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 > „Die haben keinen blassen Schimmer!“

Kapital

Politische Irrtümer„Die haben keinen blassen Schimmer!“

Interview mit Rolf Dobelli28. November 2012
picture alliance
Dobelli,Autor,Buch,Bestseller,Irrtum,Politik
„Unser Hirn will immer noch Herdentrieb, aber wir sollten viel öfter selbständig denken“ – Bestsellerautor Rolf Dobelli
Schrift:

Unsere Welt ist für unser Hirn viel zu komplex – das gilt auch für Politiker. Bestsellerautor Rolf Dobelli über Irrtümer, den Goldstandard und die Überforderung des Politikergehirns

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Herr Dobelli, Sie sind Experte für falsches Denken. Was sind die einschlägigen Denkfehler, die in Wirtschaft und Politik begangen werden?
Es sind viele. Am häufigsten ist wohl der Planungsirrtum – also das systematische Überschätzen der Fähigkeiten bei der Planung großer Projekte – sei es beim Umbau eines Bahnhofs oder der Regulierung des Finanzmarkts.

Sie sagen: Nicht an Dingen festhalten, nur weil man schon viel in sie investiert hat. Klingt nach Griechenland.
Das ist die „Sunk Cost Fallacy“. Wir tendieren dazu, bei neuen Entscheidungen verlorene und unwiederbringlich ausgegebene Gelder in Betracht zu ziehen. Ein fataler Fehler. Es wird argumentiert: Jetzt haben wir schon so viel investiert in die Rettung Griechenlands oder in den Bestand des Euro, jetzt müssen wir weitermachen. So darf man das aber nicht sehen. Die Frage muss lauten – unabhängig davon, wie viel wir schon reingesteckt haben, ob einen Euro oder eine Trillion: Wie sieht die Situation heute aus? Ist es das wert, weiterhin den Euro zu verteidigen oder Griechenland in der EU zu halten? Was man schon reingebuttert hat, darf bei der Entscheidung keine Rolle spielen.[gallery:20 Gründe, warum sich Ehrlichkeit in der Politik nicht lohnt]

Machen es sich Bestsellerautoren und Leitartikler nicht vielleicht ein bisschen leicht und übersehen die Bedingungen, unter denen Politik abläuft?
Sie haben in einem Punkt recht mit der Frage: Politische Prozesse sind im Grunde viel zu komplex für unser Hirn. Unser Hirn ist für eine Umgebung unserer evolutionären Vergangenheit gebaut, die sehr einfach war: 50 Menschen in einer Kleingruppe, Jäger und Sammler, davon etwa die Hälfte Kinder, darunter ein paar Alte. Vielleicht 20 wirklich produktive Erwachsene, zehn Frauen und zehn Männer. Immer die gleiche Umgebung, ein kleiner Bewegungsradius von vielleicht zehn Kilometern. Und jetzt haben wir uns eine Welt geschaffen, die viel zu komplex ist. Unser Hirn ist dafür nicht geschaffen. Wir verstehen diese Dinge nicht, auch wenn wir es wollen. Die Welt mit ihren Handlungsfeldern, wie Politik oder Finanzmarkt, sind zu komplex geworden. Deshalb darf man Politikern keinen Vorwurf machen. Sie haben einen unmöglichen Job. Ich habe größten Respekt vor ihnen. Wie auch vor Vorstandschefs großer Firmen, die stecken genau in der gleichen Situation.

Wieso soll uns das nicht fit für die neue Welt gemacht haben? Survival of the fittest …
Die biologische Evolution hatte gar keine Zeit, unser Hirn an so etwas wie „globale Finanzmärkte“ anzupassen. Darum laufen wir heute mit einer Menge systematischer Denkfehler durch die Welt. Zum Beispiel war es seinerzeit in der Steppe sinnvoll, das Verhalten der anderen zu kopieren. Raschelte es in den Büschen und rannten die anderen davon, lohnte es sich, den anderen hinterherzurennen und nicht lange zu grübeln. So haben wir überlebt. Darum gibt es die menschliche Rasse, darum gibt es dieses Hotel, gibt es die Stadt Berlin. Menschen, die den anderen nicht hinterhergerannt sind, haben nicht überlebt, die sind aus dem Genpool verschwunden. Wir sind die Nachfolger jener, die das Verhalten der anderen kopiert haben.

Wo ist das Problem dabei?
In der heutigen Zeit brauchen wir diesen Herdentrieb nicht mehr. Er ist sogar schädlich. Besonders am Finanzmarkt, in der Wirtschaft generell, lohnt es sich, selbstständig zu denken und zu handeln. Natürlich, es gibt Fälle, in denen man unter Druck gerät. Nicht dass ich es möchte, aber ich kann jetzt hier nicht meine Kleider ausziehen und splitternackt durch die Lobby laufen, da muss ich mich auch anpassen an die Konvention. Aber es lohnt sich, viel öfter selbstständig zu denken, als es früher der Fall gewesen war.

