Mei Wei Cheng ist der erste chinesische Länderchef eines deutschen Großkonzerns. Ein öffentlichkeitswirksamer Gesichtswechsel, obwohl Cheng „Expat“ ist - und damit weniger Risiko für Siemens darstellt.
Was für einen Unterschied ein Gesicht macht. Vor einem Jahr läutete Siemens in China ein neues Zeitalter ein. 138 Jahre nachdem die Münchner ihren ersten Telegrafen nach Fernost lieferten, legen sie ihr China-Geschäft in die Hände eines Chinesen: Mei Wei Cheng, ein freundlicher 61-jähriger Herr mit weißen Haaren und einer sehr großen Brille, beendet damit nicht nur eine lange Reihe deutscher China-Repräsentanten, sondern ist überhaupt der erste chinesische Länderchef eines deutschen Großkonzerns. Die Symbolik ist eindeutig, doch bei der Bewertung seiner Berufung gehen die Meinungen auseinander: Die einen halten Chengs Aufstieg für einen Coup, die anderen für einen riskanten Ausverkauf.
„Unter kulturellen Gesichtspunkten ist ein Chinese sicherlich im Vorteil auf dem Posten“, hat Siemens-Chef Peter Löscher schon früh für seinen neuen Frontmann geworben. Löscher, der im Konzernvorstand in München für eine internationale Mischung gesorgt hat, will mit Cheng für jedermann sichtbar das Versprechen einlösen, Siemens sei in China ein chinesisches Unternehmen. Das Gesicht, mit dem Siemens gegenüber der chinesischen Öffentlichkeit und seinen wichtigsten Kunden auftritt, ist mächtiger als die von der Konzern-PR seit Jahren verbreitete Statistik, dass von den rund 40000 Mitarbeitern in der Volksrepublik mehr als 95 Prozent Chinesen seien. Das Ausmaß der Lokalisierung ist ein wichtiges Verkaufsargument in einem Land, das seine Abhängigkeit von Technologieimporten zu verringern versucht und ausländische Firmen bei öffentlichen Aufträgen häufig ausschließt. Einen Chinesen an der Spitze zu haben, dürfte da ein Vorteil sein, kalkuliert Siemens.
Außerdem hat Cheng, der zehn Jahre lang das China-Geschäft des US-Autoherstellers Ford aufbaute und zuvor für den Siemens-Konkurrenten General Electric arbeitete, zweifellos mehr Landeserfahrung und ein besseres Netzwerk als jeder im Münchener Mutterhaus aufgewachsene Deutsche.
Doch gerade die enge Verflechtung mit Land und Leuten spricht bei vielen internationalen Unternehmen noch dringend gegen chinesische CEOs. Denn wo liegen ihre Interessen, und wem gehört ihre Loyalität? „Es macht einen entscheidenden Unterschied, ob ein Manager seine Zukunft im Unternehmen sieht oder im chinesischen Markt“, sagt Katja Sailer, China-Managementberaterin und ehemalige Personalchefin eines deutsch-chinesischen Joint Ventures. „Ein Expat, der von der Zentrale nach China geschickt wurde, kann bei Problemen nicht einfach das Handtuch schmeißen, während es bei chinesischen Managern durchaus vorkommt, dass sie von einem Tag auf den nächsten verschwinden.“
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