von Karl Otto Hondrich
Deutschland jammert über den Geburtenrückgang und die Alterung der Bevölkerung. Bestürzt registriert die nationale Erschreckensgemeinschaft alle Szenarien der kollektiven Vergreisung. Dazu gibt es keinen Grund: Die demografische Transformation ist das Ergebnis einer sozialen Erfolgsgeschichte und ermöglicht die Lösung zahlreicher Probleme. Denn Geburtenrückgang verschafft der Gesellschaft mehr Luft und Leistungsraum.
Die Lage ist hoffnungslos. In Deutschland ist im 20. Jahrhundert die Geburtenzahl pro Frau von 5 Kindern auf durchschnittlich 1,4 Kinder abgesunken. Seit 30 Jahren werden kontinuierlich weniger Menschen geboren im Verhältnis zu denen, die sterben. Und dieses Defizit wird von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wachsen, da die vor 30 Jahren nicht Geborenen heute als potenzielle Eltern fehlen.
So die Stimme der Experten. Verstärkt durch publizistische Stimmungsmacher. Sie geißeln die Generation der Gebärschwachen, die auch die folgenden Generationen herabziehen wird in die biologische und finanzielle Verdammnis; und sie geißeln die Politiker, die es hätten wissen und verhindern müssen und nichts getan haben. Nun lassen sich Vergreisung und Schrumpfung nicht mehr aufhalten. Sie lähmen die Wirtschaft, erdrücken die Systeme sozialer Sicherung, schwächen die Familien und die westlichen Lebensformen allgemein angesichts des Ansturms der kinderreichen Kulturen. So interpretiert, bildet die Geburtenziffer um sich herum eine Erschreckensgemeinschaft.
Die Dramatik und Tiefe des geweissagten Unheils stehen in seltsamem Widerspruch zu der Banalität der Maßnahmen, die ihnen wehren sollen. Gestritten wird über Kindergeld und Kinderkrippen, Ehegattensplitting und Erziehungsurlaub… Da werden die alten ideologischen Schlachten geschlagen gegen Rabenmütter und Übermütter. Hinter den Fronten aber herrscht Hilflosigkeit. So wenig man mit erhöhten Tabaksteuern aus Rauchern Nichtraucher macht, so wenig mit Geburtenförderungsprogrammen aus Nichteltern Eltern.
Geburtenpolitik wirkt, wenn überhaupt, vorübergehend – und zu spät, um gesellschaftliche Alterung aufzuhalten. Das zeigt sich gerade dort, wo fortschrittliche Geburtenpolitiker einen Silberstreif am Horizont zu erkennen glauben, in den skandinavischen Ländern. Sie machen es modernen Frauen leicht, im (Teilzeit-)Beruf zu bleiben, während ihr Kleinkind im Hort ist. Der Fall der Geburtenrate scheint dadurch aufhaltbar – aber doch erst bei etwa 1,7 Kindern pro Frau, also weit unterhalb des erwünschten Gleichgewichtspunktes von 2,1. Für die demografische Gefahrenbeschwörungsgemeinschaft ist dies eine magische Zahl. Eine Geburtenrate, die tief darunter liegt, wird zum Inbegriff des Untergangs.
Bei genauer Betrachtung ist der Geburtenrückgang jedoch weniger ein Problem, sondern im Gegenteil eine Lösung für viele Probleme. Er ist ein tragender Pfeiler für die Entwicklung moderner Gesellschaften. Vieles, was wir als Fortschritt nicht missen möchten, hängt an ihm und hält ihn. So ist der Geburtenrückgang untrennbar verbunden mit der grandiosen Verlängerung der Lebenserwartung. In Deutschland hat sie sich innerhalb des vergangenen Jahrhunderts fast verdoppelt; bei den Männern von 41 Jahren auf 75 Jahre und bei den Frauen von 44 Jahren auf 81 Jahre. Länger leben, das ist ein uralter Menschheitstraum. Seine Realisierung bedeutet zwar nicht das reine Zuckerschlecken, aber doch eine teilweise Lösung der ewigen Probleme von Armut, Unwissenheit, Unsicherheit, Krankheit. Das war nur möglich, weil die Zahl der Geborenen in etwa dem gleichen Maße zurückging wie die Lebenserwartung anstieg. Der Fall der Geburtenrate erhöhte zwar den Altenanteil an der Bevölkerung – „Vergreisung“, rufen die Kassandras –, verhinderte aber, dass sich heute in Deutschland zwischen 100 und 200 Millionen Menschen drängeln. Man kann nicht alles zugleich haben: ein längeres Leben, eine jugendliche Gesellschaft und eine stabile Bevölkerung.
