Vollautomatisierte Handelsprogramme haben den Takt der Finanzmärkte extrem beschleunigt. Sie entscheiden selbst über Kauf und Verkauf und lassen den Händlern oft nur noch eine Zuschauerrolle. Hat der Computer den Menschen an der Börse entmachtet?
Glück und Pech lagen an den Börsen der Welt an keinem Tag so nah beieinander wie am Dienstag, den 9. August 2011. Viele Kleinanleger, die an jenem Morgen bei ihrer Bank Aktien verkauften, fanden sich am Abend mit wahnwitzigen Verlusten wieder. Zunächst startete der Dax stabil, doch dann stürzte der Wert dieser 30 Unternehmen an der Frankfurter Börse innerhalb kürzester Zeit um sieben Prozent ein. Am Abend erholte sich der Kurs wieder. Anleger verloren Milliarden Euro, aber war es vielleicht mehr als Glück und Pech?
„Dieser Dienstag war der bewegteste Tag, den der Dax je gesehen hat “, sagt Thomas Heidorn, Professor für Bankbetriebslehre und Investmentbanking an der Frankfurt School of Finance and Management. „So was hat noch nie einer gesehen. Ich konnte es nicht glauben.“ Dass es so starke Kursausschläge geben konnte, daran sind neben der hohen Staatsverschuldung und der Eurokrise vor allem auch vollautomatisierte Systeme im Aktienhandel Schuld. Der Hochfrequenz-Computerhandel hat den Pulsschlag der Finanzmärkte in den vergangenen Jahren drastisch nach oben gejagt. So sehr, dass die Börsianer dem Treiben oft nur noch ratlos folgen können und sich fragen: Hat der Computer den Menschen an der Börse entmachtet?
Welche Rolle hat der Mensch, welche Eingriffsmöglichkeiten bleiben ihm, wenn der Aktienhandel von Computerprogrammen gesteuert wird?
Am 9. August hatten vor allem die Kleinanleger das Nachsehen. Sie waren davon abhängig, wann der Bankangestellte den Verkauf abwickelte, und wann der Auftrag beim Zentralcomputer der Frankfurter Börse in Eschborn verbucht wurde. Im ungünstigsten Fall war das am Dienstag um kurz nach halb 11, dem Augenblick des tiefsten Absturzes. Da waren die technisch hochgerüstete Spekulanten deutlich schneller. „Für einen Investor ist das natürlich ultrablöde“, sagt Heidorn. Früher habe man den Kurs des Tages, mit wenigen Abweichungen, noch relativ genau bestimmen können. „Heute ist das ein reines Glücksspiel.“
Während das menschliche Gehirn bis zu 30 Bilder pro Sekunde erfassen kann, kann ein vollautomatisiertes Handelsprogramm im gleichen Zeitraum bis zu 1000 Transaktionen ausführen. An den Aktienmärkten werden deshalb inzwischen schätzungsweise 50 Prozent des Handelsvolumens über diese Systeme abgewickelt. Diese entscheiden dann, was wann und wo gekauft oder verkauft wird. Beim Hochfrequenz-Computerhandel geht es darum, im Millisekundentakt von kleinsten Preisunterschieden zu profitieren. Dazu analysiert das Programm permanent alle möglichen Daten – Kursverläufe, Unternehmenskennzahlen, Bilanzen.









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