von Max A. Höfer
Den größten Einfluss haben in Deutschland diejenigen, auf die wir immer schon hörten, die uns immer schon etwas zu sagen hatten. Warum hört dieses Land nur auf alte Alphatiere? Eine Analyse.
Wer hat eigentlich den größten geistigen Einfluss auf die Deutschen? Wen zitieren Leitmedien wie der Spiegel, die Tagesthemen oder die Frankfurter Allgemeine am häufigsten? Wer wird gefragt, wenn Mohammed-Karikaturen einen Proteststurm auslösen, wenn der Papst stirbt oder die Folgen der Globalisierung bewertet werden sollen?
Die Antwort darauf gibt dieses Ranking der Top-500-Intellektuellen, das den geistigen Einfluss der wichtigsten „Denker“ auf die Deutschen abbildet. Es wertet aus, wie oft ein Wortführer in der Presse zitiert wurde, wie stark seine Präsenz im Internet ist und hinter den Kulissen im Networking.
Das Ergebnis ist „sensationell“, meint Fritz J. Raddatz. Der Ex-Feuilleton-Chef der Zeit staunt, wer die Spitzenpositionen besetzt: „Die Alten bestimmen den öffentlichen Diskurs.“ Was Raddatz, selbst schon 75, zutiefst befriedigt, ist eigentlich sehr beunruhigend: Oben auf dem Gipfel der geistigen Landschaft Deutschlands thronen überwiegend ältere Männer aus der Kulturszene. Das Durchschnittsalter der Top 100 ist knapp 66 Jahre – Günter Grass (79), Marcel Reich-Ranicki (86), Martin Walser (79), Jürgen Habermas (77) e tutti quanti.
Hauptmeinungsbildner sind mit einer deutlichen Zwei-Drittel-Mehrheit Schriftsteller, Publizisten, Kulturschaffende. Nur marginal in der öffentlichen Meinung vertreten sind Ökonomen, Naturwissenschaftler, Juristen, Mediziner – und Frauen, unter den ersten 100 lediglich neun.
Als Eckhard Fuhr, Feuilleton-Chef der Welt, das Ranking zum ersten Mal sah, stellte er fest, dass ein Reisender, der sein deutsches Vaterland dreißig Jahre nicht betreten hätte, verblüfft sagen könnte: „Du hast nichts verpasst.“ Nur Harald Schmidt auf Platz zwei würde für eine gewisse Irritation sorgen, aber die meisten der Top 100 kennt der Zeitreisende noch von früher: „Veteranen aus der Gruppe 47“. Vom Schwindel erregenden Fortschritt in den Naturwissenschaften sowie von der Revolution der Ökonomie erfährt der Deutsche nur spärlich.
Mindestens zwei Fragen stellt uns dieses Top-500-Intellektuellen-Ranking: 1. Warum dominieren die alten Männer aus dem Kulturbetrieb den geistigen Haushalt der Nation, wo bleiben die Jungen, wo die Frauen? 2. Warum sind Wirtschaft und Naturwissenschaft derart unterrepräsentiert in einem Land, dessen Zukunft von seiner Wirtschaftskraft und seinem Wissensfortschritt stärker abhängt denn je?
Der Reihe nach: Die silbergrauen Alphatiere aus der Kulturszene geben also immer noch den Ton an. Das hat zu einem kleinen Teil damit zu tun, dass der Aufstieg in den Olymp Ausdauer benötigt. Oben kann sich nur halten, wer Substanz hat. Gefragt wird, wer wichtig ist, nicht umgekehrt. Ins Ranking kamen keine „Fernsehgesichter“ wie Beckmann oder Kerner, die mal mehr, mal weniger kluge Fragen stellen. Meinungsbildner müssen eine eigene größere geistige Leistung vorweisen, ein eigenes Buch zum Beispiel wie der Herausgeber der FAZ Frank Schirrmacher mit seinem „Methusalem-Komplott“, das durch das Ranking eine „self-fulfilling prophecy“ erfährt: Das Komplott der Methusaleme existiert längst. Dennoch erklärt der Effekt der Seniorität die Dominanz der 70-Jährigen nicht, weil die Suchmaschinen nur Zitationen ab 1994 berücksichtigen, eben um Altstars nicht zu begünstigen.
Also doch ein Komplott der Alphatiere? Dagegen spricht, dass Walser und Reich-Ranicki, Fest und Wehler, Habermas und Sloterdijk nicht wirklich viel voneinander halten, was nicht heißt, dass es keine Seilschaften und Zitierkartelle gäbe. Aber sowenig ein Kohl oder Rau freiwillig abtritt, so wenig verlassen die Großintellektuellen freiwillig die Bühne; sie müssen erst gestoßen werden.