Nun grassiert die Angst, dass die Bevölkerung schrumpfe. Wären damit die Impulse für die Wirtschaft – Nachfrage, Arbeitskräfte, Aufbruchsstimmung – dahin? Bevölkerungswachstum und Wirtschaftswachstum scheinen historisch zusammenzugehören. Allerdings bezieht die deutsche Wirtschaft einen Großteil ihrer Nachfrage von außen, von einer wachsenden Weltbevölkerung. Und was den prognostizierten Mangel an Arbeitskräften angeht, haben die Unternehmen sich noch bei jeder Knappheit zu helfen gewusst. Inbesondere das Reservoir der Frauen und der Fremden ist noch lange nicht erschöpft. Entscheidend ist aber, dass das Wirtschaften selbst – mit geringerem Aufwand ein günstigeres Ergebnis erzielen – ein sozialer Prozess ist, der sich von demografischen Schwankungen unabhängig macht. Je besser die Wirtschaft funktioniert, desto weniger Menschen braucht sie. Einfache Arbeit wird durch qualifizierte ersetzt, Arbeit durch Kapital, Kapital durch Einfallsreichtum. Produktivitätssteigerung der Arbeit nennt man das. Nicht zufällig weisen die greisen Gesellschaften in Deutschland und Japan das weltweit höchste Produktivitätsniveau auf. Die hochproduktive Volkswirtschaft hat Menschen satt. Sie stößt sie aus, als Arbeitslose und Frührentner. So gesehen bei dem Produktivitätsschub, den die deutsche Einheit der ehemaligen DDR-Wirtschaft auferlegte. Ein dramatischer Einbruch der Geburtenrate war die Folge. Kein Problem für die Wirtschaft, sehr wohl eine Problem für die Systeme der sozialen Sicherung.
Diese werden zusammenbrechen, wenn nicht mehr Junge geboren werden, um die Last der Alten und Arbeitslosen zu tragen, prophezeit das demografische Panikorchester. Das klingt plausibel – und ist doch schon im Ansatz irreführend. Es sind nicht die Jungen, die die Altenlast tragen, sondern die Hochleister der mittleren Jahre, Männer wie Frauen. Sie sind durch Alte und Junge belastet. Keine Kinder zu bekommen, bedeutet für sie nicht nur Verzicht, sondern auch Entlastung; ein seelisches Problem zwar, aber eine materielle Problemlösung. Würden die Geburtenraten tatsächlich so hoch steigen, wie es als wünschenswert deklariert wird, dann hätten die mittleren Jahre für Alte und Junge zusammen, von den Arbeitslosen ganz zu schweigen, noch mehr zu schultern als bisher. Geburtenrückgang ist sozialpolitisch kein Problem, sondern eine Problemlösung. Er verschafft der Hochleistungsgesellschaft mehr Luft und Leistungsraum.
Eine kurzsichtige Lösung, auf längere Sicht werde sie das Problem verschärfen, erklären die Wortführer der demografischen Angstgemeinschaft. Und sie haben Zahlen parat: 1950 gab es noch 16 beitragszahlende Arbeitnehmer je Rentner, heute sind es nur noch 3,3, im Jahr 2031 müssen die Beiträge von 2,2 Arbeitnehmern ausreichen, um eine Rente zu bezahlen. Die Zahlen beziehen sich auf die USA. Für Deutschland lauten sie ganz ähnlich: 2030 müssen 2 Erwerbstätige für einen Rentner aufkommen. Diese Zahlen sollen das Fürchten lehren. Aber sie lehren etwas anderes. Zum einen, dass der so genannte Altersquotient – die Zahl der Rentner im Verhältnis zur Zahl der Menschen im Erwerbsalter – sich auch dann „verschlechtert“, wenn eine Gesellschaft reichlich Geburten hat, wie das demografische Musterland USA, das, dank Zuwanderung, mit der paradiesischen Geburtenziffer von 2,1 ganz Europa in den Schatten stellt. Zum zweiten, dass – hier noch mehr als dort! – mit der „Verschlechterung“ des Altersquotienten eine ungeahnte Wohlstands- und Rentensteigerung einhergegangen ist. Produktivitätssteigerung macht’s möglich. Wenn die hochproduktive, unablässig rationalisierende Wirtschaft nur noch kleine, jüngere „Olympiamannschaften“ in den Unternehmen belässt, kreiert sie Arbeitslose und Alte und schiebt sie im gleichen Atemzug auf die Systeme der sozialen Sicherung ab.
