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Kapital

„Economist“-Ex-Chef zur Eurokrise„Es ist wie nach Versailles“

Interview mit Bill Emmott19. Juli 2012
picture alliance
Bill Emmott, Wirtschaftsexperte, Ex-Chefredakteur Economist
„Diese Krise ist einzigartig, weil es noch nie eine so ambitionierte Währungsunion wie den Euro gab“
Schrift:

Vor zehn Jahren sagte Bill Emmott voraus, dass schon im ersten Euro-Jahrzehnt einige Länder wieder austreten müssten. Im Interview spricht der ehemalige Chefredakteur des Economist über die Überlebenschancen des Euro, Merkels falsche Wirtschaftspolitik und sein prophetisches Talent

Seite 1 von 3

Herr Emmott, vor zehn Jahren haben Sie in Ihrem Buch „Vision 20|21“ geschrieben, der Euro berge politisch „enorme Sprengkraft“, und einige Länder könnten sich „schon im ersten Jahrzehnt des Experiments“ wieder aus der Gemeinschaftswährung verabschieden. Empfinden Sie Genugtuung, dass sich Ihre Prognose zu bewahrheiten scheint?
Nein, mir wäre es lieber gewesen, wenn man dem Euro von Anfang an ein Regelwerk verpasst hätte, mit dem er die erste Krise überstehen kann. Aber die Mischung aus europäischer Solidarität und dem Beharren auf nationaler Souveränität und Verantwortung musste schiefgehen. Zumal die Regeln schon gebrochen wurden, bevor der Euro als Zahlungsmittel eingeführt wurde. Insofern war die Prognose einfach. Ich habe in demselben Buch aber auch geschrieben, die EU habe das Zeug zur Supermacht.

Sind Sie als Engländer froh, dass Großbritannien nie dem Euro beigetreten ist?
Das ist wahrscheinlich das Beste, was wir jemals für die Europäische Union getan haben. Die Europaskepsis der Briten hätte die Krise noch mal erheblich verschärft. Wir wären ein sehr instabiles Euromitglied gewesen.

Sie zitieren in Ihrem Buch Winston Churchill mit dem Satz: „Um Aussagen über die Zukunft machen zu können, muss man die Vergangenheit kennen.“ Gibt es Krisen, aus denen wir in unserer jetzigen Situation Lehren ziehen können?
Ich fürchte, diese Krise ist einzigartig, weil es noch nie eine so ambitionierte Währungsunion wie den Euro gab. Eine Gemeinschaftswährung dieser Größe mit so vielen Mitgliedern, die zudem auch noch politisch und ökonomisch in etwa gleich stark sein sollten, ist schwer mit anderen vergleichbar. Es gibt aber eine gewisse Parallele zur Situation nach dem Ersten Weltkrieg. Damals war die vorherrschende Ideologie, dass Deutschland den anderen Ländern die Kriegsschäden ersetzen muss, koste es, was es wolle. Der Ökonom John Maynard Keynes schrieb damals in seinem Buch „Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrags von Versailles“, dass eine solche Politik theoretisch richtig sein kann, in der Praxis aber unweigerlich katastrophale Folgen hat.

[gallery:CICERO ONLINE präsentiert: Die Kandidaten für die Euro-Nachfolge]

Und jetzt führt Angela Merkel mit ihrer Sparpolitik Europa an den Abgrund?
Wer Staatsschulden einzig als Sünden der Vergangenheit brandmarkt und dem ganzen Kontinent ein Spardiktat verordnet, der erreicht am Ende das Gegenteil von dem, was er eigentlich wollte. Wir sehen es in Griechenland, Portugal, Irland, Spanien und bald auch in Italien – diese Länder haben keine Chance, durch Sparen aus der Rezession herauszukommen, sondern werden auf einer Abwärtsspirale weiter nach unten gezogen. Dass dies nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische und gesellschaftliche Konsequenzen haben kann, haben wir schon bei den Ausschreitungen in Griechenland gesehen.

Aus den Wahlen in Griechenland sind jetzt doch wieder die Konservativen als Sieger hervorgegangen. Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass es den Griechen gelingt, Mitglied der Eurozone zu bleiben?
Unabhängig von der genauen Zusammensetzung der griechischen Regierung gehe ich davon aus, dass die Griechen versuchen werden, die Konditionen der Rettungspakete nachzuverhandeln. Die EU kann an einigen Stellen vielleicht nachgeben, aber wenn Griechenland auch in Zukunft nicht in der Lage sein wird, die Regeln des Stabilitäts- und Wachstumspakts einzuhalten, müssen sie die Währungsunion verlassen.

