mehr Ehrlichkeit.
Dem Eidgenossen schrieb die klischeeverliebte deutsche Presse seine Herkunft gut: aus dem ländlichen Mels im St. Galler Rheintal. Hätte der lächelnde Josef erklärt, an freien Tagen hüte er Kühe, und sei es an der Zürcher Bahnhofstraße – die Wirtschaftsjournalisten wären vor Entzücken zerflossen.
Dem Inder Jain dagegen kommt dergleichen nicht zugute: Er steuert traumwandlerisch sicher durch das Nirgendwo der Finanzwelt, bewehrt nur mit Rucksack und Rekordprofiten. Er spricht so konsequent wie akzentfrei globalesisch. Auf seiner Wanderung über Berg und Tal der Börsenkurse bleibt er vom Geschehen in den Niederungen der Wirklichkeit unberührt, ebenso von dem, was er anrichtet – der prototypische Nomade des Finanzkapitalismus.
Lesen Sie auf der nächste Seite von Europas Problem der fehlenden Rebellen.











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