Nur: Die Jungen wollen nicht stoßen. Im Gegenteil, manche lassen sich sogar, wie einige Naive im letzten Sommer, die im Schlepptau von Günter Grass dessen Schröder-Wahlaufruf unterstützten, vom Altvater gönnerhaft die Wangen tätscheln: „Meine Epigonen haben sich bewährt.“ Ja, die Jungen, sie taugen halt nicht viel, alles muss der Alte selber machen.
Stört es keinen, dass viele unter den Top 100 längst die 70 überschritten haben und immer noch den Anschein erwecken, ihren spektakulären öffentlichen Interventionen sei es zu verdanken, dass die deutsche Gesellschaft menschlich wird und offen ist für Neues? Dabei lässt dieses Ranking doch nur den Schluss zu, dass eine Gesellschaft, deren Top-100-Denker ein Durchschnittsalter von 66 haben, geistig erstarrt ist.
Man hat behauptet, dass die Stelle des Großintellektuellen passé sei und nach dem Abtritt der Altvorderen einfach nicht mehr besetzt werde. Das Bedürfnis der Jungen, den Überall-Einmischer zu geben, sei eben nicht mehr vorhanden. Nur, wer verlangt nach einem jüngeren Remake von Grass oder des Starnberger Großayatollahs Habermas? Zeigt nicht der vielpräsente Peter Sloterdijk, dass öffentliche Diskurse auch ohne dramatischen Gestus auskommen? Zudem bestätigt die faktische Existenz der Großintellektuellen, dass es eine Nachfrage nach maßgebenden Persönlichkeiten gibt, was nebenbei mit erheblichen Privilegien verbunden ist: Um ein Manuskript von Grass reißen sich alle Feuilletons, Enzensberger erzielt für einen Essay die besten Honorare, starke Medienpräsenz sichert hohe Buchauflagen – soll keiner sagen, dass die Jungen diese Vorteile gern der Generation 70 plus überlassen. Immerhin, Teilaufstände hat es gegeben: An Walsers Denkmal rüttelte der junge Schirrmacher und dem Propheten der Spaßgesellschaft Harald Schmidt gelang in einem äußerst harten Ringen, das Betroffenheitskabarett eines Dieter Hildebrandt zu entthronen.
Und sonst? Wenn die Jungen einem Leitwolf wie Grass kampflos das Feld überlassen, dann dürfen sie sich über den Spott der Alten nicht wundern, wie ihn Alt-Feuilletonist Raddatz über die „dünnen Stimmchen“ der Jungschriftsteller ausschüttet: Jogurt-Literatur nennt er das, weil sie das Verfallsdatum schon auf dem Buchumschlag trägt. Ihre Meinung interessiert eigentlich nicht, so Raddatz, weil die Grünschnäbel nix erlebt haben, kein Stalingrad, keine Bombennächte, keine existenziellen Krisen.
Hat Raddatz Recht? So existenzialistisch-kernig sein Heroismus klingt, der Realität hält er nicht stand. Goethe schrieb den Werther mit 25 ganz ohne Bombenerfahrung, der wehrdienstuntaugliche Thomas Mann vollendete die Buddenbrooks mit 26 – gute Kunst braucht keine Katastrophen.
Eine Folge der Beißhemmung der Jungen ist, dass Frauen so schwach in den vorderen Rängen vertreten sind. Die Alt-Chauvis halten ihr Revier, trotz gegenteiliger Rhetorik, weithin frauenfrei. Jelinek, Schwarzer, Heidenreich, Wolf, Dörrie, das war’s fast schon. Die Macht der Frauen in den Medien ist in Wahrheit nur eine gefühlte Bedrohung, keine Spur davon, dass der Pascha im deutschen Kulturbetrieb zu den aussterbenden Arten gehört.
Fassen wir zusammen: Die Beißhemmung der Jungen mindert ihren Ruhm, schädigt ihr Geschäft, benachteiligt die Frauen und zementiert die geistige Erstarrung. Dennoch gibt es sie. Seit Konrad Lorenz wissen wir, dass jede Beißhemmung die Folge von Angst ist, Angst vor Autorität. Die Jungen haben zu viel autoritätsgläubigen Respekt vor dem selbst gewirkten Nimbus der alten Alphatiere, vor dem Mythos, sie hätten die Demokratie neu begründet und dem Land erst seine soziale Sensibilität geschenkt, sie trügen die Fackel der Freiheit voran und ähnlichem Mumpitz.
