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 > Die Gauner aus der City of London

Kapital

Zins-Skandal in EnglandDie Gauner aus der City of London

Von Michael Naumann4. Juli 2012
picture alliance
Bank, London, England, Großbank, Barclays, Libor
Betrieb die renommierte englische Großbank Barclays jahrelang ein manipulatives Spiel?
Schrift:

Ein Zins-Skandal erschüttert die britische Finanzwelt. Er hat Auswirkungen auf das internationale Kreditwesen. Jahrelang wurde die Zinsermittlung für die Kreditvergabe unter den Banken manipuliert. Michael Naumann kommentiert, was nun daraus folgen muss

Seite 1 von 2

„Libor“ – kein Winterkurort in den Karpaten oder Slowenien – ist das Akronym für „London Interbank Offered Rate“. Es bezeichnet den Referenzzinssatz für das interne Bankgeschäft, also die Zinshöhe für meist kurzfristige Kredite, die sich international tätige Banken gegenseitig gewähren.

Festgesetzt wird dieser Zinssatz, ähnlich wie beim „Goldpreis-Fixing,“ durch ein täglich in London tagendes Gremium von bis zu 16 verschiedenen Banken. „Libor“ fließt in die Preisgestaltung normaler Kreditgewährungen für Privatkunden ein, ob in Böblingen oder Edinburgh, vor allem aber in das internationale Bankengeschäft mit allen möglichen Finanzprodukten, so genannten Derivaten, deren gegenwärtiges Volumen, sofern es vom „Libor“-Zinssatz beeinflusst wird, vom Wall Street Journal auf 800 Billionen Dollar geschätzt wird.

Da „Libor“ privatwirtschaftlich festgelegt wird, kann der Zinssatz manchmal über, manchmal unter dem Leitzins der Zentralbanken liegen. Auf alle Fälle definiert er internationale Immobilien-Hypotheken, Automobil-Darlehen oder Hedgefonds-Wetten und andere komplexe Finanzgeschäfte.

Bereits im Herbst letzten Jahres hegte die EU-Kommission den Verdacht, dass es bei der Festsetzung der Zinshöhen zu Manipulationen im Interesse der mitbestimmenden Banken gekommen sein könnte. Zum Beispiel könnte eine Bank einen besonders niedrigen Zinssatz angegeben haben, mit denen sie angeblich selbst ihr Interbanken-Kreditgeschäft betreibe, um während der Bankenkrise von 2008 vorzutäuschen, dass sie gesünder ist, als es der Fall war – um auf diese Weise an billigeres Geld zu gelangen oder eigene Finanzwetten abzusichern.

Das funktioniert prinzipiell allerdings nur, wenn andere Banken des Libor-Gremiums dieses manipulative Spiel mitmachen, um den „Libor“ zu senken. Genau dies scheint die renommierte englische Großbank Barclays im Zusammenspiel mit anderen britischen Banken zwischen 2007 und 2009 betrieben zu haben: Am 27. Juni akzeptierte das Geldinstitut eine Strafe in Höhe von 453 Millionen Dollar, die ihr von der britischen und amerikanischen Bankaufsicht auferlegt wurde. Der Aktienkurs sank am nächsten Tag um 15 Prozent.   

Am 3. Juli trat Barclays-Vorstand Bob Diamond unter Druck des Aufsichtsrats und der Öffentlichkeit zurück. Andere Top-Manager folgten. In der Vergangenheit war Diamond durch öffentliche Auftritte aufgefallen, in denen er die jährlichen Boni von Top-Bankern in zweistelligen Millionenhöhen rechtfertigte. Angeblich „untere“ Bankangestellte einer anderen, offensichtlich involvierten englischen Bank wurden gefeuert. Die Labour-Opposition fordert einen Untersuchungsausschuss ein; der britische Premier Cameron wiegelt ab. 

