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 > Europäische Wirtschaftsregierung ohne Kontrolle?

Kapital
Eurokrise

Europäische Wirtschaftsregierung ohne Kontrolle?

von 
Petra Sorge
17. August 2011
picture alliance
Gebäude der EU-Kommission in Brüssel
Die EU-Kommisson in Brüssel erhält durch die Beschlüsse von Paris mehr Macht

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy haben weitreichende Reformen zur Eurorettung vereinbart. Die Vorschläge beschneiden jedoch demokratische Kompetenzen der Mitgliedsstaaten und der Gemeinschaft.

Seite 1 von 2

Einen Monat ist es her, als Angela Merkels politischer Ziehvater sein „Mädchen“ rügte. „Die macht mir mein Europa kaputt“, soll Altkanzler Helmut Kohl gesagt haben – eine Watsche für das Krisenmanagement der Bundeskanzlerin in der Eurofrage. Dieser Satz war Merkel sicher noch im Ohr, als sie gemeinsam mit Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy ihren Masterplan zur Euro-Rettung verkündete.

Geplant sind eine gemeinsame europäische Wirtschaftsregierung, eine verpflichtende Schuldenbremse für alle Euroländer und eine Finanztransaktionssteuer. Vorschläge, die alle nicht neu sind und zumindest teilweise bereits während des Euro-Gipfels am 21. Juli vereinbart wurden. Eurobonds seien für die beiden Regierungschefs dagegen kein Thema, hieß es. Das Motto lautet Sparen statt Zahlen. Die deutsch-französischen Vorschläge könnten ein Hoffnungssignal für den schwächelnden Euro, ein Wink für eine erneuerte Union sein. Doch sie lassen die wichtigsten Fragen offen: Wer kontrolliert eigentlich die Entscheidungen der neuen Wirtschaftsregierung? Wer kontrolliert zukünftig Europa?

Erstens soll das neue Gremium, für dessen Spitze EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy auserkoren wurde, die Finanz- und Wirtschaftspolitik der Euroländer enger koordinieren. Frankreich und Deutschland wollen als gutes Beispiel mit einer gemeinsamen Körperschaftssteuer ab 2013 vorangehen. Noch wichtiger: Die 17 Staaten sollen nach dem Willen von Berlin und Paris ihre Haushaltspläne der EU-Kommission, also der Regierung Europas, vorlegen. Erst, wenn diese ihren Segen gibt, können die nationalen Parlamente den Budgetentwurf ratifizieren.

Eine solche europäische Wirtschaftsregierung ist einerseits zu begrüßen. Denn sie würde den wichtigsten Geburtsfehler des Maastricht-Vertrags aufheben: eine Währungsunion ohne politische Union und ohne gemeinsame Finanzpolitik.

Andererseits würde der Vorschlag das Demokratiedefizit der EU drastisch verstärken. Denn das Haushaltsrecht ist die wichtigste Hoheit der Volksvertretungen, hier können die Bürger direkt ihren Einfluss geltend machen. Wenn jedoch die Brüsseler Behörde bei Geldfragen in Zukunft ihr Veto einlegen kann, verliert die Finanzpolitik einen wichtigen Teil ihrer Legitimität. Die EU-Kommissare werden nicht vom Volk gewählt, und ihre Nominierung durch die Mitgliedsstaaten gleicht einem undurchsichtigen Hütchenspiel. Als Merkel etwa den ehemaligen Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, Günther Oettinger, zum Energiekommissar erkor, galt dieser Vorstoß vielen Beobachtern in Deutschland als Kaltstellung eines politischen Kontrahenten.

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Gerade deswegen

weil bei vielen der vorgestellten Aktivitäten die Parlamente der einzelnen Mitgliedsländer zustimmen müssen, bzw. die Länderverfassungen geändert werden müssten, wird Nichts umgesetzt. Wer geglaubt hat, dass bei diesem Gipfel was raus kommt, ist wohl etwas naiv. Damit reiht sich diese Zusammenkunft in eine Reihe ähnlicher Meetings mit Ergebnissen mit extrem kurzer Halbwertszeit.

  • Antworten
Richi17.08.2011 | 14:31 Uhr

Der Markt der Illusionen

Da jagt eine Krise die andere und mit ihr folgt eine Konferenz auf die nächste. Man könnte fast meinen, nur wer sich in der Politik bemüht, den könne der Wähler erlösen, egal was dabei herauskommt. Herauskommt im Moment die Illusion, man könne über die Etablierung einer Wirtschaftsregierung ohne politische Legitimation eine Schuldenbremse und Transaktionssteuer hinbekommen.

Wo doch jeder weiß, dass neben der Überschuldung, die eigentliche Krise keine Liquiditätskrise der überschuldeten Länder ist, sondern eine Schwäche ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Und die ist nicht durch Sparen oder durch die Umkanalisierung von Geld alleine zu beseitigen. Hier bedarf es mehr. Eigentlich gar keine Arbeit für Politiker, höchstens eine für die technische Wissenschaft, zumindest vorrangig. Sie müsste auf dem Wege einer besseren Ausbildung von Ingeneuren und technisch begabten Leuten innerhalb Europas sorgen. Gelingt ihr diese technische Bildungsoffensive nicht in einem optimalen europäischen Verteilungsmaßstab, so bleibt die Stabilisierung der Märkte in Zukunft eine Illusion. Dieses vorausgesetzt sollten wir Deutschen daran denken, nicht gleichzeitig einer Umkanalisierung von Geld zuzustimmen und eine Abwerbung jeglicher technischer Intelligenz aus dem europäischen Ausland zu betreiben.

Diese Politik belebt nur den Markt der Illusionen. Er scheint mir ohnehin der einzige Markt neben der Verschuldung zu sein, der ständig wächst. Wo kämen wir hin wenn wir ihn nicht hätten. Kein Mann und keine Frau könnten sich ewige Liebe schwören, kein Familienvater würde eine Lebensversicherung mit Ertragversprechen für seine Altersvorsorge kaufen. Die Politik hätte keinen Maastrichtvertrag mit den bekannten nicht einhaltbaren Kriterien formulieren und verabschieden können. Kein Wunder, das die Politik der Illusionen überall Pate steht, fast wie eine Art Schutzmantel.
So werden Bevölkerung und Regierung auch weiterhin nur dass sehen, was sie erwarten nicht mehr und nicht weniger, nämlich den Markt der Illusionen.

  • Antworten
Heinz Pelzer18.08.2011 | 10:14 Uhr

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