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Die perfekte Frau ist eine Taschenlampe

Der Umsatz an Erotikspielzeug in Deutschland wächst stetig. Wir blicken hinter die Kulissen des erfolgreichen deutschen Erotikshops Dildoking und finden: Liebespuppen, Silikon-Füße und Taschenlampen.

Die prachtvolle Eva kann man(n) sich Stück für Stück zusammenbauen
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Unser Autor

Bigna Fink hat Soziologie und Philosophie studiert. Sie lebt und schreibt u.a. in Berlin.

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Betrachten wir die Sexualität zwischen Menschen einmal rein funktional – und subtrahieren davon das große Ziel aller Lebewesen – die Fortpflanzung – so bleibt das erotische Vergnügen übrig. Zum Glück entwickelt der Kapitalismus bekanntlich für jedes Bedürfnis eine Antwort in Form einer immer größer werdenden Auswahl an Konsumartikeln. Die Firma Dildoking hat für die moderne Frau beispielsweise mehr als 1000 unterschiedliche Vibratoren im Sortiment. „Dildoking.de“ gehört zu den größten Erotikversandhäusern Deutschlands. Das Unternehmen ist ein Vollsortimentler zum Thema Erotik, ein Generalist der Sinnesfreude, ein da Vinci des Liebesspielzeugs sozusagen. Ähnlich dem Lüneburger Stadtwappen beinhaltet auch das Wappen von Dildoking drei längliche Symbole. Während bei der Stadt Lüneburg jedoch drei Burgen in die Höhe ragen, sind es bei Dildoking drei Penisse.

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Hier, im hintersten Nordosten von Berlin, stellt sich die Frage: Kann ein Frauen-Torso aus Silikon Männerherzen wirklich höher schlagen lassen?

Bei Dildokings Warenwelt bleibt von der perfekten Frau, anders wie es die sexy Ladies auf deren Verpackungen suggerieren, nur noch ein Körperteil übrig. Ein Gliedmaß à la carte, aus Silikon. Perfekt? Es riecht nach Gummi, ist kalt, nutzt sich ab und hält nur ein gewisses Tragegewicht aus – bis zu 120 kg. Dann droht es zu platzen. Zur Auswahl stehen dem lüsternen Mann in der Lagerhalle sämtliche weibliche Glieder, aus thermoplastischem hautzarten Gummi. Es gibt neben Unterleibvarianten auch Fußpaare zu kaufen, Mund samt Gesicht dazu. Das Ganze erinnert ein bisschen an Baron von Frankenstein, der sich die perfekte Braut – die prachtvolle Eva – wortwörtlich Stück für Stück zusammensucht.

[gallery:Mehr als nur Klischee-Frauen]

„Liebespuppen“ nennen sich die Gummipuppen von heute, eindeutig zärtlicher als früher. Was für die einen nur Trash, ist vielleicht auch die Lösung für andere in frauenarmen Landstrichen.

„In Japan laufen Gummipuppen-Bordelle ziemlich gut“, erzählt Dildoking-Pressesprecher Bernd Hoffmeister. In Deutschland gab es bereits erste Versuche, ein Puppenbordell zu betreiben. Ein Besuch bei einer sogenannten „Real Doll“ kostet allerdings fast genauso viel wie bei einer echten Prostituierten.

Auch die Werbung für die Liebespuppe Pamela suggeriert auf deren Verpackung eine nahezu perfekte Frau: „Erlebe das absolute Traumgirl von Millionen von Männern lebensgroß und live! Ihr schöner Traumkörper mit weicher Samthaut und ihre üppigen Brüste laden zum Schmusen ein.“

Eine brasilianische Firma produziert sogar Gummipuppen für Hunde. Fast ebenso süß: Das aufblasbare Liebes-Schaf für 4,95 Euro.

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Wie jede andere Branche lebt auch die Erotikindustrie von Innovationen. So ist den Umsatzzahlen der Erotiktoys zufolge aktuell der perfekte Mann eine apfelgrüne Raupe (grinsender Vibrator), die perfekte Frau eine Taschenlampe (getarnter Masturbator). Denn längst verkaufen Spielzeuggeschäfte für Erwachsene nicht mehr nur fleischfarbene Sextoys, die an abgeschnittene Gliedmaßen erinnern. Ähnlich wie beim Kunstgeschmack unterscheiden sich auch die Spaß-Funktionalisten bzw. Liebhaber von Erotikprodukten in Realos und Abstrahierende.

Das Taschenlampen-Gerät könnte den echten Frauen übrigens noch ziemliche Konkurrenz machen. Rückmeldungen zur Version xxx bekräftigen diesen Verdacht: Da heißt es beispielsweise von User Horst auf der Webseite von Dildoking.de: „Wenn ich xxx früher gekannt hätte, hätte ich nicht geheiratet. Dann hätte ich lieber noch zwanzig Jahre die Plastig-xxx gebürstet.“ User Mad3all schreibt, das Gerät sei schon länger in seinem Besitz und immer noch so schön wie am ersten Tag. „Ich muss sagen, sie ist so gut wie perfekt.“

Eine neue Form der Liebe? Sexualforscher Rüdiger Lautmann relativiert: Erotikspielzeug gab es schon in Pompeji. Im Zuge der weiblichen Emanzipation sei aber derzeit auch ein Wandel innerhalb der männlichen Sexualität zu beobachten. Durch das Selbstbewusstsein der Frau, bei Unwillen „Nein“ zu sagen, entstehe in heutigen Partnerschaften eine Art „Vertragssexualität“, so die These von Lautmann. Das heißt, ohne Konsens kein Liebesspiel mehr. Jede und jeder macht also diesbezüglich öfters ihr/sein eigenes Ding. Eine Chance mehr für die vielen Sexualobjekte aus dem Berliner Silicon Valley. Mit Liebe habe das aber in den wenigsten Fällen zu tun. Aus männlicher Sicht sieht der Soziologe Lautmann das Erotikspielzeug schlicht und einfach als Zusatz für die Triebe und Fantasien des menschlichen Männchens. Ganz und gar unperfekt findet er allerdings den ganzen Müll, den eine solche erotische Kultur aus Plastik mit sich bringe. Von Bio-Gummipuppen wisse er jedenfalls nichts.

[gallery:Hommage an die Sinnlichkeit]

Fakt ist, der Anteil der Leute, die Erotikprodukte kaufen, hat in den letzten Jahrzehnten erheblich zugenommen. Sicher auch, weil der Onlinemarkt ein diskretes Einkaufen ermöglicht. 55 Prozent der Käufer sind sogar weiblich. Die perfekte Frau von heute kauft anscheinend nicht nur Schuhe und Handtaschen.

Sexualforscher Lautmann beobachtet dagegen zwei parallel verlaufende Entwicklungen der erotischen Kultur in unserer Gesellschaft: Während die einen offener und entspannter mit dem Thema umgehen, formiert sich andererseits ein gesellschaftlicher Trend in Richtung konservativer, religiöser Werte.

Dildoking-Pressesprecher Hoffmeister indes freut sich über steigende Umsatzzahlen des 30-Mann-starken Unternehmens. In Punkto Betriebswirtschaft beweist die Sexpuppen- und Dildobranche offensichtlich Standfestigkeit.

 

 

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