Aber ist deren Problem ein demografisches Problem? Es ist in erster Linie durch die Wirtschaft gemacht, und zwar nicht durch ihr Erlahmen, sondern durch ihre Effizienz. Es ist zweitens ein Problem der offenen Gesellschaft, das die Politik auf die Sozialsysteme übergewälzt hat. Sie hat, in den vergangenen 15 Jahren, die Bundesrepublik geöffnet wie nie zuvor: für 17 Millionen DDR-Bürger, dazu Spätaussiedler und Übersiedler aus Polen und der ehemaligen Sowjetunion, dazu eine zunächst unerwartete Zahl von Asylsuchenden aus aller Welt. Summa summarum eine politische Erfolgsgeschichte, in der sich die Probleme des Kalten Krieges endlich lösen – auf Kosten, unseligerweise, der Systeme sozialer Sicherung.
Diese gibt es seit Bismarcks Zeiten. Sie binden die Leistungsträger der Gesellschaft – Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Steuerzahler – zu einer Dreifaltigkeit zusammen: eine geniale Konstruktion organisierter Solidarität zugunsten der Alten, Schwachen und Jungen. Die Brüder und Schwestern im Osten und die Menschheit schlechthin waren allerdings nicht mit eingeplant. Die Zerreißprobe, auf die das Sozialsystem jetzt gestellt wird, hat wenig mit Geburten- und Sterbeziffern zu tun, aber viel mit politisch überdehnter und überforderter Solidarität.
Erstaunlicherweise hat das System bisher gehalten. Das Verfahren war denkbar einfach: Beiträge und Steuern wurden erhöht. Das geht nicht mehr. Der Grund ist wiederum die gesellschaftliche Öffnung: Wir alle erleben Wohl und Wehe der internationalen Konkurrenz über billigere Waren und niedrigere Löhne. Höhere Löhne, Nebenkosten und Steuern können wir den eigenen Unternehmen nicht abverlangen – es sei denn, wir wollten sie vertreiben und die Arbeitslosigkeit steigern.
Das Sozialsystem hilft sich anders: Statt Beiträge zu erhöhen, werden nun Leistungen gesenkt, Lasten von Leistungsträgern auf Leistungsempfänger verschoben: „Bei der jährlichen Rentenanpassung wird jetzt berücksichtigt, wie viele Rentner auf wie viele Beitragszahler kommen, mehr Rentner bedeuten geringeren Rentenzuwachs, mehr Beitragszahler machen höhere Renten möglich“ (Originalton Bundesregierung). Im Klartext: Solange die Zahl der Beschäftigten nicht steigt, wohl aber die der Alten und Arbeitslosen, haben diese die Kosten des Generationenausgleichs zu tragen. Und die Beschäftigten, die sich zusätzlich privat versichern sollen.
Gleichwohl, durch diese Verschiebung der Lasten wird das System organisierter Solidarität nicht ausgehebelt, sondern stabilisiert – gegen internationale Märkte und gegen die „Bedrohung“ durch eine steigende Lebenserwartung. Dass eventuell alle Generationen kürzer treten müssen, ist weniger demografischen Faktoren geschuldet als Veränderungen im Leistungsgefüge der Weltwirtschaft. Die westlichen Industrienationen haben keinen göttlich verbrieften Anspruch, ihren ökonomischen Vorsprung gegenüber den armen und aufstrebenden Gesellschaften auf alle Zeit zu halten.
Wirtschaft und soziale Sicherung steuern also mithilfe eigener Anpassungsmechanismen durch die demografischen Probleme hindurch. Die Familien jedoch scheinen von ihnen buchstäblich aufgefressen zu werden. „40 Prozent aller Akademikerinnen bleiben kinderlos!“, tönt der Chor der demografischen Tragödie. Und noch bevor wir von besonnenen Statistikern erfahren, dass diese Zahl völlig ungesichert ist, haben sich ihre vermeintlichen Folgen schon in unsern Köpfen festgesetzt: Nicht nur die Frauen selbst werden allein sterben, sondern mit ihnen auch ihre Familien. Und wo Frauen nur ein Kind haben, schrumpft die Familie.
Der demografischen Schreckenslogik zum Trotz wird die moderne Familie nicht kleiner, sondern größer. Wer zur Familie gehört, definieren nämlich nicht Demografen, sondern die Familien selbst. Im Abstand von 50 Jahren wiederholte das Allensbacher Institut für Demoskopie die Frage: „Wen rechnen Sie zu Ihrer Familie?“ Während Ehegatten der Familie verloren gehen (die Nennungen fallen von 70 auf 58 Prozent), werden Eltern, (Ur-)Großeltern, Onkel und Tanten und andere Verwandte häufiger zur Familie gezählt als vor einem halben Jahrhundert. Geburtenrückgang und Langlebigkeit führen dazu, dass Familien sich weniger in die Breite, sondern, als „Bohnenstangenfamilien“, in die Länge dehnen. Auch Menschen ohne Kinder können, sich an Verwandte und Freunde anschließend, ihre Familie „machen“.
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