von Doris Schröder-Köpf
Politik ist nicht alles – das Leben mit Kindern hingegen schon. Die Ehefrau von Bundeskanzler Gerhard Schröder, selbst Mutter zweier Kinder, sorgt sich um die zunehmende Kinderlosigkeit in Deutschland. In einem persönlichen Plädoyer, das Mut machen soll.
Kennen Sie dieses Gefühl, sich ganz in Ruhe einer einzigen Sache widmen zu können? Ohne Unterbrechungen? Solche Stunden, die man braucht, um etwa einen Artikel wie diesen zu verfassen, sind selten in meinem derzeitigen Alltag.
Der Tag mit meinen Kindern (vier und 14 Jahre) ist restlos ausgefüllt: Fahrten zu Kindergarten und Schule, zum Musikunterricht und zum Reiten, gemeinsame Mahlzeiten, Spaziergänge, Zoobesuche, Kindergeburtstage, Freundinnen-Treffen, Gespräche über Gott und die Welt mit der „Großen“, Antwortsuche auf die täglichen eintausend „Warum“-Fragen der „Kleinen“. Situationen, in denen man „Nein!“ sagen muss – Diskussionen im Anschluss inbegriffen –, obwohl das „Ja“ leichter wäre. Kurzum – der übliche wunderbare und atemberaubende Alltag mit Kindern.
Eltern wissen, dass das Leben mit Kindern etwas ganz Besonderes ist. Allmählich dringt auch ins öffentliche Bewusstsein, dass wir ohne eine ausreichende Zahl von Kindern als Land Zukunftsfähigkeit verspielen. Auf die Probleme für Gesundheits- und Rentensystem, die der Rückgang der Geburten mit sich bringt, möchte ich gar nicht eingehen. Die sind berechenbar und bekannt.
Doch die zunehmende Kinderlosigkeit bringt auch einen dramatischen Verlust an Gemeinschaft über die eigene Generation hinaus mit sich. Ohne Kinder lebt jeder in seiner Zeit, mit seiner Technologie, seinen Stars, seinen Idolen und seiner Weltsicht. Wer mit Kindern lebt, weiß, dass ihre Sicht, ihre Fragen einen täglichen Lernprozess für uns Erwachsene bedeuten. Sie können auch eine Reise zu Verschüttetem oder nie Gekanntem auslösen – Kinder sind (für Eltern bisweilen unerwartet) religiös. Ihre Fragen nach Gott oder der Existenz von Schutzengeln, nach dem Sinn des Lebens und Sterbens – beispielsweise nach dem Tod eines kleinen gefiederten Garten-Bewohners – zwingen uns zu Klarheit.
Kinder helfen, Neues anzunehmen, auch bei alltäglichen Dingen. Man quält sich mit dem neuen mobilen Telefon ab – kein Problem, die Töchter wissen Bescheid, ganz ohne Gebrauchsanleitung. Das „Weltwissen der Siebenjährigen“ heißt ein Buch, in dem diese besondere Gabe von Kindern wunderbar beschrieben ist. Kinder nehmen uns Ältere im wahrsten Sinne mit in ihre Zeit.
Für mich steht fest, dass nichts auf der Welt die Freude an einem Leben mit Kindern ersetzen kann. Kinder stehen für Zukunft und Zuversicht, sie bereichern unser Leben und sorgen dafür, dass wir nicht erstarren, nicht eigensüchtig werden, dass wir teilen und uns mitteilen lernen.
Aber warum trauten sich in den vergangenen Jahren immer weniger Menschen, Kinder zu haben? Oder trauten sie es sich nicht zu, Kinder erziehen zu können?
Ein Schlüssel, um jungen Frauen (jungen Paaren!) die Entscheidung für ein Kind zu erleichtern, ist meiner festen Überzeugung nach ein ausreichendes und vielfältiges Betreuungsangebot, wie es andere Länder (Frankreich, USA usw.) längst anbieten. Im Idealfall können Mütter und Väter ihren Bedürfnissen, finanziellen Notwendigkeiten, ebenso dem Alter und den Bedürfnissen des Kindes entsprechend, Lösungen finden – von der Tagesmutter bis zum Krippenplatz.
Vielen Menschen mangelt es inzwischen aber auch ganz banal an Erfahrung mit Kindern überhaupt. Sie wuchsen als Einzelkinder auf, spielten nur mit Gleichaltrigen, leben mit einem anderen Einzelkind zusammen. Ihre Ansichten über ein Leben mit einem eigenen Kind sind entweder zu euphorisch oder zu angstbehaftet. Kinder und ihr Verhalten sind ihnen fremd. Sie beobachten im Umfeld verwöhnte Kinder, fehlgeleitete Erziehung und haben die Sorge, bei der Erziehung zu versagen.
Richtig ist: Erziehen ist schwieriger geworden, die Zukunft unübersichtlich. Wohin sollen wir erziehen, wenn sich die Welt so schnell verändert. Es gibt nicht mehr die starren Linien, denen alle folgen. Dennoch sollten wir nicht auf Leitplanken verzichten, an denen sich Ratlose orientieren können: In einer Gesellschaft, die zunehmend altert, ist es überlebensnotwendig, den Kindern Achtung vor dem Leben und Verständnis für Hinfälligkeit in einer Erziehung zum Mitgefühl vorzuleben.
