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 > Der Euro und der Untergang des Abendlands

Kapital
Europas Tiefschlaf

Der Euro und der Untergang des Abendlands

von 
Gordon Brown
15. August 2011
picture alliance
Euro, Krise, Abendland, Griechenland, Schulden, Banken, EU, Gordon Brown
Gegen Tränengas gerüstet: Ein Demonstrant bei Unruhen in Athen

Die Europäische Union steckt in der schwersten Krise seit ihrem Bestehen. Wenn wir nicht jetzt den Schalter umlegen, die Schulden abbauen, die Banken rekapitalisieren und das Wachstum fördern, leiten wir den „Untergang des Abendlands“ ein, befürchtet der ehemalige britische Premierminister

Seite 1 von 2

Wenn die Geschichte des 21. Jahrhunderts geschrieben wird, werden sich die Menschen zu Recht fragen, warum Europa so gar abwesend wirkte während seiner hartnäckigsten Wirtschaftskrise.
Warum, so werden sie fragen, hat Europa geschlafen, als sein unterkapitalisiertes Bankensystem ins Wanken geriet, die Arbeitslosigkeit inakzeptabel hoch blieb und gleichzeitig Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit des Kontinents in den Keller gingen?

Schlimmer noch: Wenn nicht rasch ein vernünftiger Umbauplan zur Vefügung steht, wird man Europas führende Politiker später für den „Untergang des Westens“ verantwortlich machen, wird sie mit den Worten konfrontieren, die Winston Churchill schon für die Politikergeneration der dreißiger Jahre fand: „entschlossen nur in ihrer Unentschlossenheit, eisern im Treibenlassen, entschieden in Unentschiedenheit, allmächtig in ihrer Ohnmacht“.

Dabei herrscht wahrlich kein Mangel an gesamteuropäischen Konferenzen. Kaum ein Tag vergeht ohne einen Gipfel, auf dem europäische Spitzenpolitiker die allerjüngste Krise diskutieren, die einen Mitgliedstaat erwischt hat. Doch jedes Mal, wenn sie miteinander reden, reden sie, als ginge es um Kalamitäten, die sich auf das Land beschränken, das gerade Schlagzeilen macht – sie debattieren das griechische, das irische, manchmal auch das portugiesische oder das spanische Problem –, reden, ohne dass sie sich einigen könnten, worin denn die Notlage wirklich besteht, die nämlich eine gesamteuropäische ist. Indem sie Europas Krankheit falsch diagnostizieren, verschreiben sie am Ende auch die falsche Medizin. Denn Europas Schuldenkrise ist ein Problem, tatsächlich aber nur eines von mehreren Problemen des Kontinents.
Die drei tiefstgreifenden Probleme sind alle miteinander verquickt und reichen systemisch bis in die letzten Winkel des Kontinents. Neben dem Schuldenproblem gibt es ein Bankenproblem – und es ist nicht beschränkt auf eine Handvoll Länder oder Banken – und es gibt ein chronisches Wachstumsproblem.

Zuerst die Banken: Ich war dabei im Oktober 2008, als in Paris die erste Konferenz stattfand, zu der sich die Regierungschefs der Eurozone überhaupt trafen. Die Diagnose des europäischen Bankensystems, die ich vortrug, beschäftigte sich mit dessen Liquiditäts- und Strukturproblemen. Doch die meisten Europäer glaubten damals, sie hätten es nur mit mittelbaren Folgen zu tun, mit dem Fallout der angloamerikanischen Finanzkrise; und natürlich glaubten sie, dass ein eigensinniges Großbritannien sich in die amerikanische Finanzkrise hatte hineinziehen lassen. Damals wussten sie noch nicht, dass die Hälfte der amerikanischen Subprimepapiere von Banken aus ganz Europa gekauft worden waren. Noch hatte niemand begriffen, wie tief die Verstrickungen zwischen europäischen Banken und anderen Finanzinstituten weltweit waren, auch noch nicht, wie hoch die Belastungen durch zusammenbrechende Immobilienmärkte waren. Ich erinnere mich noch an die erschrockenen Blicke, die um den Tisch wanderten, als ich sagte, europäische Banken seien noch viel verletzlicher als amerikanische, denn sie waren viel höher fremdfinanziert – und sie sind es bis heute.

