"Ich hoffe, dass die Verantwortlichen in Israel endlich verstehen, dass sie nicht einfach mit der Macht ihrer Waffen die Rechte eines ganzen Volkes beseitigen können." Das sagt Elias Chacour, Erzbischof von Galiläa. Er plädiert zudem für den friedenspolitischen Auftrag der Christen in der Welt. Im Interview mit Cicero Online nimmt Chacour zur Lage im Nahen Osten Stellung.
Exzellenz, was sagen Sie zum Ausgang der jüngsten Parlamentswahlen in Israel?
Die Wahlen reflektieren die Realität auf der Strasse. Um sie zu beurteilen, muss man die Auswirkungen und Nebenwirkungen der letzten Kriegshandlungen gegen den Gazastreifen mit in Betracht ziehen. Diese militärische Operation zeigte keine Dialogbereitschaft, sondern ein Streben, den Gazastreifen zu besetzen oder zumindest ganz zu kontrollieren. Ich hoffe, dass die Verantwortlichen in Israel endlich verstehen, dass sie nicht einfach mit der Macht ihrer Waffen die Rechte eines ganzen Volkes beseitigen können. Und es täte Israel sicher gut, sich stärker als 22. Staat im Nahen Osten und nicht als 51. Bundesstaat der Vereinigten Staaten von Amerika zu begreifen, wie es mitunter leider den Anschein hat.
Warum sehen Sie auf der Seite der Israelis gegenwärtig so wenig Friedensbereit-schaft?
Darf ich mit einer Gegenfrage antworten? Warum sollte Israel einen ernsthaften Frieden wollen? Die derzeitige Situation gibt den Juden die Möglichkeit, ihre Siedlungen auszuweiten und ihre Mauer weiter auszubauen, womit sie sich selber eine Art Ghetto schaffen. Gleichzeitig zwingen sie die Palästinenser, in einem riesigen Gefängnis zu leben. Friede würde bedeuten, das Land gerecht zu teilen.
Denken Sie, dass es eine Zwei-Staaten-Lösung geben wird?
Es kommt darauf an, was Sie unter eine Zwei-Staaten-Lösung verstehen. Früher bedeutete dies: ein Staat für Israel und ein weiterer für die Palästinenser. Heute be-fürchte ich manchmal, dass eine Zwei-Staaten-Lösung eher einen Staat für Israel und einen zweiten Staat für die Siedler bedeutet. Das kann und darf nicht die Lösung sein.
Aber wer wäre interessiert an einer solch diskriminierenden Lösung?
Es ist offensichtlich, dass die israelische Rechte zur Gewalt zurückkehren wird, wenn keine Alternativen zum gegenwärtigen Zustand gefunden werden. Mir gefällt, was Tzipi Livni, die Vorsitzende der gemäßigten Kadima-Partei, im Vorfeld der Parlamentswahlen gesagt hat, dass es keinen Frieden in Israel geben kann bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der jüdischen Siedlungen im Westjordanland.
Wie verhalten sich die palästinensischen Christen in diesem Konflikt?
Die Christen sind eine sehr keine palästinensische Minderheit. Von den 46 Pro-zent Christen in Palästina 1948 sind heute - nach Vertreibung, ethnischer Säuberung und Auswanderung - nur noch drei Prozent der Palästinenser Christen. Die Christen haben wie die Muslime eine besondere Beziehung zum Land ihrer Vorväter, und wir dürfen nicht erwarten, dass sie weniger patriotisch sind als ihre muslimischen Mitbürger. Die Christen haben immer eine entscheidende patriotische Rolle gespielt und für ihre Rechte Anspruch erhoben. Gleichzeitig haben sie das immer mit gewaltfreiem Widerstand versucht. Wir müssen alles daran setzen, dass die Christen dauerhaft in Israel bleiben, auch weil Israel das Heilige Land ist, das heißt das Land Jesu. Darüber hinaus werden wir Christen von der jüdischen Regierung, vom Premierminister bis zum Staatsoberhaupt, immer wieder als Stimme der Versöhnung wahrgenommen. Sie erwarten von uns, Botschafter des friedlichen Dialogs zwischen Juden und Palästinensern zu sein.
Glauben Sie an ein friedliches Miteinander von Juden und Palästinensern in Israel?
Juden und Palästinenser sind beide Menschen. Sie sind nicht dazu geboren, sich gegenseitig umzubringen. Beide sind stolz darauf, Kinder des einen Vaters Abraham zu sein. Und beide haben bis vor 60 Jahren im Nahen und Mittleren Osten immer gemeinsam gelebt und ihr Leben geteilt. Die Geschichte erinnert uns daran, dass Christen, Muslime und Juden sich verbündet haben, um sich der Kreuzritter oder der türkischen Vorherrschaft zu entledigen. Deswegen müssen wir nicht von neuem lernen, wie man zusammen lebt. Wir müssen uns nur daran erinnern, wie wir für Jahrhunderte gemeinsam gelebt haben in Marokko, Alexandrien, Ägypten, in Bagdad oder Damaskus.
Warum wandern die Christen weiter aus Israel aus?
Die Christen, die wie gesagt zu einer kleinen Minderheit geschrumpft sind, sind oft Zielscheibe der beiden sie umgebenden Mehrheiten, der Muslime und der Juden. Wenn westliche Karikaturisten beispielsweise den muslimischen Glauben verletzen, werden unsere Kirchen in Israel niedergebrannt. Als US-Präsident George W. Bush im Jahre 2004 mit der deutlichen Unterstützung der sogenannten Christlichen Rechten zum zwei-ten Mal gewählt worden ist, wurden israelische Christen getötet. Wenn muslimische Fanatiker Gewalt anwenden, werden wiederum die Christen, weil sie Palästinenser sind, dafür bestraft. Wenn die Juden Land konfiszieren, nehme sie es von den Arabern, egal ob von Muslimen oder Christen.