Der Chef der britischen Bankaufsicht FSA, Lord Turner, fasst die Dimension des ungeheuerlichen Skandals in der inzwischen stereotypen moralischen Empörung zusammen: „Die zynische Habsucht der Händler, die ihre Kollegen aufgefordert haben, ihre Libor-Angaben zu fälschen, so dass sie höhere Profite machen können, hat andere schockiert und verärgert – zumal wir in einer Zeit leben, die vor großen wirtschaftlichen Problemen steht, die selbst wieder das Resultat der Finanzkrise sind.“ Nichts Neues also.

Auf der folgenden Seite: Was für Schlussfolgerungen gezogen werden müssen

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Herrn Michael Naumann,
Danke, für die klaren Worte!
Bernhard Jasper

  • Antworten
bernhard jasper04.07.2012 | 17:46 Uhr

Kurzsichtigkeit

"Der Kurzsichtige ist selbstsüchtig, der Weitsichtige wird in der Regel bald einsehen, dass im Gedeihen des Ganzen der eigene Nutz am besten verankert ist."

Silvio Gesell (Vorwort zur 3. Auflage der NWO, 1918)

Kurzsichtigkeit bedeutet, einer falschen Zinstheorie anzuhängen, die entweder unverdiente Knappheitsgewinne auf Kosten der Mehrarbeit anderer (Zinsen und Renditen) entschuldigt (klassischer Liberalismus) und daher gegenüber systemischer Ungerechtigkeit (Kapitalismus) blind macht, oder die Zinsen und Renditen nicht als Knappheitsgewinne versteht (klassischer Sozialismus) und daher den Privatkapitalismus mit Gewalt (Enteignung) bekämpfen will, was zwangsläufig zu Unfreiheit (Planwirtschaft) und noch größerer Ungerechtigkeit (Staatskapitalismus) führt.

Den Kurzsichtigen fehlt die Einsicht, dass bei selbstregulativer (gewaltfreier) Beseitigung leistungsloser Kapitaleinkommen nicht nur alle Zivilisationsprobleme (und die "Finanzkrise") ebenfalls eigendynamisch verschwinden, sondern auch ein ganz neues Zivilisationsniveau (Natürliche Wirtschaftsordnung = Marktwirtschaft ohne Kapitalismus) erreicht wird, weil verdiente Knappheitsgewinne aufgrund technologischer und kultureller Innovation nicht mehr durch unverdiente Knappheitsgewinne von Sparern, die sich für "große Investoren" halten, geschmälert werden.

Wissenschaftlich korrekt und einander ergänzend sind allein die Erklärungen des Zinses als Urzins (S. Gesell, 1916) oder als Liquiditäts(verzichts)prämie (J. M. Keynes, 1935), die beide von einer Überlegenheit des Geldes (Dauerhaftigkeit bzw. Liquiditätsvorteil) gegenüber den Waren ausgehen. Also muss dem liquiden Geld diese Überlegenheit durch eine staatliche Liquiditätsgebühr auf alles Zentralbankgeld (Bargeld plus Zentralbankguthaben der Geschäftsbanken) genommen werden, um den Geldumlauf zu verstetigen und die Währung durch eine direkte Geldmengensteuerung absolut stabil zu halten, sodass der Warenaustausch schnell, sicher und billig erfolgt, ohne dass die Geldbesitzer einen ungerechten Vorteil gegenüber den Warenproduzenten oder Arbeitern haben.

Wie eine solche konstruktive Geldumlaufsicherung technisch zu verwirklichen ist, war zur Zeit des "Auszugs der Israeliten aus Ägypten" noch unbekannt. Also wurde die "Mutter aller Zivilisationsprobleme", die bisher alle Hochkulturen und Weltreiche in der Geschichte der halbwegs zivilisierten Menschheit zerstörte, aus dem Begriffsvermögen des arbeitenden Volkes ausgeblendet, damit das, was wir heute "moderne Zivilisation" nennen, überhaupt entstehen konnte. Das war (und ist noch) der einzige Zweck der Religion!

