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 > Bsirske im Arbeitskampf mit der Kirche

Kapital

Verdi-ChefBsirske im Arbeitskampf mit der Kirche

Von Ludwig Greven7. Oktober 2012
picture alliance
Frank Bsirske greift gegen die Kirchen in die Klassenkampfkiste
Schrift:

Wer für die Kirche arbeitet, darf nicht streiken und hat eingeschränkte Arbeitsrechte. Das wollen die Gewerkschaften nun für die 1,2 Millionen Mitarbeiter der Kirchen kippen. Der Konflikt eskaliert in Niedersachsen – gegen das Interesse vieler Beschäftigter

Seite 1 von 3

Verdi-Chef Frank Bsirske greift tief in die Klassenkampfkiste. „Ihr schreibt Geschichte!“, ruft er einigen Hundert Angestellten aus mehreren Kliniken und anderen Sozialeinrichtungen der evangelischen Kirche in Hannover zu, die in einen Warnstreik getreten sind. Schließlich gehe es hier, proklamiert der Vorsitzende der Dienstleistungsgewerkschaft, um etwas sehr Grundsätzliches: das „Menschenrecht auf Streik“ und das im Grundgesetz geschützte Grundrecht, Tarifverträge auszuhandeln – auch für Kirchenmitarbeiter.

Dafür ist Bsirske an diesem Sommertag extra aus Berlin angereist. Denn es ist ein besonderer Tarifkonflikt, der seit mehr als einem Jahr in Niedersachsen als Pilotbezirk tobt. Es geht nicht nur um viele potenzielle neue Verdi-Mitglieder. Und es geht auch nicht nur um ein paar Prozent mehr Gehalt, sondern um das historische Sonderrecht der Kirchen, das aus der Weimarer Verfassung unverändert ins Grundgesetz übernommen wurde: das Recht der Kirchen, ihre inneren Angelegenheiten ohne Einmischung von außen regeln zu dürfen.

Dieses Selbstbestimmungsrecht beinhaltet nach Ansicht der evangelischen wie der katholischen Kirche die Möglichkeit, als größter Arbeitgeber in Deutschland Bezahlung und Arbeitsbedingungen ihrer 1,2 Millionen Erzieherinnen, Sozialarbeiter, Krankenschwestern oder Ärzte in paritätischen Kommissionen mit Mitarbeitervertretern direkt auszuhandeln – ohne Gewerkschaftsbeteiligung. Und vor allem ohne Streiks. „Mit unserem diakonischen Auftrag und dem partnerschaftlichen Verhältnis zu den Mitarbeitern ist ein Arbeitskampf unvereinbar“, sagt der Hannoveraner Landesbischof Ralf Meister.

Dieser sogenannte dritte Weg, auf dem sich die kirchlichen Mitarbeiter und ihre Dienstherren gleichberechtigt bewegen sollen, ist Verdi schon lange ein Dorn im Auge. „Die kirchlichen Unternehmen verhalten sich genauso wie andere Arbeitgeber“, sagt Bsirske, „zum Teil behandeln sie ihre Mitarbeiter noch schlimmer!“ Deshalb versucht Verdi jetzt in Niedersachsen Tarifverträge zu erzwingen. Sobald die ersten Bastionen fallen, kalkuliert Bsirske, ist die Sonderstellung der kirchlichen Arbeitgeber bundesweit kaum mehr zu halten. Die Kirchenoberen beider Konfessionen verfolgen diesen Stellvertreterkrieg argwöhnisch.

In einem gemeinsamen Positionspapier von Caritas und Diakonie heißt es dazu: „Der dritte Weg ermöglicht den Kirchen und ihren Wohlfahrtsverbänden, die religiöse Dimension ihres Wirkens nach innen wie nach außen auch in der Form des Arbeitsrechts zu leben.“

Seite 2: Inzwischen zahlen die Kirchen schlechter

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"Und die Kirchenbeschäftigten hätten dann weiterhin kein Streikrecht. Aus Sicht der Kirche kein Nachteil: „Streik ist ein Relikt alter Industriekultur und passt nicht ins 21. Jahrhundert. Da gibt es heute andere Wege“, sagt Christoph Künkel, Leiter der Diakonie Niedersachsen."
Welche "anderen Wege" es für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in kirchlichen Sozialeinrichtungen gibt, ihre Rechte einzufordern, verrät Christoph Künkel allerdings nicht.
Das kirchliche Sonderrecht verzerrt den Wettbewerb kirchlicher Häuser mit privaten Krankenhäusern, Pflegeheimen und ähnlichen Einrichtungen.
Merkwürdig ist in diesem Zusammenhang, daß kirchliche Einrichtungen keineswegs preisgünstiger sind als private.
Dabei dürfen weder das Diakonische Werk noch die Caritas offiziell Gewinne erwirtschaften.
Wo bleibt also die Differenz zwischen Einnahmen (Staat, Sozialversicherungen usw.) und Ausgaben (Personal- und Sachkosten)?
Allerdings hat auch in kirchlichen Sozialeinrichtungen das Gleichnis vom Weinberg keinerlei Geltung.
Die Vorstände in kirchlichen Krankenhäusern und anderen kirchlichen Einrichtungen haben ihre Einkommen längst an die Vorstandsbezüge privater Sozialanbieter angeglichen.
Die Schere zwischen "denen da oben" und "denen da unten" öffnet sich auch in diesem Bereich immer weiter.
Dageben sollte der Verdi-Vorstand Front machen. Allerdings soll - wie inzwischen allgemein bekannt sein dürfte - dessen Bundesvorsitzender Frank Bsirske ein höheres Jahreseinkommen beziehen als etwa Bundeskanzlerin Merkel.
Daß auch an den Einkommensstrukturen innerhalb der deutschen Gewerkschaften etwas faul ist, liegt auf der Hand. Es gibt also auch hier noch viel zu tun...

  • Antworten
Yvonne Walden07.10.2012 | 11:10 Uhr

ich staune ...

über die für mich unverständlichen institutionellen Differenzen zwischen den Linken, den (verbliebenen) Sozialdemokraten, Gewerkschaften und den Mitgliedern der (ehemals, noch?) christlichen Kirchen. Der Unterschied zwischen dem Paganismus und der judeo-christlichen Überlieferung ist doch, dass der Paganismus "das Ich" und die judeo-christliche Überlieferung die Solidarität, "den Nächsten" als Referenz setzt, insoweit war die Moderne kein Fortschritt. Lest auch nach auch bei Platon, Nomoi, ganz unchristlich. Die (midestens) seit A.H. unchristlichen Christdemokraten ausgenommen, müssten doch die Linken und Sozialdemokraten, die Gewerkschaften und die christlich gebliebenen Mitglieder der Amtskirchen, einschließlich der gesetzestreuen Juden und der gläubigen Muslime EINER Meinung sein und zusammen gegen jede Ausbeutung eintreten, was aber den Sozialdienst am Nächsten nicht behindern sollte.
Das sollte sich Herr Bsirske zu eigen machen und danach handeln, es sei denn, er hat die Solidarität und Nächstenliebe gründlich missverstanden.

  • Antworten
Blase08.10.2012 | 21:57 Uhr

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