Die geistige Erstarrung äußert sich aber auch in der erdrückenden Dominanz der Kulturschaffenden gegenüber Ökonomen, Medizinern und Naturwissenschaftlern. Von den Ökonomen schaffen es sechs, von den Naturwissenschaftlern gerade mal zwei unter die Top 100. Die gesellschaftliche Reflexion über Leben und Tod, Gut und Böse, Arm und Reich findet weitgehend unter Ausschluss jener statt, die in ihren Labors Innovationen entwickeln oder als Ökonomen Profundes über Arbeitslosigkeit oder Globalisierung zu sagen haben.
Wem fällt auf Anhieb ein einziger Mediziner ein, der für all die neuen und spannenden Fragen der modernen Medizin steht, von Stammzelltherapie bis Sterbehilfe? Dagegen wissen wir für jedes Thema sofort einen Autor: für Bio-ethik Habermas, für Jugoslawien Handke, für Demografie Schirrmacher, für Ostdeutschland Christa Wolf, für alles Grass. Wenn Enzensberger Humboldt exhumieren will, kriegt er eine Titelgeschichte im Spiegel. Aber wer kennt Ingo Potrykus, Professor an der ETH Zürich, der Reis gentechnisch mit so viel Vitamin A anreicherte, dass Millionen Kinder in der Dritten Welt vor mangelernährungsbedingter Blindheit bewahrt werden konnten? Während sich die kleine Gemeinde der deutschen Nanotechnologen ein Schweigegelübde auferlegt, weil sie die Flut der fantastischen Gefahrenszenarien nicht mehr kommentieren will, stürmt Bestsellerautor Michael Crichton an die Spitze der Bestsellerlisten mit dem Thriller „Beute“, worin winzige Nanoroboter die Macht über die Menschheit anstreben. Er prägt die öffentliche Meinung weit stärker als die Forscher und damit auch die Höhe von deren Forschungsgeldern.
Wie viel freier und kreativer könnte über politische und gesellschaftliche Reformen diskutiert werden, wenn nicht so viel linkes wie rechtes antikapitalistisches und staatsgläubiges Kulturstrandgut den Zufluss neuer ökonomischer und naturwissenschaftlicher Erkenntnisse verstopfen würde! Der Kulturbetrieb ist sogar noch stolz auf seine Ignoranz: „Naturwissenschaftliche Kenntnisse müssen zwar nicht versteckt werden, aber zur Bildung gehören sie nicht“, dekretierte „Bildungs“-Guru Dietrich Schwanitz.
Natürlich sind die Wirtschaftsführer, Mediziner und Wissenschaftler nicht ganz schuldlos, wenn sie so selten zu Wort kommen. Vor allem Wissenschaftler meinen hierzulande, über eine verständliche oder gar unterhaltsame Sprache erhaben sein zu können. Deutschen Top-Managern fehlt fast durchwegs jeder Ehrgeiz, intellektuell zu glänzen. In Frankreich gehört es dagegen zum Image und auch in den USA ist es zunehmend Usus, dass ein Jack Walsh, Bill Gates, Warren Buffet oder Michael Dell ihre Philosophie zu Papier bringen und ihre Vision für das Land formulieren.
Wer aber wie unsere deutschen Topmanager intellektuell auf Sparflamme kocht, kommt auch nicht ins Denker-Ranking. Es fällt auf, dass die wenigen Vertreter der Wirtschaft unter den Top 100 bei allen Unterschieden eines gemeinsam haben: Sie sind exzellente Redner und gute Selbstdarsteller. Das weist den Weg für die anderen. Nur Topliteraten haben das Privileg wie Peter Handke oder Botho Strauß, sich selbstbewusst dem Medienzirkus zu verweigern und trotzdem ganz oben im Ranking zu stehen.
Bei einem Durchschnittsalter von 66 Jahren sind trotz der steigenden Lebenserwartung gewisse biologische Umschichtungen im Ranking absehbar. Es sieht so aus, als ob die Jungen, die allerdings auch nicht jünger werden, diese Form der (friedlichen) Übernahme bevorzugen. Das wäre schade. Denn dann muss die deutsche Öffentlichkeit noch auf Jahre den alten Schmarrn ertragen, von dem Alt-Feuilletonist Raddatz nicht genug kriegen kann: Dass „das stets zahlreiche Publikum bereits heftig applaudiert, wenn Günter Grass nur das Rotweinglas auf dem Podium von links nach rechts arrangiert.“ Nein, Deutschland hat Besseres, Frischeres, Intelligenteres verdient.
Der Journalist und Buchautor Max A. Höfer hatte bereits 2004/2005 ein erstes Intellektuellen-Ranking zu einem Buch zusammengestellt (Meinungsführer, Denker, Visionäre. Wer sie sind, was sie denken, wie sie wirken. Eichborn Verlag 2005) und darin die wichtigsten Denker in Kurzporträts beschrieben. Exklusiv für Cicero erstellte Höfer die „Liste der 500“ für das Jahr 2006 |