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Kapital
Euro-Krisengipfel

„Ein klares Rettungspaket ist das Minimum“

Interview mit Alexander Graf Lambsdorff 21. Juli 2011
picture alliance
Euro, Krisengipfel, Brüssel, Angela Merkel, Sarkozy, Eurobonds, Rettungspaket
Griechisches Rettungspaket?

Von dem heutigen Euro-Krisengipfel werden mutige politsche Entscheidungen erwartet. Europaabgeordnete Alexander Graf Lambsdorff (FDP) plädiert im Interview mit CICERO ONLINE für ein klares Rettungspaket für Griechenland, für die Rückkehr zur Stabilitätskultur und er erklärt, warum Frau Merkel mehr Biss braucht.

Seite 1 von 2

Herr Graf Lambsdorff, die Bundeskanzlerin hat vor einer „spektakulären Einzelentscheidung“ auf dem heutigen Euro-Sondergipfeltreffen gewarnt. Brauchen wir aber nicht genau jetzt mehr als ein Lippenbekenntnis, brauchen wir nicht ein klares Statement zur gemeinsamen Verantwortung und mehr integrierte Wirtschafts- und Fiskalpolitik?
Die Bundesregierung, insbesondere die Bundeskanzlerin und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, müssen endlich eigene Pläne vorlegen. Sicher ist es richtig, die Erwartungen an ein solches Treffen vorher nicht unkontrolliert in die Höhe schnellen zu lassen. Andererseits kann man diesen Krisengipfel auch nicht abschließen nach dem Motto: Es kreist der Berg und gebiert eine Maus. Ein klares Rettungspaket für Griechenland muss beschlossen werden, das ist das Minimum.

Wie wird es danach weitergehen?
Was die langfristige Stabilisierung des Euros angeht, wird dieser Gipfel noch keine abschließende Lösung liefern. Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Länder mit hohem Schuldenstand noch weiterhin im Fokus der Märkte bleiben; damit bleibt auch der Euro im Fokus der Politik.

Wie stabil schätzen Sie den Euroraum und das gesamteuropäische Projekt, das damit verbunden ist, ein? Kommt es zu einem unkontrollierten Auseinanderbrechen der Währungsunion?
Wenn keine Einigung gelingt, sehe ich die Gefahr, dass es zu Verwerfungen im Euroraum kommt. Länder, die wie Griechenland in existentielle Nöte geraten sind, bilden natürlich immer auch ein Problem für die Eurozone. Dass der Euro als solcher in Gefahr ist, glaube ich aber nicht. Aussagen, wie Wolfang Schäuble sie in dieser Hinsicht getan hat, halte ich für sehr unklug. Es war richtig, dass ihm die Kanzlerin widersprochen hat.

Ihr Parteifreund Frank Schäffler hält eine „saubere Buchführung“ mit weiteren Rettungsfonds, Milliardenhilfen und Umschuldung für nicht vereinbar und spricht vom griechischen Euro-Ausstieg und dem Scheitern der Krisenfonds. Wie ist die Stimmung in der FDP?
Ich schätze den Kollegen Schäffler menschlich außerordentlich aber ich glaube, dass er politisch hier auf dem Holzweg ist. Er spricht für sich und eine kleine Minderheit. Sicher nicht für die FDP. Die Stimmung in der FDP ist auf dem Bundesparteitag in Rostock sehr deutlich geworden: Mehr als zwei Drittel haben sich für einen eurofreundlichen und konstruktiven Kurs ausgesprochen. Die FDP-Fraktion steht praktisch geschlossen hinter einem weiteren Stabilisierungspaket für Griechenland.

Glauben Sie, dass es in der FDP-Fraktion in Berlin eine Mehrheit für Eurobonds und das 2. Rettungspakets geben wird?
Hier muss unterschieden werden: Es gibt in der Bundestagsfraktion der FDP ganz sicher keine Unterstützung für Eurobonds in unbegrenzter Höhe, so wie sie momentan verkürzt in Deutschland diskutiert werden. Unbegrenzte Ausgaben von gemeinsam emittierten Anleihen mit einer Verwässerung von Risiko und Zinsen wird die FDP sicher nicht fördern. Wir brauchen eine konstruktiv-positive Rückkehr zur Stabilitätskultur. Die Konvergenzkriterien, die damals erfüllt werden mussten, um in die Eurozone zu kommen, sahen niedrige Zinsen aus zehnjährigen Staatsanleihen vor. Das war der Korridor, der definiert und von Griechenland, Italien und allen anderen Ländern, die damals dazu gestoßen sind, abgenickt wurde. Das Kriterium der Haushaltsstabilität, sprich eine Defizitquote unter drei Prozent und eine Schuldenstandsquote unter 60 Prozent des BIP, wurde als ein dauerhaftes ausgelegt. Wir haben angenommen, dass niedrige Zinsen gleichbedeutend mit Solidität sind. Das hat sich in den Folgejahren als unrichtig erwiesen und ist auch die Ursache für die Krise. Wir müssen endlich anfangen, wieder solide zu haushalten.

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Mich ärgert

immer mehr das unendliche Spindoctoring in der Sprache aller Politiker. Beispiel aus diesem Interview:

"Länder, die wie Griechenland in existentielle Nöte geraten sind"

Das soll vermitteln, es könnten die Griechen nichts für ihre Situation. Dem ist natürlich nicht so. Wäre Lambsdorff aufrichtig, müsste er formulieren

"Länder, die sich wie Griechenland in existentielle Nöte gebracht haben"

und ein guter Interviewer würde auch bei solchen Nebelbomben stets nachhaken.

  • Antworten
Serious Sam21.07.2011 | 18:35 Uhr

Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert

Die vorstehende Kritik an der Journalistin Sarah Maria Deckert, die dieses Interview führte, halte ich für unangemessen und unbegründet.
Die Fragen wurden präzise formuliert, so daß Alexander Lambsdorff, seines Zeichens Graf, diese sachgerecht und zielgerichtet beantworten konnte.
Dabei zeigte sich Lambsdorff ganz als "Diplomat". So lautet nämlich auch seine Berufsbezeichnung im "Bürger-Handbuch" des Europäischen Parlamentes (7. Wahlperiode 2009-2014).
Als besonders lobenswert ist hervorzuheben, daß sich Lambsdorff auch für eine finanzielle Beteiligung der "privaten Gläubiger" an dem sogenannten Rettungspaket für Griechenland einsetzt.
Für die Zukunft sollte die Europäische Union unter allen Umständen vorsorgen. Eine Schuldenkrise, die letztlich auf dem Rücken der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler ausgetragen wird, darf es nie wieder geben.
Ausfallrisiken sind einzig und allein den Gläubigerbanken und den sonstigen Geldgebern anzulasten; die Allgemeinheit darf unter keinen Umständen in Mithaftung genommen werden, sonst bewahrheitet sich der bekannte Ausspruch von Jungsozialisten früherer Jahre: "Gewinne werden privatisiert, Verluste jedoch sozialisiert".
Ob vorausschauende "junge Wilde" in der SPD das EU-Desaster bereits ahnten?
Praktische Politik wurde und wird jedoch von anderen gemacht, denen es leider vielfach an Weitblick und Erkenntnisfähigkeit mangelte und immer noch mangelt.

  • Antworten
Yvonne Walden23.07.2011 | 14:23 Uhr

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