Der als Spezialist für den „deutschen Klang“ geltende Dirigent Christian Thielemann hat sich in einem Interview mit dem Magazin Cicero (August-Ausgabe) selbst als „die neue Avantgarde“ bezeichnet: „Ich bin ein geläuterter Konservativer. Ich bin nicht engstirnig und trotzdem traditionsbewusst.“ Konservativ zu sein „bedeutet nicht mehr: engstirnig, ausländerfeindlich und rechtsradikal. Konservativ bedeutet: das Alte ehren und daher neugierig auf das Neue sein.“ Schlechtes Benehmen und mangelnde Qualität seien für ihn jedoch „Zeitverschwendung“, so Thielemann, der im September Chefdirigent der Staatskapelle Dresden wird. In Dresden treffe er auf eine historisch einmalige Tradition: „Neben vielen negativen Dingen ist im Osten ein historischer Vorteil auszumachen. Während im Westen, ausgelöst durch die 68er-Bewegung, versucht wurde, möglichst viele Traditionen über Bord zu werfen, ist diese Mode am Osten vorbeigezogen. So hat sich vieles erhalten, was wir heute sehr schätzen. Und das hört man noch am Klang der Orchester.“
Der typische Klang der Dresdner Staatskapelle komme auch daher, „dass es lange Zeit kaum Zuzug von frischen Fleisch gab, dass das Orchester auf eine merkwürdig wohltuende Art im eigenen Saft gekocht hat“. Diese Dresdner Tradition erweise sich mittlerweile „in einer Zeit, in der große Orchester Gefahr laufen, gleich zu klingen und ihren Klang zu globalisieren, als großes Pfund“. Die Musik, so der 53-jährige Thielemann, scheine manchmal „mehr über mich zu wissen als ich selbst“. In solchen Augenblicken sei sie „wie ein Dämon, der das Archaische in mir berührt und mich dazu zwingt, mich ihr vollkommen auszuliefern. Sie saugt alles aus mir heraus. Ich hatte oft Angst, unter dem Einfluss von Musik in Situationen zu geraten, in denen ich alle Grenzen verliere. Zum Beispiel Drogen zu nehmen oder zu schnell mit dem Auto zu fahren und am Baum zu landen“.
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