Ein Land wie Deutschland, in dem so viele Menschen anderer Herkunft und mit uns fremden Religionen leben, muss seine Kinder auch zur Toleranz anderen Kulturen gegenüber erziehen. Wir sollten Kindern außerdem beibringen, dass es wichtig ist, dass man sich anstrengt. Dass Selbstbewusstsein noch mehr Charme hat, wenn es gepaart ist mit Respekt vor anderen Menschen und deren Leistungen, selbst wenn es sich nicht um bezahlte Tätigkeiten handelt. Das heißt: Wir sollten unseren Kindern beibringen, dass auch der Großartiges leistet, der Menschen umsorgt und versorgt. Wir werden die Ergebnisse unserer Erziehungsanstrengung im wahrsten Sinne des Wortes am eigenen Leib erfahren!
Jedes Kind ist ein Schatz. Wir brauchen alle Begabungen und Fähigkeiten jedes einzelnen Kindes. Kindergärten und Schulen sollten entsprechend ausgestattet sein – baulich und personell. Kinder sollten gefördert werden, wo sie Schwachpunkte haben, und nicht demotiviert werden durch veraltete Bestrafungsaktionen wie das „Sitzenbleiben“. Schließlich erneuert man beim Auto auch nicht den Motor, wenn nur die Kupplung defekt ist. Ich denke, ein Ausbau des Angebots an Ganztagsschulen würde Kindern und Lehrern helfen, die Anforderungen besser unter einen Hut zu bringen. Wenn Schule erziehen soll (oft muss!), bilden und fördern, wird das allein an den Vormittagen nicht gehen. Nur ganztags ist Zeit für Projekte, für Orchester und Theater-AG, für alles, was Schüler an die Schule bindet und Lehrer andere Seiten an ihren Schützlingen entdecken lässt – und was Herkunftsschranken überwinden hilft.
Kinder kommen heute mit sehr unterschiedlichen Startbedingungen schon zum ersten Schultag. Da gibt es die gut Vorbereiteten, die etwa schon ein Instrument spielen und die Vornamen der Familienmitglieder schreiben können. Und da gibt es Kinder, die nicht einmal ihre Gefühle in Worten ausdrücken können. Es ist extrem wichtig, diese Kluften durch individuelle Förderung auszugleichen. Für mich sind Sprachkenntnisse und damit verbunden spätere, Lesefähigkeit Schlüssel zum Erfolg in Schule und Beruf.
Aus der PISA-Studie wissen wir, dass für über vierzig Prozent der Schulkinder Lesen nur mehr eine lästige Pflicht ist. Wir wissen, dass es viele Haushalte ohne Bücher und Tageszeitung gibt, dass in vielen Familien Kleinkinder Fernsehserien kennen, bevor sie ein Bilderbuch in der Hand gehalten haben. Diese Eltern wissen nicht, was sie ihren Kindern vorenthalten, die Kinder erfahren nicht, was ihnen entgeht.
Wer früh vorgelesen bekommt, entwickelt eher Interesse am Lesen. Wer gerne liest, lernt meist leichter, kann sich besser konzentrieren als ein Fernsehkind. Lesen ist ein preiswertes Vergnügen, die Nutzung öffentlicher Büchereien meist kostenlos für Kinder: Und aus eigener Kindheitserfahrung weiß ich: Lesen macht glücklich!
Ich engagiere mich in mehreren Schirmherrschaften für Kinder, auch bei der „Stiftung Deutsche Kinder-, Jugend- und Elterntelefone“.
Mehr als fünf Millionen Anrufversuche zählen die rund 3200 Ehrenamtlichen Jahr für Jahr. In über 900000 Beratungsgesprächen erhalten wir einen umfassenden Eindruck davon, was Kindern und Jugendlichen sowie Eltern in Deutschland auf der Seele brennt.
Was wir an den Sorgentelefonen leisten, muss die ganze Gesellschaft tun: Eltern beistehen, sich kümmern um jedes einzelne Kind mit seinen Wünschen und Ängsten, seinen Sorgen und Hoffnungen.
Wer liebevoll und aufmerksam umsorgt, gut ausgebildet und gefördert wird, wird wahrscheinlich ein zum Glück fähiger Erwachsener – und vermutlich ein Mensch, der sich Kinder zutraut. Denn, siehe Anfang, das Leben mit Kindern ist wunderbar und atemberaubend, einfach ein großes Glück.
Doris Schröder-Köpf ist die Ehefrau des Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Sie lebt mit ihren Töchtern Klara und Viktoria in Hannover
Die Autorin unterstützt als Schirmherrin die Initiative „Deutschland liest vor“, initiiert von der Körber-Stiftung, unterstützt vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels (www.deutschland-liest-vor.de). Die Kinder-, Jugend- und Elterntelefone sind kostenlos und anonym unter 0800 1110333 (Kinder) und 0800 1110550 (Eltern) erreichbar
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