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 > „Es wird unglaublich viel Müll geredet“

Kapital

IW-Chef Hüther zur Euro-Rettung„Es wird unglaublich viel Müll geredet“

Von Petra Sorge2. August 2012
picture alliance
EZB-Präsident Mario Draghi,Draghi-Plan,Staatsanleihen aufkaufen,Euro-Rettung
EZB-Präsident Mario Draghi will weitere Staatsanleihen aufkaufen
Schrift:

Der Euroraum steht offenbar vor einer gewaltigen Rettungsaktion: Die Europäische Zentralbank (EZB) und der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) sollen nach dem Willen von EZB-Chef Mario Draghi künftig Staatsanleihen von Euro-Krisenländern aufkaufen. Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, Michael Hüther, warnt im Cicero-Online-Interview davor

Seite 1 von 2

Herr Hüther, EZB-Chef Draghi hat weitere „unkonventionelle Maßnahmen“ im Kampf gegen die Krise angekündigt – darunter auch den Ankauf weiterer Staatsanleihen angeschlagener Euroländer. Was halten Sie davon?
Die Erfahrung des vergangenen Jahres zeigt, dass immer dann, wenn interveniert wurde und sich das Zinsniveau durch den Aufkauf von Staatsanleihen etwas beruhigte, dies in Italien – zugegeben: unter der Berlusconi-Regierung – zum Erlahmen der Reformbemühungen führte. Deswegen muss man jetzt auch sehen: Welche Anreizwirkungen erschafft man durch einen groß angelegten, gar systematischen Aufkauf von Staatsanleihen von Regierungen, die schlecht begründet nach Hilfe rufen?

Ein Bremskurs bei den Strukturanpassungen – genau das befürchtet auch die Bundesregierung.
Genau. Sollte die EZB jetzt ein groß angelegtes Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen starten, dann hätte ich doppelte Bedenken. Einmal die eben genannten Anreizeffekte für die Länder, die sich eigentlich weiter anstrengen müssten. Es gibt aber auch Anreizeffekte für die Kapitalmärkte. Denn wenn das Risiko eines Kaufs von Staatsanleihen berechenbar wird, dann ist es natürlich für Sie als Investor ein super Geschäft. Sie erwerben Staatsanleihen und wissen, dass Sie diese zu bestimmten Konditionen wieder bei der EZB loswerden. Das kann eigentlich nicht die Grundlage einer Geldpolitik sein!

Aber was Ihr erstes Bedenken betrifft: So schludrig, wie Sie das jetzt darstellen, waren doch die Krisenländer gar nicht. Irland hat sich sehr angestrengt und könnte bald wieder vom Rettungsschirm EFSF runter, Spaniens Führung hat tiefe Einschnitte ins Sozialsystem beschlossen, selbst in Griechenland wird gespart. Wäre die Hilfe von der EZB jetzt nicht einfach mal als Entgegenkommen notwendig?
Ich glaube, das Problem haben sich die betroffenen Länder selbst geschaffen. Sie haben nicht die richtigen Geschichten erzählt.

Bildergalerie: Eine kleine Geschichte des Euro
  • Eine kleine Geschichte des Euro
  • 1979: Gründung des Europäischem Währungssystem
  • Französischer Präsident Mitterand will eine Währungsunion
  • 1990: Freier Kapitalverkehr
  • 2002: Vertrag von Maastricht
  • Euro-Tower in Frankfurt
  • 1995: Der Name "Euro" wird geboren
  • Europäische Zentralbank löst EWI ab
  • 1999: Die Wechselkurse des Euro werden festgelegt
  • 2001: Griechenland wird in die Währungsunion aufgenommen.
  • 2002: Einführung des Euro
  • Jean-claude Trichet, Präsident der EZB
  • 2007-2009: Neue Länder treten der Währungsunion bei
  • 2009: Euro-Krise bahnt sich an
  • Griechenland in der Euro-Krise
  • Europäischer Rettungsschirm
  • Irland in der Euro-Krise
  • Portugal in der Euro-Krise
  • Spanien entkommt bislang nur knapp der Euro-Krise
  • Italien soll sich nun auch in der Euro-Krise befinden
  • Verlängerung des Euro-Rettungsschrims?