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Na endlich mal eine nüchterne Analyse,

die nicht darauf aus ist einseitig Schuldzuweisungen für die Finanzkrise auf Europa und insbesondere Deutschland zu verlagern. Inzwischen versucht jeder, der etwas mit Wirtschaft zu tun hat und schlechte Zahlen präsentieren muss sich darauf hinauszureden. Von Honkong bis Karstadt. An den strukturellen Ursachen der aktuellen Krise ändern Eurobonds und eine Erweiterung der Gemeinschaftshaftung in der EU gar nichts. Es werden allenfalls die Symptome kurzfristig gelindert. Ich würde auch nach 40 Jahren Deficitspending nicht von einer falschen Wirtschaftspolitik in der Bundesrepublik sprechen. Das ist Ausdruck eines kurzatmigen, an Quartalszahlen orientierten Denkens, das gleichzeitig ein Jahrzehnt der gebrochenen Stabilitätsregeln in der Eurozone kritisiert. Deutschland braucht ein Wachstum zwischen 1-3% und wird dies auch 2012-2013 ller Voraussicht nach wieder erreichen. Solange sich die wirtschaftlichen Kennzahlen in diesem Fahrwasser bewegen, gibt es keinen Grund für größere staatliche Eingriffe, schon gar nicht für solche, welche die folgenden zwei bis drei Generationen noch bezahlen müssten.

  • Antworten
Christoph Kuhlmann20.07.2012 | 05:44 Uhr

Es ist wie nach Versailles

Stimmt. Das sarkastische Bonmot des LE FIGARO wird sich bewahrheiten:
"Maastricht ist Versailles ohne Krieg. (Die Deutschen zahlen)."
Wie sollte es auch anders gehen. Die ehemalige DDR zu "restrukturieren" und international einigermaßen wettbewerbsfähig zu machen, das hat 20 Jahre gedauert und bisher über 1000 Mrd. EURO netto gekostet. Sachsen, z.B., erhält pro Jahr noch immer ca. 1 Mrd. EURO aus dem Länderfinanzausgleich und die Produktivität in den NEUEN Ländern liegt bei ca. 70% der Produktivität in den ALTEN Ländern.
Wer Griechenland kennt, der weiß, was die "Restrukturierung" des Landes kosten könnte.
Die PIIGS-Länder haben 3,3 Billionen Staatsschulden und 9,2 Billionen Bankenschulden. Mit ca. 5% Inflation und ca. 2500 Mrd. von Deutschland (ESM und andere Instrumente)kann man die Sache stabilisieren. Da die PIIGS-Länder aber weiterhin über ihre Verhältnisse leben werden - die Politiker wollen wiedergewählt werden! - ist das nur ein Aufschub von einigen Jahren. Ab 2030, dann leben in Deutschland ca. 8 MIllionen Menschen im Alter zwischen 25 und 59 Jahren weniger, aber die Zahl der Pensionäre/Rentner, Pflegefälle und Dementen wird deutlichh gestiegen sein, wird Deutschland nicht mehr zahlen können. Und dann?

  • Antworten
Wolram Wiesel20.07.2012 | 09:37 Uhr

Euro

Mit einer gehörigen Portion Zynismus könnte ich sagen: je schneller Deutschland pleite geht, umso besser. Nach dem Motto, lieber ein Ende mit Schrecken als das was heute ist - ein Schrecken ohne Ende. Hat Deutschland kein Geld und keinen Kredit mehr am Finanzmarkt, ist die Party zu Ende. Wir sind ruiniert und die anderen endlich zufrieden.

  • Antworten
Rudolf Stein20.07.2012 | 16:55 Uhr

Wie die deutschen Poltiker mit Steuergeldern umgehen

um auswegslose Situationen zu beschoenigen ist kriminell. Viele Experten
bezeichnen die Summe mit der dt.Steuerzahler fuer die Schulden anderer
haften bis zu 465Milliarden ...Generationen werden dafuer leiden muessen.Gleichzeitig haben wir immer weniger Geld fuer eigne Soziale Probleme.

  • Antworten
Lill-Karin Bryant21.07.2012 | 16:15 Uhr

...oder einfach weitermachen?

