Dow Jones

Wie lange hält das Hoch an den Börsen?

Schönwetterlage an den Börsen – die Aktienkurse erreichen Rekordhöhen. 

Auch Tokio liegt im Dow-Hoch-Gebiet
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Unser Autor

Obertreis, Rolf

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Von wegen Euro-Schuldenkrise, Zwangssparen in den USA oder strauchelndes Italien: Nichts kann die Anleger davon abhalten, in Aktien zu investieren. Nachdem der Dow Jones in den USA am Dienstag kurz nach Handelsbeginn auf ein Allzeithoch geklettert war, ist am Mittwoch der deutsche Aktienindex Dax auf den höchsten Stand seit Anfang 2008 gestiegen. Auch in Asien legten die Börsen kräftig zu.

Was sind die Ursachen für den Aktienboom?

Verantwortlich für die Entwicklung an den Börsen sind derzeit vor allem die großen Notenbanken: Unablässig pumpen sie weltweit, vor allem aber in den USA, in Japan, in Großbritannien und in der Euro-Zone, billiges Geld in den Markt, um die Konjunktur auf Trab zu bringen.

Und um den Kampf gegen die Schuldenberge und die Finanzkrise zu erleichtern.

Sprüche wie „Die Notenbanken dopen den Dax“ oder „Surfen auf der Geldwelle“ machen unter Börsianern die Runde. Doping heißt in diesem Fall: niedrige, sogar sehr niedrige Zinsen. In den USA verlangt die Notenbank aktuell 0,25 Prozent, wenn sich Geschäftsbanken Geld leihen, in England 0,5, in der Euro-Zone 0,75 und in Japan 0,82 Prozent. Dabei sind diese Sätze nicht die ganze Wahrheit: Faktisch tendiert der Zins eher gegen null. Zudem kauft die US-Notenbank Fed jeden Monat Staatsanleihen und Hypothekenpapiere im Volumen von 85 Milliarden Dollar auf und drückt damit den Zins ebenfalls. Auch in Japan und England sind solche Strategien Usus. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihr erstes Programm zwar beendet, aber ein weiteres Programm liegt fix und fertig in der Schublade.

Das viele Geld soll eigentlich in Form von Krediten an Unternehmen und Verbraucher fließen. Das aber passiert nur zum Teil, weil die Wirtschaft in den europäischen Krisenländern vor sich hin dümpelt. Also wird das Geld angelegt. „Und da gibt es derzeit kaum Alternativen“, sagt Markus Reinwand, Aktienstratege bei der Landesbank Hessen-Thüringen. „Es herrscht Anlagenotstand.“ Tagesgeld und Sparanlagen, selbst solide Bundesanleihen werfen derzeit nicht einmal einen Zins ab, der die Inflationsrate deckt. Faktisch verlieren Anleger damit Geld. Auch Gold und andere Edelmetalle sind derzeit kaum eine Alternative.

Ist auch das Vertrauen der Anleger in die Wirtschaft gewachsen?
Tatsächlich hellen sich die Konjunkturaussichten allmählich auf. In Deutschland soll die Wirtschaft 2013 immerhin mit einem Prozent wachsen. Und den Unternehmen geht es alles andere als schlecht. 33 Milliarden Euro an Dividenden und damit so viel nie zuvor schütten die 100 größten deutschen Aktiengesellschaften in den nächsten Wochen an ihre Aktionäre aus. Auch dies lockt Anleger auf das Börsenparkett. Und schließlich haben die Deutschen noch Potenzial. Sie sind Aktienmuffel. Die herben Erfahrungen mit drastischen Verlusten in der Internet- und Technologieblase Anfang des Jahrtausends wirken immer noch nach. Hierzulande gibt es nur 8,8 Millionen Aktionäre, nur 13,7 Prozent der Bundesbürger besitzen Aktien oder Aktienfonds. In anderen Industrieländern liegt die Quote bei deutlich über 20 Prozent.