Wie bitte?
Die spanische und die italienische Regierung verweisen beide mit großer Geste auf das drückend hohe Zinsniveau: Sie könnten das nicht mehr ertragen. Erstens stimmt das so nicht, und zweitens wäre es viel klüger zu erzählen, welche Reformen sie schon gemacht haben. Gerade in Spanien wurde dies sehr konsequent angepackt. An der Wettbewerbsfähigkeit und der Entwicklung des Exports sehen wir, dass die Maßnahmen erste positive Effekte haben. Das muss die Regierung als erstes mal nach außen tragen. Denn wer soll bitte Zutrauen gewinnen, wenn die Regierungen ihre eigenen Leistungen nicht würdigen?

Widersprechen Sie sich da nicht gerade? Einerseits fürchten Sie, dass Anleiheaufkäufe die Reformbemühungen dämpfen, andererseits beschreiben Sie, dass die Maßnahmen bereits wirksam waren.
Seit dem Frühjahr hat die EZB nicht mehr durch Ankäufe in den Markt eingegriffen. Dadurch hatten wir eine lange Zeit Ruhe. Aber es ist ja nicht so, dass etwa in Spanien nicht noch weiterer Reformbedarf wäre. Es bleibt noch immer viel zu tun. Beispielsweise bei der föderalen Struktur – man hat die Regionen noch nicht richtig im Griff und scheut auch eine wirkliche Restrukturierung im Sparkassensektor.

Anfang des Jahrtausends hat die amerikanische Bundesbank, die Federal Reserve, den US-Markt mit billigem Geld geflutet. Der damalige Behördenchef Alan Greenspan setzte die Zinsen fast auf null herab – Experten zufolge war das die Ursache der US-Hypotheken- und weltweiten Finanzkrise 2008. Fürchten Sie ähnliche Effekte nun auch in Europa, wenn Draghi den Leitzins zwar erst einmal nicht weiter senken, aber doch weitere Staatsanleihen aufkaufen will?
Ein solches Risiko ist tatsächlich im Auge zu behalten. Dabei ist das niedrige Zinsniveau ja nur ein Indikator einer expansiven Geldpolitik. Ende Dezember und Ende Februar hat die EZB je rund eine halbe Billion Euro an die Geschäftsbanken für 36 Monate ausgegeben. Auch das ist ein Weg, geldpolitisch einen Expansionskurs zu fahren. Wenn die EZB nun irgendwann mal wieder den Leitzins anheben möchte und versuchte, Liquidität vom Markt wieder einzusammeln,  wird das politisch wohl schwierig werden. Das wird enorme Widerstände auslösen.

Seite 2: „Bitte, liebe Anleger, schaut euch mal an, was in den Krisenländern passiert“

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Selbstbezug

Herr Hüther gehört zweifelsohne zu den Müllproduzenten. Das erkennt man schon daran, dass er behauptet, die Staaten seien die Schuldigen und Verursacher der Krise. Nicht die Banken haben die Staaten gerettet, sondern umgekehrt. Auch Hüthers Hinweis: "...mit Fiskalpakt, ESM, Schuldenbremse und Six Pack, also Schritte zu einer besseren und stabilitätsverpflichteten Koordination der Finanzpolitik" beweist, dass seine neoliberalen Tagträume nicht zu Ende sind, sondern von ihm munter fortgeschrieben werden. Wir haben keine Staatsschulden- sondern eine Finanz- und Bankenkrise. Dies lässt sich schon daran erkennen, dass die Banken mit 9 Mrd dreimal höher verschuldet sind als die Eurostaaten. Wer aufgrund dieser Fakten immer noch den Staaten den Miesepeter zuschanzen will, betreibt keine seröse Wirtschaftswissenschaft mehr, sondern marktgläubige Klientelpolitik. Man hatte zwar hin und wieder den Eindruck Herr Hüther hätte Kreide gefressen, aber angesichts derart interessengelenkter Argumentation, muss man jede Hoffnung fahren lassen, Herr Hüther ist offensichtlich nicht in der Lage, seine neoliberalen Irrläufe zu beenden. Er müsste dann seine bisherige Arbeit zum größten Teil auf den Müllhaufen einer gescheiterten Ökonomik und pervertierten Marktwirtschaft werfen.

