„Burnout ist out“. Es gab Zeiten, in denen vermehrt damit kokettiert wurde, zumindest unter einem der vielen Symptome aus der breiten Burnout-Syndrompalette zu leiden. Über Launchpartys, Massagen am Arbeitsplatz und warum man sich den Stresstest für das europäische Bankensystem als Vorbild nehmen sollte.
Gerade in Krisenzeiten wie diesen will „Ökonomie und Alltag“ seinen Lesern auch mal positive Nachrichten überbringen, um so kurz vor dem Wochenende die Sorgen der Woche zu vertreiben. Umso erfreuter waren ich und mein Research-Team, als wir zwischen all den Katastrophenmeldungen über den Euro, die drohende Pleite der USA und das Ausscheiden der deutschen Fußballfrauen bei der Heim-WM kürzlich beim Studium des Karriereteils der Süddeutschen Zeitung die Schlagzeile „Burnout ist out“ entdeckten. Professionelle Haarspalter werden jetzt einwenden: Ja, war er denn jemals „in“? Ohne jetzt alle Burnout-Opfer unter Hypochonder-Verdacht stellen zu wollen, gab es schon Zeiten, in denen fast jeder damit kokettierte, zumindest unter einem Symptom auf der wahrlich nicht schmalen Burnout-Syndrompalette zu leiden, zu denen unter anderem Lustlosigkeit, Gereiztheit, Gefühle des Versagens, mangelndes Interesse am Beruf oder Aufgabenbereich, permanente Müdigkeit, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Stimmungsschwankungen, sowie Kopfschmerzen oder Magen-/Darmbeschwerden zählen. Und seien wir mal ehrlich, da ist doch wirklich fast für jeden etwas dabei. Und so war das Burnout vielleicht noch kein Statussymbol, aber wer ihn hatte, suggerierte damit immerhin, vorher einmal hart gearbeitet zu haben.
Aber darum geht es gar nicht in der SZ-Geschichte. Hier kommen Forscher zu Wort, die uns Arbeitnehmern 20 „goldene Jahre“ prophezeien, zumindest für gut Ausgebildete und Fachkräfte. Aufgrund des demografischen Wandels und dem damit einhergehenden Fachkräftemangel, könnten sich es die Unternehmen in Zukunft gar nicht mehr leisten, ihre Arbeitnehmer durch Stress und Überforderung kaputtzumachen. Wer jetzt zwischen 25 und 35 Jahren alt sei, könne in Ruhe abwarten, was die Arbeitnehmer zu bieten haben. Unseren jüngeren Lesern sei an dieser Stelle erklärt, dass es eine ähnliche Phase schon einmal gab, bekannt geworden unter dem Namen: New Economy. Damals um die Jahrtausendwende kamen die Mitarbeiter der wie Pilze aus dem Boden schießenden Internet-Startups vor lauter Launchpartys, sich am Arbeitsplatz massieren lassen, Tischfußball spielen und das Catering auf Sterne-Niveau zu genießen kaum noch zum Arbeiten. Bedauerlicherweise platzte die Dotcom-Blase wenig später. Als Inspiration für die kommenden „goldenen“ Jahrzehnte lohnt sich etwas Vergangenheitsrecherche aber ganz bestimmt.
Als verantwortungsvoller Kolumnist muss ich Ihnen aber an dieser Stelle doch einen kleinen Schluck Essig in ihr gut gefülltes Glas Wein schütten: Es könnte sein, dass solche Eskapaden auch diesmal nicht auf Dauer zu bezahlen sein werden. So mahnt der ehemalige Finanzminister Peer Steinbrück in seinem aktuellen Vorwahlkampf zur Bundestagswahl 2013 landauf, landab, dass es In Asien eine ganze Reihe fleißiger Menschen gibt, die ihren Wohlstand mehren wollen und durchaus bereit sind, dafür mehr als 35 Stunden die Woche zu arbeiten. Der ehemalige britische Premierminister Gordon Brown schrieb kürzlich sogar, dass Europa aufgrund seiner Wachstumsschwäche in den kommenden Jahrzehnten kontinuierlich an Boden zu verlieren droht. Wenn man nicht sofort die dringendsten Probleme des Kontinents anginge, könnte die europäische Wirtschaftsleistung bis 2050 auf das Niveau Lateinamerikas absinken. Oder anders formuliert: Vielleicht müssen wir uns auch in den kommenden Jahren beim Arbeiten anstrengen und sind in manchen Situationen sogar Stress ausgesetzt.
Ob Sie das aushalten können? Schlagen Sie ihrem Vorgesetzten doch mal vor, alle Mitarbeiter der Abteilung einem Stresstest zu unterziehen. Nehmen Sie sich dabei aber die Stresstests für das europäische Bankensystem als Vorbild, die heute offiziell veröffentlicht werden. Bei dem von der neuen Europäischen Bankenaufsicht (EBA) durchgeführten Test kann man fast gar nicht durchfallen, denn die größte Gefahr für das europäische Bankensystem, eine Staatspleite Griechenlands, spielt bei dem Test gar keine Rolle. Sollte im Abteilungs-Stresstest trotzdem einer durchfallen, stehen die Chancen nicht schlecht, dass der Chef dafür Verständnis hätte. Denn aus der SZ-Lektüre haben wir gelernt, dass bei modernen Führungskräften inzwischen eine Trendumkehr eingesetzt hat, da viele von ihnen in den vergangenen Jahren selbst an einem Burnout gelitten haben. Sollten Sie dagegen noch einen altmodischen Chef haben, machen sie es wie die Hessische Landesbank. Nachdem durchgesickert war, dass sie den Banken-Stresstest nicht bestanden hatte, untersagte sie der EBA die Veröffentlichung des eigenen Ergebnisses. Ja, das geht und wird dann so gewertet, als habe man an dem Test gar nicht teilgenommen.
In diesem Sinne: Ein stressfreies Wochenende!












