„Real Time Nomads“ heißt das neue Projekt von Maja Weyermann, das ab dem 25.09.2010 in Berlin zu sehen ist. Hierbei rekonstruiert die Multimedia-Künstlerin virtuell in 3D Kindheitserinnerungen von Menschen aus allen Ländern der Welt, die nun in Berlin ihre eigenen Läden betreiben. Cicero Online sprach mit der Schweizer Künstlerin über den Melting Pot Berlin, Klischees und die digitale Kunst.
Ihre Ausstellung heißt „Real Time Nomads“, sind Sie selbst als Nomadin durch die Welt gezogen?
Ursprünglich komme ich aus der Schweiz und bin dann nach Amsterdam und Paris gegangen. Gerade ist Berlin mein Lebenszentrum, deshalb habe ich Berlin auch als meinen Ausstellungsort gewählt.
Denken Sie, dass Berlin auch ein stückweit zu einem Melting Pot geworden ist? Kann unsere Hauptstadt schon mit Großstädten wie New York oder London mithalten?
Berlin ist schon auf gutem Weg dahin. Die Stadt wird immer internationaler; viele Engländer, Franzosen und Spanier kommen hierher. Aber ich würde sagen, dass Paris und London trotz alledem noch mehr Melting Pots sind, als Berlin.
Als Sie über Berlin als Melting Pot gesprochen haben, deklarierten Sie ausschließlich Westeuropäer, die zur kulturellen Vielfalt in Berlin betragen. In Ihrer Ausstellung jedoch rekonstruieren Sie die Kindheitsträume von Menschen aus Thailand, Polen oder Sierra Leone. Warum haben Sie gerade diese Menschen gewählt?
Ich finde diese Kulturen spannender. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass sie fremder sind. Zu Beginn habe ich gedacht, dass diese Kulturen recht weit weg von mir sind, aber ich habe schnell festgestellt, dass ich eigentlich ständig mit Leuten in Kontakt bin, die aus den verschiedensten Gründen nach Berlin gezogen sind. Viele dieser Menschen sind aus ökonomischen oder politischen Gründen nach Deutschland gekommen.
Erzählen Sie uns etwas über diese Menschen. Was haben sie gemeinsam, bzw. wo unterscheiden Sie sich?
Man kann diese Menschen und ihre Kulturen auf gar keinen Fall verallgemeinern, dafür sind sie zu verschieden. Jeder ist ein sehr spannendes Individuum, sie haben alle sehr aufregende Lebensgeschichten. Für mich war es faszinierend zu sehen, wie diese Menschen jetzt hier in Berlin arbeiten und wie sie sich auch im sozialen Leben engagieren.
Nennen Sie uns ein Beispiel. Erzählen Sie uns etwas über einen dieser Menschen, der Sie ganz besonders beeindruckt hat.
Es war aufregend mit jedem Einzelnen zu arbeiten. Einer von ihnen ist aus Sierra Leone. Er ist dort in einem sehr brutalen Krieg aufgewachsen und nach Deutschland geflüchtet. Er ist nach Berlin gekommen, um hier Musik in einer von ihm selbst gegründeten Band zu machen. Außerdem hat er einen Verein gegründet, der Menschen die Chance gibt, Deutsch zu lernen, die sonst keine Möglichkeit hätten, einen Deutschkurs zu besuchen. Aber auch in seiner Heimat engagiert er sich weiterhin in sozialen Projekten. Rückblickend muss ich sagen, dass mich dieser Mensch sehr beeindruckt hat.
Durch das Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin ist eine neue Integrationsdebatte ausgebrochen. In Ihrer Ausstellung beweisen Sie das Gegenteil, nämlich das es viele arbeitende Migranten in Deutschland gibt. Wie verärgert sind Sie über die Aussagen Sarrazins?
Zu Herrn Sarrazin möchte ich eigentlich nichts sagen, es ist schon alles gesagt zu ihm. Meiner Meinung nach ist er ein Spiegel für denkfaule Leute. Das interessiert mich auch überhaupt nicht und bringt die Diskussion nicht voran!