Nur ein außergewöhnliches Genie wie Silvio Gesell konnte sowohl den elementaren Fehler im "Geld, wie es (noch) ist" verstehen als auch das fehlerfreie "Geld, wie es sein soll" beschreiben, ohne die Religion verstanden zu haben

  • Antworten
Stefan Wehmeier05.07.2012 | 14:21 Uhr

Kaum zu glauben, was uns da

Kaum zu glauben, was uns da berichtet wird.
Respekt vor dem Mut von Michael Naumann.
Siehe auch : Der mächtigste Staat der Erde: Die City of London
Vortrag von Prof. Dr. Dr. Berger
http://www.youtube.com/watch?v=rMwyBnxhIAY

  • Antworten
Uwe E. Mertens06.07.2012 | 10:32 Uhr

Zensur beim Cicero?

Sehr geehrte Damen und Herren,
mehrfach habe ich Ihnen in den letzten Tagen einen Kommentar zum o.g. Bericht geschickt. Dieser war weder anstössig noch unqualifizeirt. Er hinterfragt nur Hr. Naumanns Kompetenz.
Es ist bereits das dritte Mal, dass Sie Kommentare dieser Art nicht, oder nur sehr verspätet veröffentlichen. Da die Hohe Anzahl an nicht-veröffentlichen (fairen, aber Hr. Naumanns Argumente hintergragenden) Kommentaren nahelegt, dass Sie im Auftrag von Hr. Naumann Zensur betreiben werden Sie dafür Verständnis haben, dass ich andere Publikationen über dieses Verhalten informieren werde. Ein Maganzin für politische Kultur sollte nicht Zensur betreiben, oder?

P.S.: Ich habe überdies einen Bekannenten der ebenfalls einen kritischen Kommentar über Hr. Naumanns Arguemente schrieb - den haben Sie unter Angabe fadenscheiniger Argumente (zu lang fürs Internet - obwohl andere Kommentare viel länger waren) abgelehnt. Das ganze erinnert schon fast an die DDR.

  • Antworten
Stefan06.07.2012 | 19:10 Uhr

Gute Frage!

Auch mir ergeht es so: Immer wenn man der Ansicht ist, dass Finanzmärkte vielleicht nicht unbedingt immer sauber arbeiten, dass es dort vielleicht auch das eine oder andere schwarze Schaf gibt, aber dass sie nicht die Verursacher der Krise, sondern die Überbringer der schlechten Botschaft sind, wird zensiert.
Ich kenne Cicero noch aus anderen Zeiten, wo eine Pluralität der Meinungen tatsächlich gefragt war und nicht nur die angeblich politisch korrekte, offiziell gewollte weil angeblich staatstragende Meinung immer wieder gebetsmühlenartig vorgetragen wurde.
Welche zusätzlichen Gesetze zur Bankenaufsicht wünschen sich diejenigen, die entsetzt darüber sind, dass die Geldgeber mittlerweile gemerkt haben, dass die meisten europäischen Staaten faktisch bankrott sind und deshalb keine neuen Gelder bekommen sollten - vor allem nicht zu sehr billigen Zinsen? Soll man den Banken das Denken verbieten, oder das Ziehen von Schlüssen oder das Verbreiten von Informationen? Durch die Gesetzgebung haben die Staaten doch schon dafür gesorgt, dass z.B. Versicherungen zwangsweise dem Staat Geld "borgen". Für die Teilenteignung der Bürger wird dann über die Inflation gesorgt.
Wenn man sich die Tricks des ESM und des EFSF anschaut, die doch sehr stark an die noch vor 3 Jahren angeprangerten Praktiken der amerikanischen Institute erinnern, als sie faule Hypothekenkrediten kaschieren wollten, wenn man sieht, wie die EU-Staaten und die Eurokraten immer wieder selbst definierte Vereinbarungen brechen, dann sollte man sich vorsehen, eine gesamte Berufsgruppe zu diffamieren und diejenigen, die aus dieser ganzen windigen Konstruktion die richtigen Schlüsse ziehen, pauschal als Gauner zu bezeichnen.
Wenn sich ein Magazin die politische Kultur auf die Fahne schreibt, sollte es nicht den Anschein erwecken, dass es politische Indoktrination betreibt.
Ich wiederhole mich: Natürlich gibt es auch schwarze Schafe unter den Bankern - wie auch unter den Politikern und allen anderen Menschen überhaupt.