Und selbst jetzt noch bleibt eine fundamentale Wahrheit über den aktuellen Zustand der europäischen Banken ungesagt: dass nämlich deutsche, französische, italienische und britische Banken Gläubiger nicht nur griechischer Banken waren, sondern irischen, portugiesischen und spanischen Geldhäusern bedenkenlos Kredite gewährt hatten und gleichzeitig noch die Verluste aus den toxischen Papieren und dem Zusammenbruch des Immobilienmarkts verkraften müssen.

Und wenn irgendwann Jahre später Menschen erklären müssen, warum Europa schlief, werden sie um die Frage nicht herumkommen, warum wir die griechischen Probleme aus kurzsichtigen Eigeninteressen behandelt haben, als seien es Liquiditätsprobleme (denen man mit Krediten zu Leibe rückt) und nicht Probleme der Zahlungsunfähigkeit. Es wird zu erklären sein, warum wir die notwendige Lösung durch hektische Manöver verzögert und damit das Risiko eines ungeordneten Endspiels maximiert haben. Mit den steigenden Risikoprämien macht der Kapitalabfluss aus den Ländern der Peripherie ins Zentrum in jedem der krisengeschüttelten Länder die Finanzierung der Wirtschaft immer schwerer, und das wird uns alle mit hineinziehen in Perioden höherer Zinsen, längerer Rezessionen und, möglicherweise, höherer Schulden.

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Die Chuzpe des Herrn Brown ist

für einen normalen Bürger atemberaubend. Für einen Politiker aber wohl üblich. Der Mann unterschlägt ganz locker, dass er mit verantwortlich war für die lasche Regulierung der britischen Finanzindustrie, und damit die hohen Hebel, sprich Unterkapitalisierung, erst ermöglicht hat.

Und seine Lösungsvorschläge zielen allein darauf ab, die Deutschen zahlen zu lassen. Von einer Beteiligung der Finanzindustrie ist schon gar nichts zu lesen.

Mir ist schleierhaft, warum so ein charakter- und moralloser Mensch im renommierten Cicero die Bühne bekommt, sein neoliberales Geschätz abzugeben.

  • Antworten
Serious Sam15.08.2011 | 18:48 Uhr

Der Korken auf der Wasseroberfläche

Kulturen kommen und gehen. Gordon Brown hat gerade eine altbekannte Kultur neu eingeläutet. Die Kultur der Prophezeiung. Er prophezeit den Untergang des Abendlandes, wenn die Politiker des Kontinents nicht aus ihrem Tiefschlaf erwachen. Sollten sie es dennoch tun und ihre politischen Fehler feststellen, empfiehlt ihnen Gordon Brown einen politischen und wirtschaftlichen Crashkurs in Sachen Europapolitik. Offenbar nichtsahnend dass eine weitere Kulturepoche schon längst angebrochen ist: Nämlich die Kultur der politischen Machtlosigkeit. Aber sei’s drum auch David hatte seine Chance als er gegen Goliath antrat.