Nun aber zu Ihrer Ausstellung: Ihre Art der Ausstellung, Zimmer nach den Erinnerungen fremder Menschen zu rekonstruieren ist meines Wissens beispiellos. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Ich arbeite schon seit längerem mit 3D-Projektionen und Innenräumen an sich. Schon vor dem Projekt „real time nomads“ habe ich ein Projekt über Chandigarh -das ist eine Stadt in Indien- gemacht. Hierbei habe ich mich damit beschäftigt, inwieweit Raumwahrnehmung von kulturellen Aspekten geprägt sind. Wie kann man einen Raum wahrnehmen und ihn repräsentieren, dieses Thema hat mich schon immer interessiert. Außerdem wollte ich diesmal nicht wieder etwas Dokumentarisches machen. Mir war es wichtig etwas zu erschaffen, wo ich meine eigene Vorstellungskraft mit einbeziehen kann. Ich wollte wissen, wie weit ich fremde Sachen verstehen kann und ob ich mir ein Bild von dem Erzählten machen kann. Für mich war es auch wichtig zu wissen, wie meine eigene Kultur und dir mir fremde sich überlappen.
Nicht erst seit der IFA ist 3D groß im Kommen. Besteht die Gefahr, dass es bald nur noch 3D-Kunst gibt und nichts Reales mehr; nichts mehr zum Anfassen?
Nein, das glaube ich nicht. Digitale und dreidimensionale Kunst gibt es schon seit Langem, genauso haben wir auch noch Gemäldemalerei. Diese Arten der Kunst schließen sich nicht zwangsläufig aus. Vielmehr glaube ich, dass sie sich miteinander verflechten werden. Realität und Fiktion werden sich immer mehr ineinander verweben. Genau das ist auch das Thema meines Projektes.
Bei einem „Citywalk“ kann man die Läden Ihrer Protagonisten besichtigen. So zum Beispiel Thai Asia Markt von Frau N. in Pankow oder das Internetcafé von Herrn M.B. in Wedding. Wie schmal ist hierbei der Grat zwischen Kunst und Werbung?
Eigentlich interessiert mich vielmehr, diese Läden mit dem Betrachter zu teilen, auch meine Wahrnehmungsüberprüfung mit dem Betrachter zu vergleichen. Aber Werbung an sich ist das in meinen Augen nicht. Kunst und Mode sind ja auch eng verbunden. Ich möchte vielmehr, dass der Betrachter in diese Läden kommt und wahrnimmt. Es soll aber keine Werbung für die einzelnen Läden sein. Was an allen Läden spannend ist, ist die Tatsache, dass zum Beispiel der Thai Asia Markt nicht nur thailändisch ist, sonder auch deutsch. Es ist so eine Art Mischwelt. All diese Menschen leben schon seit vielen Jahren hier und sehen sich als Berliner.
Wie haben Klischees ihre Arbeit beeinflusst und wie beeinflussen sie letztendlich den Besucher?
Ich weiß, dass viele Klischees seitens der Besucher vorherrschen, aber das ist genau das, womit alle diese Läden spielen. Einige Klischees wollte ich auf alle Fälle vermeiden und je weniger allgemein etwas ist und je präziser man mit Jemandem spricht, desto weniger ist dieses Klischee vorhanden. Nehmen wir Afrika. Auf diesem Kontinent war ich noch nie und so wäre ich sehr in Versuchung gewesen, sehr viele Klischees zu widerholen. Aber durch intensive Gespräche mit dem Herrn aus Sierra Leone konnte mit vielen Klischees aufgeräumt werden.
Sie rekonstruieren die Kindheit dieser Menschen. Wie wichtig ist die Kindheit für unser weiteres Leben? Wie sehr prägt sie uns?
Ich persönlich glaube, dass die Kindheit sehr wichtig und prägend ist. Mich hat bei meiner Recherche vor allem interessiert, an was man sich eigentlich erinnert und welche Erinnerungen zum Beispiel von Thai-Chinesen ähnlich sind. Alles in der Kindheit ist sehr prägend- Gerüche, Lichter- so essen wir als Erwachsene heute noch gerne das, was wir in unserer Kindheit am liebsten gekocht bekommen haben.
Die 3D- rekonstruierten Kindheitserinnerungen „Real Time Nomads“ sind vom 25. September 2010 bis zum 20. November in dem Projektraum UQBAR in Berlin zu sehen. Außerdem kann man bei einem „Citywalk“ die jeweiligen Interviewpartner von Maja Weyermann, deren Kindheitserinnerungen die Künstlerin nachgestellt hat, in ihren Läden besuchen. Einen ersten Eindruck in das außergewöhnliche Projekt gewinnt man unter:
www.real-time-nomads.com
Das Interview führte Clarissa K. Kraus










