Ausblick 2014 - Wir stehen vor einer neuen Krise

Seit Ausbruch der Finanzkrise war dem Betriebswirtschaftler Max Otte nicht mehr so mulmig wie jetzt. Die Zentralbankpolitik erinnere an Staatswirtschaft, schreibt er in seinem Ausblick auf das neue Jahr. „Das hatten wir auch schon im Sozialismus“

Symbol der Krise: Eine Ein-Euromünze liegt auf einem brennenden Untergrund
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Autoreninfo

Max Otte ist Fondsmanager und Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Worms. Seit 2011 unterrichtet er an der Universität Graz. Mit seinem Buch „Der Crash kommt“ sagte er schon 2006 treffsicher die Finanzkrise voraus.

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Max Otte ist Fondsmanager und Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Worms. Seit 2011 unterrichtet er an der Universität Graz. Mit seinem Buch „Der Crash kommt“ sagte er schon 2006 treffsicher die Finanzkrise voraus.
 

Seit 2010 zog sich die sogenannte Eurokrise hin. Und zog sich hin. Und es ging an den Aktienmärkten bergab. Und dann endlich drehten ab Herbst 2012 die Märkte nachhaltig. Am 28. September dieses Jahres erschien dann ein Artikel in der Zeitschrift Finanz und Wirtschaft: „Europa-Aktien schütteln die Krise ab.“ Und weiter: „Es ist die große Wiederentdeckung Europas. Broker, Strategen und Fondsmanager überbieten sich mit Kaufempfehlungen für europäische Aktien. Eurozonenaktien sind die Anlageklasse, die von Profianlegern weltweit am häufigsten bevorzugt wird.“

In dieser Krise ließ sich durchaus Geld verdienen, aber nur für diejenigen, die ein solides Fundament für die Bewertung von Aktien und ein vernünftiges Risikomanagement hatten. Es gab einen Moment im Jahr 2012, da war der gesamte griechische Aktienmarkt noch gerade 20 Milliarden Dollar wert. Das entspracht in etwa dem Wert des BMW-Konzerns.

Die Aktie der Hellenic Telecom (WKN: 903465) war von 25 Euro im Jahr 2007 auf 1,80 Euro im Mai 2012 gefallen. Und dann fiel sie 2012 auf nahezu 1 Euro. Am 4. Oktober stand Hellenic Telecom wieder bei 8,10 Euro. So volatil war Europa!

Neue Qualität und Phase der Krise 2014


Nie war mir seit Ausbruch der Finanzkrise so mulmig wie derzeit. Einerseits sind bei den gegenwärtigen extremen Manipulationen der Geldmärkte, der schleichenden Enteignung und den extrem niedrigen Zinsen Aktien wirklich alternativlos. Andererseits haben wir die grundlegenden Fehler des Weltwährungssystems in keinerlei Weise behoben.

Die von mir sehr geschätzte Zeitung Finanz und Wirtschaft, die zweimal pro Woche in der Schweiz erscheint, hat im September eine Interviewserie „5 Jahre nach Lehmann“ mit anerkannten unabhängigen Experten veröffentlicht. Bill White, der frühere Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) und ein früher Warner, warnte dort: „Das fundamentale Problem der Überschuldung ist nicht gelöst. Bisher gab es kaum Schritte in diese Richtung.“ Simon Johnson, Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und früherer Chefökonom des Internationalen Währungsfonds IWF, sagte: „Das Too-big-to-fail-Problem ist heute sogar noch größer als vor 2008.“

Mehr und mehr drängt sich mir der Eindruck auf, dass wir kurz vor einer neuen Qualität und Phase der Krise stehen. Die Geldbasis ist das Geld, welches die Zentralbank in Umlauf bringt. Nach der Finanzkrise hatte sich die Geldbasis in wenigen Monaten verdoppelt. Dann schien zwischen 2010 und 2011 eine Beruhigung aufzutreten. Schien, denn seit Januar 2011 ist die Geldbasis um weitere 75 Prozent gestiegen.