Weil Sie gerade die Finanzmärkte ansprechen. Sie beziehen sich in Ihren Büchern oft auf prominente Akteure an den Finanzplätzen, die Sie offenbar gut kennen. Lachen diese Leute sich eigentlich kaputt über die Ahnungslosigkeit der Politik, was die Finanzwelt anlangt?
Sie lachen sich tot! Weil die Politik keinen Schimmer hat, was abgeht. Die Geldmenge zum Beispiel. Wir denken immer, die Geldmenge wird von der Zentralbank festgesetzt. Aber das stimmt nicht. Die Geldmenge wird nur zu vielleicht 20 Prozent von den Notenbanken geschaffen, zu 80 Prozent aber durch die Geschäftsbanken. Natürlich nicht über physisches Notendrucken, sondern über elektronische Einträge in den Computersystemen – was auf das Gleiche hinausläuft. Geschäftsbanken vergeben Kredite. Das ist nichts anderes als eine elektronische Buchung auf das Konto des Kreditnehmers. Doch die Geschäftsbanken müssen das Geld für diese Kredite nicht wirklich besitzen.

Seite 2: Die Rückkehr zum Goldstandard

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Irrtum

Da hat der Herr Dobelli, so sehr ich ihn ja sonst schätzte, die Komplexität der Welt selber noch weniger begriffen, als er den Politikern vorhält... Er hat den Zins als Risikoprämie nicht verstanden, er verwechselt die Funktion des Geldes lediglich als Referenzgröße (Abrechnungseinheit) für den Handel und der Dienstleistungen, mit der Funktion eines haltbaren Gutes als Wertaufbewahrungsmittel | Geld ist nur eine Rechengröße! eine Verrechnungseinheit!!! | Substanz hat immer nur die Sache! | Herr Dobelli irrt ebenfalls, wenn er behauptet man könne die Schwarmirrtümer der anderen einfach ignorieren... und die Ratio darüberstellen - NEIN, Die Idioten sind in der Mehrzahl! und haben einen enormen IMPACT! den man auf keinen Fall ignorieren darf, sondern Ihn vorhersehen und in alle Entscheidungen mit einbeziehen muss. Das große Geschäft macht man sowieso nur mit den unzähligen lowbrainern die der herde folgen! Billige und lieblose Masssenartikel, vermeintlich einfache Standardlösungen... sind es die die Welt bedrohen...

  • Antworten
gracian28.11.2012 | 15:31 Uhr

Auch Denkfehler können Denkfehler sein ...

Wir werden längst nicht mehr von der selben Geistpotenz gesteuert wie unsere Vorfahren, die noch mit Knüppeln unterwegs waren, wenn sie sich einbildeten, der andere Schwarm habe die tolleren Weiber.

Unser Hirn wird zwar auch nach dem Auswendiglernen und Beherrschen hunderter von Denkfehlern nicht größer sein als zuvor und auch mithilfe von Nanorobotern in unserem Körper nicht viel leistungsfähiger werden. Wir werden es aber schaffen, all die vielen Denkfehler, die uns in den unzähligen privaten, beruflichen, geschäftlichen und verwaltenden Partnerschaften unseres bißchen Daseins plagen und der Nutzen daraus den jeweils Mächtigeren zufließt, mit Kenntnis der Eltern aller Denkfehler in den Griff zu bekommen. Massenhaft!

Der Planungsdenkfehler beispielsweise ist ein Denkfehlerkomplex, der die Logik des Mißlingens immerwieder zu einer successiv reaktiven Tortour menschlicher Gesellschaften macht. Doch auch dieser Sauhund läßt sich mit Kenntnis des Vaters und der Mutter aller Denkfehler so beherrschen, daß er zu einem harmlosen Tierchen zusammenschmoddert, den wir schon bald im Streichelzoo bewundern können. Wenn sich die Menschenwelt mit dem "Schwarmirrtum der Hirnwesen" beschäftigt: Die meisten rennen ohne Kenntnis des Zieles in der Gegend herum und gehen anderen auf die Nerven ... Das kommt daher: Vernunftwesen leiden noch immer unter einem peinlichen Bewußtseinsloch: Sie wissen nicht, welcher Motor sie antreibt, und in welchem Vehikel dieses Ding so herrlich herumstottert ...

  • Antworten
German JaCobi11.12.2012 | 20:33 Uhr

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