Dass die Aktienkurse sich noch nicht von der Wirtschaft losgelöst haben, belegt ein Vergleich. Wer heute eine BASF-Aktie kauft, erhält gemessen am jetzigen Kurs immerhin eine Dividendenrendite von 3,7 Prozent. Das ist beachtlich. Zumal der Kurs der Aktie in den letzten Monaten stark gestiegen ist. Der Kurs hat also trotzdem noch einen realistischen Bezug zum Gewinn, den das Unternehmen macht und ausschüttet.

 

Gehen die Kurse nun weiter nach oben?
Ja, sagen nicht wenige Auguren. 8000, sogar auch 8500 Punkte zum Jahresende haben etliche auf dem Schirm. Auch und vor allem, weil die Notenbanken derzeit kaum eine Alternative zur ultralockeren Geldpolitik haben. Und die meisten Regierungen daran auch kein Interesse haben. Höhere Zinsen dürften die Konjunktur bremsen und wären vor allem für die Krisenländer im Süden Europas eine schwere Last. Kein Volkswirt rechnet denn auch damit, dass EZB-Präsident Mario Draghi nach der Sitzung des Notenbankrats am heutigen Donnerstag ein Signal in diese Richtung gibt. Und eine Inflationsgefahr ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die Preissteigerungsrate in Euro-Land ist zuletzt wieder unter die entscheidende Marke von zwei Prozent gefallen.

Trotzdem wächst die Vorsicht, je weiter die Aktienkurse steigen. „Die Luft wird dünner“, sagt Experte Reinwand. „Fundamental orientierten Anlegern fehlt der Glaube, dass diese Bewegung Tragfähigkeit verspricht“, umschreibt Eugen Keller von Bankhaus Metzler die Lage. Freilich: Einen Crash an der Börse befürchtet derzeit erkennbar niemand. Wer Anfang 2012 im Dax eingestiegen ist, kann sich im Schnitt über stolze Kursgewinne von immerhin 35 Prozent freuen.

Die Erfahrung zeigt, dass zu Beginn eines Aufwärtstrends zunächst Insider, bestimmte Vermögensverwaltungen und Trader einsteigen, die über verlässliche Indikatoren verfügen. Als Nächstes kommen die Anleger hinzu, die sich eine gute Dividende erhoffen. Wenn die Kurse immer weiter steigen, bis ihre Dividendenrendite sehr niedrig ist, kommen nur noch diejenigen Anleger hinzu, die nicht die Dividende, sondern nur die weiter steigenden Kurse im Auge haben. Am Ende kommt es zu einer Hysterie, bei der alle Leute bei der Börsenparty dabei sein wollen und zu Höchstkursen Aktien kaufen, bevor alles einbricht.

Warum wirkt sich das staatliche Zwangssparen in den USA nicht negativ aus?
Die Aktien steigen, obwohl in den USA am vergangenen Freitag die automatischen Haushaltskürzungen in Kraft getreten sind. Die Obama-Administration hatte vor dramatischen Folgen für die Wirtschaft gewarnt, sollten die Republikaner sich weiterhin einem Kompromiss verweigern. Auf ein Scheitern der Verhandlungen hatte sich die Wall Street aber offenbar längst eingestellt. Zudem haben Großbanken wie Goldman Sachs und Bank of America jüngst Investorentagungen veranstaltet, auf denen nach Angaben der „Neuen Zürcher Zeitung“ die Aufmerksamkeit viel stärker auf US-Notenbankchef Bernanke gerichtet war, der in den Finanzausschüssen des Kongresses das Anleiheaufkaufprogramm verteidigt hatte. Hintergrund ist die Tatsache, dass die automatischen Haushaltskürzungen 85 Milliarden Doller im Jahr betragen, die US-Notenbank aber jeden Monat die gleiche Summe von 85 Milliarden Dollar in den Markt pumpt, also das Zwölffache. Dieses Verhältnis relativiert stark die negativen Auswirkungen der Haushaltskürzungen auf die US-Wirtschaft.

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