  • Antworten
popper02.08.2012 | 18:44 Uhr

Kommt Zeit, kommt Rat?

Verehrter Herr Professor Hüther,
man solle einfach den Mund halten, sagen Sie. Das mag sein, wenn nur nicht die Probleme des Euroraumes ständig größer würden. Man solle nur Experten sprechen lassen und von denen nur die besten Köpfe suggerieren Sie. Und das auch nicht ständig, sondern wohl dosiert. Es könnte im schlimmsten Fall herauskommen, dass sich auch Experten in ihren Weissagungen ständig irren. Der interessierte Laie würde sich ob der vielen falschen Prognosen verdutzt die Augen reiben und zum Schluss gar nicht mehr hinhören. Keine Reputation , kein Ansehen, wie furchtbar. Da haben Sie vorgesorgt. Schließlich stammt der Satz, dass man weder den Erfolg noch den Misserfolg garantieren könne von Ihnen. Erfolg oder Misserfolg liegt somit gar nicht in unserer Hand. Das klingt gut und ist ein bequemer Fluchtweg.

Leider glauben immer noch viele Manager, Politiker oder Ökonomen dass sie die langen politischen und ökonomischen Kausalketten zwischen Ursache und Wirkung verstehen. Sie meinen tatsächlich, falls das von ihnen prognostiziertes Ergebnis, wenn es denn tatsächlich einmal eintritt, nicht dem Zufall geschuldet sei, sondern dass Ergebnis ihres klugen Handelns oder ihre Analyse sei. Sie sind erstaunt, wenn sie beim nächsten Mal die gleichen Instrumente anwenden und feststellen, dass sie versagen. Hier liegt die eigentliche Quelle des täglichen geistigen Mülls. Es ist die Hybris zu glauben alles sei machbar, alles sei lösbar, man brauche nur seinen Verstand zu gebrauchen und guten Willens zu sein und schon hätte man den Irrtum besiegt. So scheint es manchmal bei den Herren und Damen der europäischen Kommmission auszusehen. Selbstzweifel ist da nicht angebracht. Wer ihn anmeldet wird hinweggefegt.

Dabei sind vor allem diejenigen zu nennen, die ständig große Entwürfe machen. Entwürfe, deren Versprechungen weit in die Zukunft reichen. Sie sollen dem Normalbürger Sicherheit und Kontrolle über sein Leben suggerieren Schließlich wollen alle in einer Sicherheitskultur leben. Möglichst mit Pensionsanspruch. Alles soll sicher sein. Die Rente, die Arbeitsplätze, die Einkommen und natürlich der Euro mitsamt der politischen Union. Einer für alle, alle für einen. Sozusagen ein Leben mit möglichst wenig Risiko. Frieden sei dank. Und weil diese Sicherheitskultur Hochkonjunktur hat gibt es mehr und mehr selbsternannte große politische Weichensteller. Sie geben vor die Grundzüge der neuen Weltordnung zu kennen. Einer Ordnung, die das Leben sicherer macht, möglichst pensionssicher. Sie sind die größten geistigen Müllproduzenten. Sie wollen nicht einsehen, dass wir uns letztlich nur irren können. Gerade dieser nützliche Teil der Wirklichkeit, nämlich das Wissen um den Irrtum sollte als Selbstzweifel immer Beachtung finden. Wird er ignoriert, beginnt in der Regel die Produktion des geistigen Mülls. Deshalb: Etwas mehr Selbstzweifel täte uns allen gut. Er bewahrt uns vor weiteren geistigen Müll. Das ist wohl wahr!

  • Antworten
Heinz Pelzer04.08.2012 | 08:26 Uhr

Die meisten " Müllproduzenten" sitzen in der Politik

Schliesslich werden da immer neue,immer abenteuerliche Pläne ausgeheckt um Pleitelaender zu retten....bis jetzt gibt es keine nennenswerte Erfolge ,dafür kommen aber immer höhere Kosten auf den Steuerzahler zu. Wie hoch die Summe wird kann niemand Voraussagen....

  • Antworten
Lill-Karin Bryant04.08.2012 | 23:31 Uhr

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