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Das System Blatter

Von Thomas Kistner, Thomas Kistner 22. Februar 2006
Schrift:
Die Fifa verfügt über das Monopol am begehrtesten Fernsehereignis des Planeten. Die Einnahmen der Weltmeisterschaften erlauben Fifa-Chef Sepp Blatter die gezielte Steuerung des Weltfußballs. Sportliche Belange spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle.
Beim Weltwirtschaftsforum war Sepp Blatter in seinem Element. Er konnte mit Exponenten der Zeitgeschichte posieren, von UN-Generalsekretär Kofi Annan bis Kanzlerin Angela Merkel, und hatte beim Festmenü mit Pelé einen passenden Gesprächspartner zur Seite. Eigentlich versteht der Chef des Fußball-Weltverbandes Fifa von Ökonomie so wenig wie von Weltpolitik. Hauptsache, es mischt sich keine Regierung in die Angelegenheiten der nationalen Fußballverbände – und schon gar nicht in seine. Blatter hat genug Ärger mit der Justiz in der Schweiz, da braucht es keine weitere Aufmerksamkeit, die auf sein autokratisch geführtes Milliarden-Unternehmen fällt. Zumal der Fußball ja allen gehört, wie er in zahllosen Fensterreden gerne betont. Nur handelt er anders. In Davos hat Blatter, auf dessen privatem Bildschirm bevorzugt Tennis läuft, erzählt, was er seit Jahren erzählt, ob beim Weltwirtschaftsforum oder beim Spatenstich für einen Rasenplatz in Nepal. Dass er ein Milliardenreich regiert, größer als die katholische Kirche („Fußball ist mehr als das!“), dass seine Fifa 250 Millionen Spieler zähle und auf jeden Aktiven drei Passive kämen. Wenn Blatter über Fußball redet, dann in Kategorien mit geradezu schöpferischem Absolutheitsanspruch: „Schon das ungeborene Kind kickt im Bauch der Mutter!“ Den Ex-Sportschreiber und Tourismuskaufmann treibt der stete Drang, die eigene Bedeutung zu rechtfertigen. Gerne und häufig beleuchtet er die Wirtschaftskraft der Fifa mit einer griffigen Formel: Wenn jeder Fußballinteressierte täglich einen Euro ausgibt, setzt dieser Sport täglich eine Milliarde um. Trotz dieser Zahlenspiele hat Blatter, ein passionierter Büttenredner, der gerne Schauspieler geworden wäre, weniger Kontakt als gemeinhin vermutet mit der Welt der Wirtschaft. Diese besteht aus Fifa-Sicht hauptsächlich aus den 15 Topsponsoren, die für die WM 2006 gut 700 Millionen Euro aufbringen. Für die WM 2010 in Südafrika sollen es nur noch sechs Sponsoren sein; mehr Firmen werden sich auch kaum finden, die dann 100 Millionen Euro für ein Sponsorship an die Fifa Marketing zu zahlen bereit sind. Drei sind bereits an Bord: Coca-Cola, Adidas und Hyundai. Die Fifa verfügt mit der Fußball-WM, dem begehrtesten TV-Event des Planeten, über ein Monopol, das wie Erdöl von allein sprudelt. Rund 2,5 Milliarden Euro nimmt der Verband in der Vierjahresperiode bis zur WM 2006 ein. Da ist der pompöse Neubau der Geschäftszentrale in Zürich locker drin, mit Andachtsraum und Wellness-Center kommt der Spaß – „for the good of the Game“ – auf knapp 200 Millionen Schweizer Franken. Der Rubel rollt von selbst, Blatter zieht die Strippen. Er führt einen ständigen Überlebenskampf inmitten seiner Klientel- und Günstlingswirtschaft. Er kennt das, er hatte ja selbst einmal, 1994 als Fifa-Generalsekretär, den Putsch gegen seinen Gönner und Vorgänger João Havelange geprobt. Dass er dessen Revirement nicht zum Opfer fiel, verdankte sich wohl seiner Kenntnis der Geschäftsgänge. Es gibt bis heute gute Gründe für die Fifa, keine Transparenz zu üben. Denn das System Blatter ist allen gegenteiligen Reden zum Trotz so wenig sportlichen Zielen verpflichtet wie die Ära Havelanges. Schon der Brasilianer war nur auf Machterhalt und Gewinnmaximierung ausgerichtet, die Aufstockung der WM von 16 über 24 (ab 1982) auf 32 Teams (seit 2002) war kein Produkt sportlicher Konzepte, sondern Thronversprechen, um die Stimmen der Drittweltländer zu ködern. Auch in Blatters Ägide seit 1998 gab es viele Ankündigungen und gescheiterte Reformversuche, man denke an das Experiment mit der Abseitsregel beim Confed-Cup 2005. Wirkliche Neuerungen gab es nicht, seit der Generalsekretär Blatter 1998 mit einer Skandalwahl den Thron eroberte. Politisch teilt sich die Fußballwelt in die Blöcke Europas (Uefa), Asien (AFC), Afrika (CAF), Ozeanien (OFC), Südamerika (Conmebol) und Mittel-/Nord-amerika (Concacaf). Vier Schlüsselfunktionäre halten Blatters Stimmpakete zusammen in den 207 Einzelverbänden. Concacaf-Chef Jack Warner, der allein dreimal die karibischen WM-TV-Rechte für jeweils einen Dollar erwarb und mit solchen Deals vom armen Schlucker auf Trinidad zum Multimillionär aufstieg: Er bringt auf dem Sandstreifen von Antigua bis Bonaire 35 Stimmen zusammen. Auch Ricardo Teixeira (Brasilien) und Julio Grondona (Argentinien) würden jeden Mafiafilm schmücken. Sie dominieren den südamerikanischen Fußballmarkt über diverse Firmen und halten Blatter den Rücken frei; wie Amigo Warner sind auch sie Fifa-Vizepräsidenten. Der Vierte ist Mohammad Bin-Hammam, ein Krösus aus der bedeutenden Fußballnation Katar, der in allen wichtigen Kommissionen sitzt und mit Petrodollars erstaunliche Stimmungswandel in Afrika zu bewirken vermag. Er ist Chef der AFC, aber in Afrika ebenso einflussreich. Über das Fifa-Entwicklungshilfeprojekt „GOAL “ verteilt er 100 Millionen Franken Fördergelder. Was nobel klingt, hat einen profanen Hintergrund: Nicht jeder kommt in den Genuss der Förderung. Auch wird nicht jedem mit letzter Akribie nachgerechnet, wie er diese Millionenbeträge verwendet. So gewinnt man Freunde – notfalls über Nacht. Weil die 24-köpfige Fifa-Exekutive den meisten Ärger machen könnte, wird sie im System Blatter besonders generös bei Laune gehalten: 100000 Dollar kassiert jeder Ehrenämtler pro Jahr, dazu kommen Tagegelder ab 500 Dollar aufwärts. Wer will da noch moralisieren?
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