Würden Sie den orientalischen Christen, die aus ihren Heimatländern geflohen sind, raten, zurückzukehren - auch zum Beispiel in den Irak?
Ich will nicht, dass sie im Irak wieder getötet werden. Ich möchte, dass sie zurückkehren - aber in Sicherheit. Und hier muss ich leider sagen, dass der jüngste Irak-Krieg diesem Land meiner Einschätzung nach nicht Demokratie und Frieden gebracht, sondern nur die Friedhöfe vergrößert hat.
Kann man im jüdischen Staat Israel überhaupt von Religionsfreiheit sprechen?
Wir haben die Freiheit, Gottesdienste zu feiern, aber keine Religionsfreiheit. Israel diskriminiert mit seinen Gesetzen immer noch die Christen. Wir dürfen Gottesdienste feiern, aber Juden dürfen daran nicht teilnehmen. Zudem sollte Religionsfreiheit bedeuten, dass die Christen in Bethlehem die heiligen Stätten im nur sechs Kilometer entfernten Jerusalem besuchen dürfen, was gegenwärtig leider nicht der Fall ist.
Welchen Weg sehen Sie zum Frieden in Israel?
Frieden kann nie erreicht werden ohne Gerechtigkeit. Beiden Seiten muss Frie-den zugestanden werden. Beiden Seiten muss aber gleichzeitig auch Gerechtigkeit widerfahren. Solange beide Seiten ihre Forderungen absolut setzen, kann es keinen Frieden geben. Israel will nur Frieden und Sicherheit – und hat nach neun Kriegen doch immer nur Krieg und Bedrohung geerntet. Die Palästinenser wollen nur Gerechtigkeit – und haben nach neun Kriegen doch immer nur neues Elend und Benachteiligung gewonnen. Erst wenn beide Seiten Frieden und Gerechtigkeit zusammen bringen, werden sie auch zusammen leben können. Andernfalls werden sie weiterhin zusammen sterben. Ich selbst baue Schulen, um jungen, jüdischen und palästinensischen Generationen beizubringen, dass sie gemeinsam leben, gemeinsam studieren und letztlich fähig werden müssen, ihre gemeinsame Geschichte für die Zukunft zu schreiben. In unseren Schulen sind alle jun-gen Bürger Israels willkommen. Und ich bete dafür, dass wir in der nahen Zukunft auch unsere Brüder und Schwestern aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen aufneh-men können, damit auch diese eine gute Ausbildung und somit Chancen für ihre Zukunft bekommen.
Wie verstehen sich die jüdische und palästinensische Schüler untereinander in den von Ihnen gegründeten Schulen?
Sie verstehen sich hervorragend. Übrigens sind auch 32 unserer rund 290 Lehrer Juden.
Welche Hoffnung verbinden Sie selbst mit Ihrem Besuch in Deutschland?
Ich bin als internationaler Bettler bekannt. Aber ich bettle in erster Linie nicht um Geld, sondern um Freundschaft und Solidarität mit uns Christen in Israel. Ich möchte betonen, dass es sehr wichtig ist, dass gerade die Deutschen ihre Freundschaft zu den Juden besonders pflegen. Die Juden brauchen mehr denn je ihre Freundschaft. Aber ich möchte dafür werben, dass diese Freundschaft zu den Juden nicht als Feindschaft gegen die Palästinenser interpretiert wird. Ebenso lehne ich jede Freundschaft und Solidarität mit uns ab, wenn sie gleichzeitig Feindschaft gegen die Juden bedeutet. Wir brauchen keine weiteren Feinde in Israel. Wir brauchen Frieden im heiligen Land.
Während Ihrer Deutschlandreise hat Papst Benedikt XVI. erstmals auch persönlich angekündigt, im Mai dieses Jahres nach Israel zu reisen. Mit dieser Reise werden weitreichende politische, aber auch interreligiöse Erwartungen verknüpft. Welche Auswirkungen kann Ihrer Einschätzung nach eine solche Reise im besten Falle haben?
In Israel, dem Land der drei monotheistischen Religionen, ist alles immer auch politisch. Selbst wenn es für den Papst primär eine Pilgerreise sein sollte – die zahlreichen Journalisten um ihn herum werden nicht mitpilgern. Und was immer Benedikt XVI. sagen und tun wird, es wird als politisches Statement interpretiert werden. Aus meiner Sicht wäre der positivste Effekt, wenn es ihm gelänge, die genannte Auswanderung der Christen aus dem Heiligen Land zu stoppen. Selbst in Orten wie Bethlehem, wo die Christen früher in der Mehrheit waren, stellen sie heute nur noch weniger als zehn Prozent der Bevölkerung. In anderen Gegenden sind sie kaum noch wahrnehmbar. Doch weder museale Ruinen noch totes Gemäuer wird den nachfolgenden Generationen von unserem Landsmann Jesus von Nazareth erzählen, sondern einzig die lebendigen Steine der Chris-ten im Heiligen Land.
Exzellenz, wir danken Ihnen sehr für das Gespräch.
Das Gespräch führte Philipp W. Hildmann.
Foto: Picture Alliance