Die Ausdehnung der Geldbasis, die unter anderem dadurch stattfindet, dass die US-Notenbank (und andere Notenbanken) den Finanzmarktakteuren Schrottpapiere gegen Zentralbankgeld abkauft, kommt nur sehr zögerlich in der Realwirtschaft an. Eigentlich sollte die Geldmenge M1 größer sein als die Geldbasis.

Das ist nicht mehr der Fall! Bereits im Jahr 2009 hat die Geldbasis die Geldmenge überholt.

In anderen Worten: das Bankensystem produziert negative Geldschöpfung. Die Zentralbank muss es richten. Das ist Staatswirtschaft! Das hatten wir auch schon im Sozialismus.

Zwar haben wir die Krise in Europa kurzfristig beseitigt – die Kapitalflucht geht zurück –, aber wir haben uns nicht an die grundlegenden Konstruktionsfehler des Euro herangewagt. Kurzfristig wird die Eurokrise zunächst in Liquidität ertränkt. Zunächst einmal hat sich durch die Ankündigung Draghis, die EZB notfalls unbegrenzt Staatsanleihen kaufen zu lassen, die Situation bei den europäischen Zinsen entspannt. Die berüchtigten Target-II-Salden – Kontokorrentkredite, die die Defizitländer in unbegrenzter Höher für ein Prozent Zinsen bei der EZB zur Deckung ihrer Handelsbilanzdefizite und ihrer Kapitalflucht aufnehmen können – schrumpfen.

Nur: wie lange kann das weitergehen?

Die Eurokrise ist eine Wettbewerbsfähigkeitskrise der südlichen Länder. Nach der Schaffung des Euro und der Einheitszinsen 2002 nutzen die südlichen Länder die Möglichkeiten zur Kreditexpansion. Die Löhne und Gehälter stiegen rapide – manchmal um 50 Prozent und mehr. Nun soll das durch die offizielle EU-Politik herbeigeführte Elend im Süden eine „reale Abwertung“ hervorrufen – als Sinken der Löhne, Gehälter und des Preisniveaus im Süden. Das ist auch die einzige Möglichkeit, die Währungsunion in ihrer jetzigen Form zu erhalten, will man nicht selektive Austritte zu lassen. Solche Austritte würden das Leid und Elend – 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland und Spanien, 20 bis 30 Prozent Arbeitslosigkeit – schnell deutlich verringern, weil es den Ländern erlauben würde, einen geschmeidigeren Weg zu finden. Aber er ist politisch nicht gewollt.

Und die reale Anpassung lässt auf sich warten. Zwar zeigen die Lohnstückkosten in Griechenland, Irland, Portugal und Spanien mittlerweile nach unten, nicht aber in Frankreich und Italien. Das Leid wird also noch weitergehen. Ist das das Dogma einer einheitlichen Währung wert?

Was heißt das für Ihr Geld?


Es hilft alles nichts. Auch in solch einer Situation müssen wir investieren. Den Kopf in den Sand zu stecken und alles auf dem Festgeld zu lassen, wäre nun das Falscheste, was Sie tun könnten. Markttiming ist unmöglich. Zeiten der Unsicherheit sind Zeiten, in denen es viele Möglichkeiten gibt. Zeiten der Sicherheit sind Zeiten mit weniger Möglichkeiten.

Vor uns liegt ein Sturm. Nun müssen wir den Ballast auf dem Schiff so verteilen und die Segel so setzen, dass wie halbwegs durchkommen. Es kommt also nicht auf das Timing an, sondern darauf, das Vermögensschiff insgesamt sturmtauglich zu machen. Auf die Vermögensaufteilung kommt es an. Und darauf, halbwegs billig einzusteigen. Und dann Geduld zu haben.

