Der Wahl-Ostberliner Paul Kalkbrenner möchte nicht DJ genannt werden. Er selbst bezeichnet sich als Live Act. Im Musikdrama "Berlin Calling" von Regisseur Hannes Stöhr hat Kalkbrenner im vergangenen Jahr ein verblüffendes Schauspieldebüt hingelegt. Im Gespräch mit Cicero Online erklärt Kalkbrenner die Faszination von elektronischer Musik und spricht über Drogenklischees.
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Für Regisseur Hannes Stöhr ist elektronische Musik die einzig globale Musik. Was macht elektronische Musik aus?
Sie hat keinen Text. Also geht es nur um die pure Melodie, um den Sound. Techno zum Beispiel spricht nur durch die Musik. Dazu kommt eine bestimmte Feierkultur. Die elektronische Musik hat einen so starken Einfluss auf die Art und Weise, wie sich die jungen Leute zusammentun. Ob ich in Japan oder Brasilien spiele, die Leute feiern genau gleich. Obwohl die Gesellschaften in den beiden Ländern nicht unterschiedlicher sein könnten. Die rezipieren die Musik komplett gleich. Die Technosozialisation scheint stärker als die gesellschaftliche Sozialisation. Und Techno gibt es jetzt seit über 20 Jahren, es ist zu einer weltumfassenden Bewegung geworden.
Ist es auch eine gewisse Ereignisarmut in der elektronischen Musik, die das globale ermöglicht?
Ereignisarmut ist ja etwas ganz Subjektives. Elektronische Musik wird häufig missverstanden. Die Leute denken, man würde nach Schnelligkeit suchen. Die Musik selber ist total monoton, starr, und schnell. Als Rezipient erlebt man beim Hören aber einen Moment absoluter Langsamkeit. Weil man sich selbst im Vergleich zur Musik spürt.
Kann elektronische Musik trotz fehlenden Textes eine Botschaft haben?
Es geht mit einer hedonistischen, nahezu nihilistischen Weltanschauung einher. Für viele heißt die Botschaft der elektronischen Musik: Party, Party, Party. Bei der Techno-Bewegung der 90er Jahre ging es bei aller Inhaltslosigkeit aber auch um Toleranz.
Wie hat sich die elektronische Musik verändert. Der "Berlin Calling"-Soundtrack "Sky and Sand" hat es sogar in die Charts geschafft.
Es ist zur Fashion-Musik geworden. Es hat nicht mehr diesen vor den Kopf stoßenden Charakter. Künstler, die auf dem absteigenden Ast sind, verpacken ihre Lieder in elektronische Gewänder. Es ist eine Musik für die breite Masse. Auf der einen Seite ist es natürlich schön, wenn man mit seiner Musik in den Charts ist. Auf der anderen Seite aber auch verwunderlich. Warum gibt es auf einmal so viele Leute, die sich für einen interessieren? Rennen die Leute zu meinen Konzerten, nur weil Paul Kalkbrenner gerade angesagt ist?
Kann die Techno-Bewegung als die Nachfolgegeneration der Hippie-Bewegung betrachtet werden?
Wenn man bei Techno-Festivals von heute den Ton abschaltet und nur die Szenerie, Open-Air bei Sonnenschein, anschaut, könnte das auch Woodstock sein. Darum geht es auch in "Berlin Calling". Hannes Stöhr war es wichtig zu zeigen, dass das nicht etwas komplett Neues ist, sondern nur wieder eine neue Generation, die gegen die Generation davor aufsteht. Hannes ging es auch darum, die 68er zu entmythologisieren. Die waren nämlich bei allem, was sie gemacht haben, im Recht. Die 68er-Bewegung war im Grunde die ideenloseste Jugendbewegung. Da ging es nur um das Wegfegen von Autoritäten und von Werten. Unter dem Deckmantel des Antifaschismus’ war es eine völlig einfache Ansichtsweise. Die 68er-Doktrin ist viel dogmatischer und viel autoritärer als sie es jemals zugeben würde. Heute ist alles viel komplexer.
Techno wird oft automatisch mit Drogen in Verbindung gebracht. Inwiefern entspricht dieses Klischee der Realität?
Die gesamte Gesellschaft hat ein Drogen-Problem, nicht nur Techno. Statistiken, in denen festgestellt wird, dass heutzutage so und so viel mehr Drogen konsumiert werden, als noch vor 5 Jahren, die betreffen ja die ganze Gesellschaft. Vom Schlosser, bis in die Kreativabteilung und in die Chefetagen. Ob nun zur Entspannung oder zur Leitungssteigerung, die Leute nehmen Drogen. Seit der Mensch denken kann, ist er auf der Suche nach irgendwelchen Mitteln. Der Pool aus dem die Leute sind, die zu Techno-Veranstaltungen gehen, ist heute viel zu groß, als dass man deren Drogen-Probleme alleine auf Techno zurückführen kann.
Die Menschen nehmen Drogen im Irrglauben, sie könnten ihre Kreativität steigern.
Richtig. Die Vorteile der Drogen entwickeln sich schnell zu Nachteilen. Kurzfristig kann man kreativer sein, länger wach bleiben. Aber über einen längeren Zeitraum geht man daran zu Grunde.
An Drogen scheint auch DJ Ickarus, die Hauptfigur in "Berlin Calling", zu scheitern. Aber er geht nicht zu Grunde. Am Ende verlässt er die Klinik und nimmt ein neues Album auf. Das Thema Drogen wird im Film sehr unmoralisch behandelt.
Da ist kein Zeigefinger. Doch das Happy End ist kein endgültiges Happy End. Das Leben, das DJ Ickarus führt, wird ihn unweigerlich immer wieder mit den Problemen in Kontakt bringen.
Ein abschreckendes Beispiel sieht aber anders aus.
Nicht unbedingt. Die Leute lachen zwar im Kino aber bei genauerem Hinschauen enthält der Film viel Tragik, viel Trauer. Der Film kann nichts daran ändern, dass Leute wie Ickarus Drogen nehmen. Aber der Film kann genau hingucken und das macht er halt ohne Zeigefinger. Die Botschaft ist: Wenn Drogen, dann informiert euch wenigstens. Auch ich würde Drogen nie prinzipiell verurteilen. Aber zur Kreativitätssteigerung taugen sie nicht.
In einer Sage aus der griechischen Mythologie wollen Ikarus und sein Vater Daedalus aus der Gefangenschaft fliehen. Dafür baut Daedalus ein Flügelgestänge und befestigt es mit Wachs. Der Vater erklärt seinem Sohn, dass er nicht zu hoch und nicht zu tief fliegen darf. Die Sonne würde das Wachs schmelzen, die Feuchtigkeit des Meeres die Flügel auflösen. Aus Übermut fliegt Ikarus aber Richtung Sonne und stürzt. Welchen zwei Gefahren muss sich DJ Ickarus in "Berlin Calling" stellen?
Für DJ Ickarus ist die Leichtsinnigkeit seine größte Gefahr. Er hört nicht auf die Warnungen des Körpers. Es ist eine Mischung aus Selbstüberschätzung und Defätismus. Viele kleine Künstler leiden an dem Wechselspiel von Selbstzweifel und Selbstüberschätzung.
Ikarus und sein Vater fliehen aus der Gefangenschaft. Wovor flüchtet DJ Ickarus?
Drogen nehmen, bedeutet immer Realitätsflucht.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Lukas Hermsmeier.
Foto: Picture Alliance









