Kaum ein Format ist im deutschen Fernsehen derzeit so erfolgreich wie die Reality-Soap: schnell, billig, massentauglich. Seit mehr als einem Jahrzehnt lang hämmern diese Shows in Extremform auf das Publikum ein – mit unappetitlichen Folgen. Jetzt hat RTL den Tabubruch erneut perfektioniert
Erinnern Sie sich noch? Es ist 13 Jahre her, da erregte Deutschland sich wegen eines Containers. Für „Big Brother“ hatte sich eine Gruppe Menschen in einer Wohneinheit über vier Monate lang filmen lassen – der Durchbruch des Reality-TV. Gutmenschen und Moralisten waren erzürnt, warnten vor einem „unverantwortlichen Menschenexperiment“, ja vor dem „Menschenzoo“.
Der allseits enthemmte Fernsehkonsument kann darüber heute nur noch milde lächeln. Die Kritik war nämlich nicht nur rasant verstummt, schon ein Jahr nach dem „Big Brother“-Start verkündeten Forscher schon das vorläufige Ende solcher Shows. Es stelle sich die Frage, „wie lange sich die ‚neuen‘ Formate auf dem Bildschirm halten werden“, orakelte der Koblenzer Kommunikationspsychologe Uli Gleich. Er berief sich dabei auf eine Forsa-Umfrage für TV Today, in der Reality Shows als „große Verlierer“ galten: 81 Prozent der Befragten sagten demnach aus, dass sie davon weniger sehen wollten.
Was bitte ist da passiert?
Nicht nur, dass sich der Container-Voyeurismus – mit Unterbrechungen – zehn Jahre lang hielt, die Reality-Show ist mittlerweile das Erfolgsformat des zeitgenössischen (Privat-)Fernsehens geworden. Das zeigt ein Blick zurück auf die RTL-Reihe „Bauer sucht Frau“. Die Serie landete im vergangenen Herbst wochentags fast regelmäßig auf den Plätzen 1 bis 3 der Quotenskala aller TV-Sender. Regelmäßiger Top-Runner bei der werberelevanten Gruppe der 14-49-Jährigen, bei der Gesamtgruppe der Zuschauer und beim Marktanteil.
Der Vorteil für die Programmmacher liegt auf der Hand. Die Serien sind billig, schnell zu produzieren und ungeheuer erfolgreich. Schnittige Durchläufer. Werden wir also gerade Zeuge einer gewaltigen Selbstlüge des Publikums, das Marktforschern gegenüber seinen Ekel vor Reality-Shows bekundet, zu Hause aber seinem heimlichen Hang zum Voyeurismus nachgeht?
Der Systemwandel des TV wäre eigentlich ein spannendes Betätigungsfeld für die Medienforschung. Stattdessen: Intellektuelle Leere. Ein Aufschrei der Apologeten? Weit gefehlt.
Vielmehr werden wir Zeugen einer schleichenden Habitualisierung der Rezipienten. Oder, anders gesagt: einer gewaltigen Abstumpfung der Stubenproleten. Gleich begründete seine Prognose eines Reality-Sinkflugs im Jahr 2001 wie folgt: „Möglicherweise war die Inszenierung den Zuschauern nicht dramatisch genug, wie dies etwa in fiktiven Soap Operas der Fall ist.“ Viele der Zuschauer – meist jung, männlich und mit niedriger Schulbildung – nutzten die TV-Angebote eskapistisch: Sie versuchten, dem Alltag zu fliehen und ihre Ängste abzubauen. Genügte das Gesehene als Bewältigungsmasse nicht aus, musste das TV noch einen draufsetzen.
Und es setzte einen drauf. Immer wieder: Model-Pimp, Frauentausch, Wohndesign-Rüpel, Hartz-IV-Peepshow. Alle Facetten des Menschseins wurden ausgeleuchtet, jeder Eiterpickel vor der Kamera ausgedrückt, Clearasil-Werbepause inklusive. Der inszenierte Wahnsinn, der Tabubruch als Konstante. Es ist das Charlotte-Roche-Prinzip. Und das hat Auswirkungen auf das echte Leben: Studien zufolge nehmen einige Zuschauer, je häufiger sie Unterhaltungsserien sehen, die Wirklichkeit verzerrt wahr, und zwar eher so, wie sie im Fernsehen dargestellt wird. Das steigert die Unzufriedenheit – und gibt dem Drang nach weiterem Fernsehkonsum neue Nahrung.
Mittlerweile wurden auch diejenigen Lebensbereiche, die bislang noch aus gutem Grund verschleiert blieben, ins Scheinwerferlicht gezerrt. Der Tod: Ganz Großbritannien verfolgte das Dahinsiechen der Krebskranken Jade Goody. Der Ekel: Deutschland ergötzt sich an sich im Schlamm wälzenden und lebende Würmer vertilgenden C-Promis im „Dschungelcamp“. Das Schmuddel-Format mit Urwaldzoff und Silikonbrüsten ist sogar unter Akademikern schon salonfähig geworden. Proletentum mit Abitur? Offenbar.
Der Sex: Nein, die „Virgin Diaries“, in denen Viva Jungfrauen und Junggesellen bei ihrer Suche nach dem ersten Mal begleitet, waren noch nicht das peinlichste. Es kommt jetzt noch dicker: RTL hat nun die vierteilige Doku-Show „7 Tage Sex“ gestartet. Darin verpflichtet der Sender seine Protagonisten eine Woche lang zur Bettgymnastik.
Seite 2: Wo findet sich hier der Protest gegen den Voyeurismus?














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