1. Gold: jetzt ist der Zeitpunkt, aufzustocken, wenn Sie noch nicht genug haben


Dieses Jahr spreche ich eine starke Empfehlung aus, Gold aufzustocken, falls Sie davon noch nicht genug haben. Gold ist massiv gefallen. Im langjährigen Vergleich liegt der Goldpreis auf einem mittleren Niveau. Angesichts der Tatsache, dass wir auf eine Phase erhöhter Unsicherheit zusteuern, ist das eine gute Möglichkeit, die Krisenversicherung in Ihrem Depot zu erhöhen. Gold verdirbt nicht, Sie müssen keine Steuer darauf zahlen, es ist nicht im System erfasst und konzentriert einen hohen Wert auf einem kleinen Raum.

2. Aktien


Aktien sind weiter alternativlos, auch wenn es uns nicht mehr ganz so leicht fällt, Investments zu identifizieren. Vor vier Jahren waren es Qualitätstitel jeglicher Art, in den letzten Jahren dann auch „normale Titel“, seit drei Jahren viele europäische Aktien. Heute müssen wir tiefer in einzelnen Segmenten graben.

Qualitätstitel (Franchises)           

Absolute Qualitätstitel im Large-Cap-Bereich sind weitgehend ausgereizt. Damit sind diese Titel nicht überteuert, aber die Renditeperspektiven sind deutlich geringer. Wie sollte es auch anders sein? Henkel ist seit den Tiefs im Frühjahr 2009 um mehr als 250 Prozent gestiegen, Anheuser-Busch um ungefähr 1000 Prozent, seit es 2009 im Portfolio steht. Wo soll die Aktie denn noch hingehen?

Qualitätstitel sind aber nach wie vor „sicherer“ als „normale“ Aktien. Wenn Sie also auf Sicherheit setzen, können Sie eine höhere Gewichtung von Qualitätstiteln ins Auge fassen. Warren Buffett: „It’s better to have a great business at a reasonable price rather to have a reasonable business at a great price.“

„Normale Aktien“

Mehr als 90 Prozent aller Aktien sind Aktien „normaler“ Unternehmen. Obwohl mittlerweile auch etliche „normale“ Aktien angezogen haben, finden sich derzeit noch genug Titel – vor allem in der Eurozone, aber auch anderswo. Rohstoff- und Goldaktien, Öltitel, Telekoms, Versorger. Maschinenbau ist eher skeptisch zu sehen, da diese Titel im Gegensatz zu den vorgenannten gut gelaufen sind und bei einer Abkühlung der Weltkonjunktur sehr leiden würden. Wachstumsorientierte Anleger kommen um „normale“ Aktien nicht herum. Allerdings ist die Grundsicherheit geringer.

3. Festgeld und Liquidität


Liquidität und Anleihen sind aufgrund der Finanzrepression leider keine Lösung für den Vermögenserhalt. Hier muss ich noch einmal auf die Finanzrepression hinweisen: bei 3 bis 5 Prozent tatsächlicher Inflation bei den Waren und Dienstleistungen, die zählen und 0 bis 1 Prozent Zinsen auf dem Festgeld verlieren Anleger pro Jahr real um die 3 Prozent.

4. Immobilien


Während die Immobilienmärkte in der Schweiz und Österreich schon eine Weile heißlaufen, passiert das nun auch in den besseren Standorten in Deutschland. Bei der jetzigen Liquiditätsschwemme und dem Run vieler auf die Immobilie kann das noch einige Jahre weitergehen. Es kann aber auch morgen zu Ende sein. Daher Vorsicht bei Immobilienkrediten, auch wenn die Zinsen niedrig sind!

Fazit


Nach Jahren der scheinbaren Ruhe wird die Welt wieder binärer. Es mag noch eine Weile so weitergehen, wie bisher. Aber auch eine neue finanzielle Kernschmelze oder andere unvorhergesehene Ereignisse sind nicht auszuschließen. Wir sehen die Gefahren. Aber auch viele Chancen. Deswegen: sehen Sie den Gefahren ins Auge. Stellen Sie sich dem Abgrund. Und dann wählen Sie Ihre Strategie. Und halten durch. Es gibt keinen anderen Weg.

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