Herr Emmott empfiehlt neue Schulden, (noch) mehr Wettbewerbsfähigkeit und weitere Liberalisierung der Märkte. So soll sich der taumelnde Komasäufer aus seiner Krise einfach raussaufen.
Als Zugeständnis lässt er eine europäische Bankenaufsicht als Maßnahme gelten, die sich noch bewähren muss. Ein grandioser Denker, der Mann!

  • Antworten
Friedjoch Schoena21.07.2012 | 17:02 Uhr

Herr Wiesel hat völlig recht.

Herr Wiesel hat völlig recht. Die Euro-Einführung hat für Deutschland dieselben Folgen wie der damalige Friedensvertrag von Versailles, mit dem Unterschied, zuvor keinen Krieg geführt zu haben. Dieses Bild kommt der heutigen Wirklichkeit sehr nahe. Nur, dass demnächst zwei Generationen in Deutschland dafür brauchen, die deutschen Bürgschaften und Kredite für andere EU-Länder einzulösen. Das war nach dem ersten und auch nach dem zweiten Weltkrieg insoweit nicht der Fall. Zugegeben, nach dem zweiten Weltkrieg lag unser gesamtes Land in Trümmern. So tief wird Deutschland auch nach dem Auseinanderbrechen nicht mehr fallen.

  • Antworten
Gregor Kampmann23.07.2012 | 18:16 Uhr

Experten

So genannte “Experten” sind bekanntlich solche, die von immer weniger immer mehr wissen, bis sie irgendwann von Nichts alles wissen.

Die ganz hohe Kunst, von Nichts alles zu wissen, wurde von Priestern entwickelt:

(Lutherbibel 1984 / Genesis_3,6) Und die Frau (Finanzkapital) sah, dass von dem Baum (Geldverleih) gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht (Urzins) und aß und gab ihrem Mann (Sachkapital), der bei ihr war, auch davon und er aß.

Silvio Gesell: Die Übertragung des Urzinses auf das Sachkapital
http://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/gesell/nwo/5_4.htm

Alle elementaren volkswirtschaftlichen Zusammenhänge, die mit genialen, archetypischen Bildern und Metaphern in Genesis_1,1-11,9 exakt umschrieben sind, wurden durch die Überdeckung mit gegenständlich-naiven Fehlinterpretationen (so genannte Exegese der Priesterschaft) über Jahrtausende aus dem Begriffsvermögen der halbwegs zivilisierten Menschheit vollständig ausgeblendet.

Da es egal ist, welchen Unsinn die jeweilige Priesterschaft redet, solange die eigentliche, makroökonomische Bedeutung im Verborgenen bleibt, erfüllen die Priester noch heute ihre Aufgabe, auch wenn sie schon lange nicht mehr wissen, was sie tun (etwa seit dem 6. vorchristlichen Jahrhundert). Und weil Priester sich stets in Bescheidenheit üben, wissen sie natürlich nicht, dass sie von Nichts alles wissen, sondern glauben nur daran.

Dieser Glaube wurde im Lauf der Geschichte von an Hochschulen indoktrinierten “Wirtschaftsexperten” und vom Volk gewählten “Spitzenpolitikern” übernommen, sodass man heute nicht nur sprichwörtlich, sondern tatsächlich bei Adam und Eva anfangen muss, um solchen Patienten die Marktwirtschaft zu erklären:

http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/07/die-ruckkehr-ins-paradies.html

  • Antworten
Stefan Wehmeier25.07.2012 | 15:15 Uhr

Ursachen

Der Artikel geht zwar Rational mit den Erscheinungen der Krise um, fragt aber nicht nach den Ursachen. Wirklcihe Lösungen können aber nur dadurch gefunden werden. Wir haben einerseits innereuropäisch unterschiedliche Inflationsziele, sodass sich Deutschland auf Kosten von Griechenland sanieren will und das ist weltweit gepaart mit einer Geldmengenkrise bzw. zuviel renditesuchendes Vermögen. Die Wirtschaft und das Geldsystem braucht aber kein Vermögen um zu funktionieren - es ist eher hinderlich, da Schuldenmenge = Vermögensmenge! Und sofort verschwinden auch Finanzmarktspekulation und wirtschaftliche Macht... .

  • Antworten
Bernd11.08.2012 | 12:40 Uhr

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