Mit welchem Goliath hat der kleine politische David heute zu kämpfen: Fangen wir einmal mit der Staatsverschuldung an. Um sie zu senken gibt es nur zwei Möglichkeiten: Das Angebot des Sozialproduktes zu steigern oder Konsumverzicht zu leisten. Das eine ist in den überreifen europäischen Volkswirtschaften kaum noch möglich und dass andere politisch nicht durchsetzbar. So hängen alle weiter auf unbestimmte Zeit an der Nadel des internationalen Finanzkapitals von dem sie die Droge des kreditfinanzierten Wohlstandes erhalten. Mit jedem Euro, den die Staaten in erster Linie für die Finanzierung der Sozialsysteme aufnehmen müssen steigen die Zinsgewinne der Banken und die Abhängigkeiten der Staaten von ihnen. Dadurch steigt die zinsinduzierte Steuerlastquote und verteilt Vermögen von unten nach oben, weil alle Steuerzahler die Zinsen, die in den Steuern enthalten sind mitzahlen, aber nur wenige Vermögene die Zinsen kassieren. Ein Vorgang, den unsere Politiker schon gar nicht mehr wahrnehmen.

Nun sind die international agierenden Banken auf diese Zinsgewinne gar nicht angewiesen. Sie sind der kleinste Teil der Bankengewinne. Die hohen Gewinne fallen an der Börse mit hochspekulativen Derivaten an. Mit diesen Gewinnen treiben die Banken wiederum nach Belieben die Aktienkurse in die Höhe und verdienen sich daran dumm und dusslig ohne dass die Politik etwas dagegen unternehmen kann.
Das Geld für ihre Spekulation brauchen sie sich nicht einmal von den Notenbanken zu besorgen, sie leihen es sich gegenseitig auf dem Interbanken-Markt und sichern es mit den Spekulationsgewinnen aus den Derivaten ab. So koppeln sie sich nicht nur von den Notenbanken und vom Sparer ab, sondern auch vom Kreditkunden. In diesem Spiel nimmt der Londoner und New Yorker Finanzplatz als ein deregulierter Markt für Derivate eine unrühmliche Rolle ein, denn er befeuert mit seiner Politik den weltweiten, unkontrollierten Casinobetrieb.

Damit ihnen der Gesetzgeber und insbesondere die nationalen Notenbanken nicht ins Gehege kommen betreiben die global agierenden Banken über ihre Tochtergesellschaften aufsichtfrei weltweit in den vielen Steueroasen ihre Geschäfte. Da sie aufsichtsfrei agieren, wissen sie natürlich untereinander nicht, welche Bank überschuldet ist und welche nicht, weil wie gesagt, die staatliche Aufsicht der nationalen Notenbank fehlt.

Dazu gibt es dann die Ratingagenturen, die ihnen die nötigen Zertifikate ausstellen. Nun muß man wissen, dass hier von den angelsächsischen Ländern ein innovatives Instrument geschaffen wurde, nämlich das neue Bewertungssystem International Accounting System (IAS).
War es davor so, dass die Banken ein Wirtschaftsgut nach dem Niederstwertprinzip ansetzen mussten, so ist das heute anders. Vereinfacht ausgedrückt setzen sich Wirtschaftprüfer der Ratingagenturen mit dem Prüfling Bank zusammen und entscheiden mit welchem Wert das Wirtschaftsgut angesetzt werden soll und wann es nach Marktlage wieder anders bewertet werden kann. Mit diesem Bewertungssystem verstoßen sie gegen das altbekannte Vorsichtsprinzip des Niederstwertprinzips. Dafür ist es aber ein wundersames Mittel die Bankbilanzen zu manipulieren. So werden Prüfer und Prüfling zu Komplizen, die gemeinsame Sache machen.

Dieses alles sollte Gordon Brown im Auge behalten, wenn er gegen den Goliath des internationalen Finanzkapitals antritt, wobei ich hier nur einige Muskelspiele genannt habe. Sie allein zeigen aber schon die Schwierigkeiten auf, die es zu überwinden gilt, das Zieldreieck, Wirtschaftliches Wachstum, Schuldenabbau und Rekapitalisierung des Bankensystems in Einklang zu bringen. So kann ich nur hoffen, dass unsere Politiker nicht weiterhin wie ein machtloser Korken auf der Wasseroberfläche des internationalen Kapitals schwimmen..

  • Antworten
Heinz Pelzer16.08.2011 | 13:08 Uhr

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