  • Antworten
tizian08.07.2012 | 11:13 Uhr

Na also, geht doch

Der Libor wurde -um nach aussen eine höhere Bonität der Banken vorzugaukeln- i.d.R. nach unten manipuliert. Dadurch sanken die Zinsen für internatinale Kreditnehmer und die Zinsspanne der Banken (welche sich ja teurer als nach aussen gemeldet refinanzieren mussten) wurde kleiner. Eigentlich doch eine tolle Sache - und nicht gerade das Verhalten eines Gauners (sondern das genaue Gegenteil).

  • Antworten
Stefan07.07.2012 | 17:51 Uhr

die Fakten

Der Libor wurde -um nach aussen eine höhere Bonität der Banken vorzugaukeln- i.d.R. nach unten manipuliert. Dadurch sanken die Zinsen für internatinale Kreditnehmer und die Zinsspanne der Banken (welche sich ja teurer als nach aussen gemeldet refinanzieren mussten) wurde kleiner. Eigentlich doch eine tolle Sache - und nicht gerade das Verhalten eines Gauners (sondern das genaue Gegenteil).

  • Antworten
Stefan08.07.2012 | 22:16 Uhr

Ach, "Stefan", weil diese

Ach, "Stefan", weil diese Manipulationen zum Vorteil der Allgemeinheit stattfanden, wurde Barclays also vom amerikanischen Department of Justice wg. "price-fixing" zu einer Geldstrafe von ca. einer halben Milliarden Dollar verurteilt? Bei Zusicherung von Straffreiheit, weil die Bank bei der Aufklärung der Manipulationen "half", indem sie z.B. den e-mail-Verkehr zwischen Hedgefond-Dealern und Barclays offenlegte. There, lieber "Stefan" lies the rub: Cui bono? ist die erste Frage, die Sie sich stellen müssten, ehe sie diesem Autor allerlei vorwerfen. Und Sie selbst nutzen ja auch das verräterische Wörtchen "vorgaukeln." Erinnern Sie sich daran, dass Griechenland mit "vorgegaukelten" Bilanzen (und mit Hilfe von Goldman Sachs) sich in die Euro-Zone gemogelt hat - mit bekannten Konsequenzen. Was den Libor betrifft: Manipulierte Zinssätze sind ein hervorragendes Sprungbrett für Finanzwetten von Insidern, also von jenen, die innerhalb des Libor-Kartells - nennen wir es ruhig so - mit Barclays und anderen unter einer Decke steckten. Aber das wissen Sie gewiss schon.

  • Antworten
michael naumann09.07.2012 | 12:23 Uhr

Ach

Ach lieber Herr Naumann,
gehen Sie doch bitte auf den Kernpunkt meiner Kritik ein. Der lautet dass Journalisten eines politischen Magazins stets beide Seiten einer Medaillie betrachten sollten - und nicht nur selektiv immer die eine.
Darueber hinaus habe ich Ihnen vorgeworfen Kommentare die Ihre Argumente kritisieren oftmals nur sehr spät und teilweise gar nicht zu veröffentlichen - auch auf diesen Vorwurf gehen Sie in Ihrer Antwort leider nicht ein. Vieleicht sind meine Argumenta ja gar nicht so falsch?
Wir sind alle gespant ob diese Zeilen veröffentlicht werden.

  • Antworten
Stefan12.07.2012 | 01:25 Uhr

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