Frauke Meyer-Gosau zum 100. Geburtstag der Übermutter und Ikone
Als die Kleist-Preisträgerin des Jahres 1928 die Bühne betrat, war die literarische Welt perplex: Man hatte einen Mann erwartet. Statt dessen erschien eine junge Frau, die, wie sich Carl Zuckmayer erinnerte, in ihrem zarten und leicht exotischen Aussehen an eine «javanische Tempeltänzerin» denken ließ. Frau Dr. Netty Radvanyi, geb. Reiling, Kunsthistorikerin aus Mainz, Mutter zweier Kleinkinder und Ehefrau des aus Ungarn emigrierten marxistischen Philosophen Dr. Laszlo Radvanyi, muss diese Verwechslungs-Komödie einen Heidenspaß gemacht haben: Sie selbst hatte sie ja inszeniert. Nur unter dem Namen «Seghers» hatte sie ihre beiden preisgekrönten Erzählungen «Grubetsch» und «Die Fischer von St. Barbara» erscheinen lassen – ein Vorname und weitere Angaben zur Person fehlten. Und sogleich waren die Literaturkritiker sich ganz sicher gewesen: Der «harte Stoff» und «harte Stil» dieser Prosa konnten nur von einem echten Kerl stammen. Mit der spektakulären Enthüllung ihrer tatsächlichen Identität war Anna Seghers, wie sie sich seither als Autorin nannte, ein grandioser Publicity-Gag gelungen.
Aber warum das Versteckspiel? Handelte es sich wirklich um eine pfiffige Vermarktungsstrategie? Lust an koboldhaften Scherzen? Geschlechterkampf-Attitüden vielleicht? Das wüsste man doch gern. Denn das, was im Allgemeinen von der Schriftstellerin Anna Seghers bekannt ist, scheint gegen alle drei Möglichkeiten zu sprechen: Marktpsychologische Tricks passen mit dem Bild von der beinharten Sozialistin und späteren Ur- und Übermutter der DDR-Literatur ebensowenig zusammen wie etwa di-daktische Manöver gegen den kulturellen Spontan-Machismo oder gar ein leicht frivoler Hang zum Schabernack. Wer war Anna Seghers, die nicht Anna Seghers hieß?
Flucht bis nach Mexiko
Am 19. November wäre sie hundert Jahre alt geworden, Anlass für den Aufbau-Verlag, seine Welt-Autorin der ersten Stunde mit gleich vier Büchern zu feiern. Die sollten hier weiterhelfen können: Zum ersten Mal gedruckt wird eine erst kürzlich entdeckte frühe Erzählung, «Jans muss sterben». In zweiter Auflage erscheint die «Biographie in Bildern» von 1994. Hinzu kommen Seghers-Briefe aus dem Jahr 1947 sowie der erste Band einer umfangreichen Biographie – Material genug, um sich ein differenzierteres Bild von Anna Seghers zu machen, und eine Menge Stoff dazu, um anhand ihrer Lebensgeschichte das gerade zu Ende gehende, verheerende Jahrhundert noch einmal zu besichtigen. Denn Anna Seghers bzw. Netty Reiling, die einer wohlsituierten jüdischen Kunsthändlerfamilie entstammte, erlebte das 20. Jahrhundert von seinem ersten Jahr an, und sie war 84, als sie starb. Mit Mann und Kindern musste sie – Jüdin und Kommunistin – Deutschland 1933 verlassen, ging ins Exil, erst nach Frankreich, floh von dort weiter in einer abenteuerlichen Fahrt bis nach Mexiko und kehrte 1947 ins zerstörte Deutschland zurück; ihre Mutter war 1944 in einem Lager umgekommen. In der DDR alsbald zur Ikone der sozialistischen deutschen Literatur erhoben, hatte sie als Mitglied der kommunistischen Partei seit 1928 allerdings auch teil an der innerstaatlichen und -parteilichen Vernichtungspolitik, die der Stalinismus von den dreißiger Jahren bis weit in die fünfziger hinein exekutierte – nicht nur eine Zeit-Zeugin also, auch eine politisch Involvierte.
Die Erzählung von 1924 lässt davon allerdings noch kaum etwas erkennen. Doch war es ja auch die höhere Tochter Netty Reiling, die hier, eben promoviert und vor ihrer Heirat für kurze Zeit noch einmal ins Elternhaus zurückgekehrt, gerade erst zu schreiben anfing. Verschiedenes in dieser Geschichte vom kleinen Arbeiterjungen Jans, einem braun gebrannten Kraft- und Wonneproppen in knallroten Hosen, funktioniert denn auch überhaupt noch nicht. Ganz von innen, aus den wechselnden Stimmungslagen von Vater, Mutter und Kind geschrieben, gibt es da derbe Sprünge in der Motivation, plötzliche Umschwünge im Empfinden, bei denen man nur die Stirn runzelt. Und doch versteht man auch sofort, weshalb Hans Henny Jahnn dieser Erzählerin vier Jahre später den Kleist-Preis gab: So sehr die Arbeiterkluft an den Personen noch sichtbar schlottert, so äußerlich arrangiert die Insignien der Klassen-Armut wirken – es gibt da eine Kraft der ganz knappen, ganz genauen und dabei wenig erbarmungsvollen Zeichnung der Figuren-Zustände, die betörend ist.
Verwunderlich natürlich trotzdem, weswegen das behütete Frl. Reiling sich von Anfang an ein Schreibmilieu sucht, das so erkennbar nicht ihres ist. Das sie für sich emotional enorm auflädt, für das sie auch noch einmal, nun ganz anders, viel studieren muss. Und irgendwann, scheint es, ist in diesem Kopf dann eine eigene, fremde Welt fertig, die ganz aus Bildern: aus Vorstellungen und Projektionen gemacht ist. Woher sie stammen, was überhaupt der Auslöser war, diese und keine andere Wirklichkeit zu ihrem künstlerischen wie politischen Zentrum zu machen, das muss man sich auch nach der Biographie von Christiane Zehl-Romero leider immer noch selbst zusammensetzen.








