Wajdi Mouawads Drama «Verbrennungen» handelt vom Libanon-Krieg und war auf deutschen Bühnen ein großer Erfolg. In seiner Verlmung hat der kanadische Regisseur Denis Villeneuve die Sprachgewalt des Stoffes nun kongenial in Bilder übersetzt
Seit dem Jahr 2006, als Waiji Mouawads Drama «Verbrennungen» in Nürnberg und Göttingen uraufgeführt wurde, ist es noch auf zahlreichen deutschsprachigen Bühnen gezeigt worden, gerade läuft das Stück am Hamburger Ernst-DeutschTheater. Regisseure begegnen ihm mit immer neuen Konzepten, doch erstaunlicherweise ist es jedes Mal der Text, der die Kritik und das Publikum derart in den Bann schlägt, dass darüber die Bilder in den Hintergrund treten. Zu sehen ist meistens recht wenig, obwohl das Stück in weite Landschaften führt, zu Kriegsruinen, in ein Foltergefängnis und zu den Zeugen schrecklicher Massaker.
Die erwachsenen Zwillingskinder einer verstorbenen Mutter erfüllen widerwillig das Testament der ihnen fremd gebliebenen Frau, die die letzten fünf Jahre ihres Lebens nur noch geschwiegen hat. Während einer langen Gefängnishaft, von der sie ihnen nie erzählte, kannte man sie anders: als eine unbeugsame Gewissenstäterin, als «die Frau, die singt». An den ehemaligen Schauplätzen des Libanon-Kriegs sollen die Kinder, so verlangt es ihr letzter Wille, deren Vater und Bruder aufspüren. Sie finden dabei immer neue Hinterlassenschaften eines unendlich scheinenden Systems aus Gewalt und Gegengewalt. All das vermittelt sich allein in der Vorstellung. Der meisterhaft konstruierte Text springt in kurzen Szenen so frei zwischen den Zeiten wie ein moderner Kinolm.
Verstörend
fatalistische Logik
Wer ein derart starkes Stück verlmen will, ist nicht zu
beneiden. Einerseits kann man scheinbar wenig falsch machen bei
einem Stoff, der so wirkungssicher ist wie überhaupt das Werk des
selbst aus dem Libanon stammenen Franko-Kanadiers Mouawad. Doch
wie gesagt: Seinen Erfolg verdankt das Stück weniger dem
Bilderreichtum als der schrecklichen Schönheit seiner Sprache.
Opfer und Täter wählen lyrische Umschreibungen für das Verdrängte,
oder sie benutzen endlose Wiederholungsformeln für das obsessiv
Verinnerlichte. Das beginnt schon mit dem Testament der Mutter, das
den Kindern zu Beginn verlesen wird: «Beerdigen Sie mich völlig
nackt / Beerdigen Sie mich ohne Sarg / Ohne Kleidung, ohne
Leichentuch / Ohne Gebet / Mit dem Gesicht zum Boden.»
Mouawad, der als Autor in ähnlicher Weise arbeitet wie der
Filmemacher Mike Leigh, bezieht viele seiner Ideen und
Formulierungen aus der Arbeit mit Schauspielern. Doch ist das
Endprodukt stets das Ergebnis meisterhafter Komposition. Und wie
Brecht, an dessen «Mutter Courage» das Stück entfernt erinnert,
entsteht der Verfremdungseffekt oft eher aus dem Staunen über das
Formbewusstsein dieser Sprache. Und dann wird man doch
hineingezogen in den Fluss der verstörend fatalistischen Logik, die
zu einer grausamen, doch auch versöhnlichen Auflösung führt. Wie
also soll ein Film all diesen ausgesprochen unfilmischen, weil
sprachlichen Qualitäten beikommen?









