Eugen Ruge hat für seinen Debüt-Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" den deutschen Buchpreis 2011 erhalten. Das Buch ist eine deftige Burleske über eine DDR-Musterfamilie
Im 1. Oktober 1989 liegt das Zentrum des ersten Romans von Eugen Ruge. An diesem Tag feiert Wilhelm Powileit seinen neunzigsten Geburtstag: ein Kommunist, hoch dekorierter Held der Arbeiterklasse, vor den Nazis nach Mexiko geflohen und 1952, weil «die Partei ihn rief», in die DDR zurückgekehrt. Das Besondere am 1. Oktober 1989 sind nicht die Sonderzüge, die mit DDR-Flüchtlingen von Prag und Warschau in Richtung Westen fahren, das Besondere an diesem Tag ist ein Telefonanruf. Alexander wird an der Geburtstagstafel fehlen, er hat von «drüben» angerufen. Alexander, Wilhelm Powileits Stiefenkel, in der Familie Sascha genannt, ist, wie sein Vater Kurt sagt, «im Westen», und Saschas russische Mutter Irina ruft: «Tot, verstehst du, tot!»
Es ist nicht der große historische Augenblick, es ist der getürmte Sohn, der seinen Schatten über die Feier legt. Beschreibungen des normalen Lebens mit seinen normalen Unterhaltungen sind die Stärke dieses 57-jährigen Erzählers. Zur Normalität gehören seelische Grausamkeiten, komische Verstrickungen, Peinlichkeits-Exzesse, Lügen und Schweigeminuten. Eugen Ruge ist kein Schriftsteller, der den wiedergeborenen Thomas Mann mimt, kein um literarische Politur bemühter Autor, sondern einer, der dem Leben, so, wie es gewesen ist, so nah wie möglich kommt. Der Alltag in der DDR von 1952 bis 2001 hat damit eine neue kräftige – und eine burleske Stimme. «In Zeiten des abnehmenden Lichts» ist ein Roman über eine Vorzeigefamilie, die Teil des Systems und damit auch ein kleiner Teil der Weltpolitik war. Ruge, der selbst 1988 in den Westen gegangen ist, setzt aber das Private entschieden an die erste Stelle.
Eugen Ruge hat, weil dies das unverfänglichste Studium war, Mathematik studiert. Später arbeitete er bei der DEFA als Dokumentarfilmer und in Westdeutschland als Regisseur und Dramatiker. Er versteht es, seinen Personen ganz nah zu kommen. In seinem Roman sind Ideologien in Alltagshandlungen aufgelöst, taucht die DDR als Staat der Arbeitsscheuen auf beim Versuch, eine dienstwillige Kneipe zu finden. Es werden Häuser und Straßenzüge geschildert und ausführlich das Weihnachtsessen, mit Krach und Kloß und allem, was dazugehört.
Im ersten Kapitel des Romans begegnen zwei kranke Männer einander in einem vergammelten Haus am Rande Berlins. Alexander ist mit der Diagnose einer unheilbaren Krankheit gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden. Kurt, sein alter Vater, kann nur noch essen, verdauen und mit dem Kopf nicken. Eine Szene zum Umdrehen. Und dann sucht Alexander auch noch den Safeschlüssel, um mit Vaters Erspartem nach Mexiko abzuhauen und den Spuren der Großeltern nachzureisen.
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