Die Leute, die Rainer Brüderles mutmaßlichen Fehltritt gegenüber einer jungen Journalistin für ein ausgewachsenes Sexismus-Problem halten, sind vermutlich stolz: Die #aufschrei-Debatte bestimmt Twitter (und auch den Rest des sozialen Netzes) seit Tagen mit einer ungeahnten Resonanz. Schade nur, dass dadurch das Debattieren im Netz wieder ein bisschen unangenehmer geworden ist.
Am zweiten Tag der Debatte gab es dann ein paar Tweets, die amüsant waren: Einer beispielsweise schrieb, er würde ja gerne irgendwas zu diesem #aufschrei twittern, der in den letzten Tagen fast alles übertönte, was es sonst noch im Netz gab. Aber leider fühle sich das an wie in einem Minenfeld Breakdance zu tanzen. Eine andere schrieb, sie habe auch einen Aufschrei, der sich allerdings gegen die sinnlosen Kriege und gegen den Kindesmissbrauch in der Welt richte. Danach war ich dann erst mal ein bisschen draußen aus der Debatte, weil zu erwarten stand, dass demnächst noch einer gegen Hitler und für den Weltfrieden Aufschreie in die Welt setzt und wo solche Debatten dann enden, im Netz zumal, das weiß man ja.
Es ist also vermutlich sinnvoll, bevor man dann auf- und angeschrien wird, ein paar Dinge vorweg zu sagen: Nein, ich finde das Verhalten von Brüderle, wenn es denn so stattgefunden hat wie beschrieben, nicht akzeptabel. Ich finde auch nicht, dass man es relativieren sollte und nein, ich finde, blöde Sprüche über Busen, Hintern oder sonstige Sekundärmerkmale sind in erster Linie blöde Sprüche und kein Witz und auch kein Altherrenwitz; das würde ich mir alleine schon deswegen verbitten, weil ich selbst demnächst vermutlich zu der Gattung älterer Männer gehöre, wenn es nicht eh schon so weit ist.
Trotzdem war es mal wieder eine typische Netzsache, diese Sache mit dem Aufschrei. Man hat die Ahnung, dass eine Sache erst mal richtig ist. Und bekommt sie dann verleidet, sogar als jemand, der von sich mit allerbestem Gewissen behaupten kann, niemals nicht auch nur einen halbwegs sexistischen Satz gesagt zu haben. Verleidet wird einem die Zustimmung dadurch, weil man eine Ahnung davon bekommt, wie eine solche Debatte weitergehen würde, wenn jemand auch nur einen leisen Einwand bemerken würde. Breakdance im Minenfeld ist da vermutlich noch ein Euphemismus, nachdem Begriffe wie “Verachtung” noch die harmloseren waren, die fielen. Wenn man also die banale Weisheit in Betracht ziehen würde, dass ein Gespräch voraussetzen würde, dass die theoretische Möglichkeit besteht, dass das Gegenüber Recht haben könnte - dann ist es vermutlich einfach nur naiv zu glauben, jemandem wäre an einer ernsthaften Debatte gelegen, wenn er doch in Wirklichkeit einfach nur aufschreien will.
Dabei hätte man eine ganze Menge einwenden können in den letzten Tagen, wenn es irgendwie möglich gewesen wäre im dauerhaften und immer lauter werdenden Getöse. Ich hätte beispielsweise gerne gewusst, warum es gleich ein “Aufschrei” sein muss. Wie würde man dann eine Kampagne betiteln wollen, wo es mal um die wirkich großen Probleme dieser Erde geht? Gerne hätte ich die Aufschreier vom “Stern” gefragt, wie sie es eigentlich nennen, wenn auf gefühlt jedem zweiten ihrer Titel eine nahezu nackte Frau ist und ich hätte nebenher, bei aller Empörung, die Sie jetzt vermutlich auf mich einprasseln lassen, gerne gefragt, wieso ein Portrait über den Politiker Brüderle sich in Überschrift und gleich zu Beginn des Textes darauf konzentriert, dass da ab und an womöglich ein paar Hormone zuviel und schlechtes Benehmen im Spiel sind. Die Fragen habe ich deshalb nicht gestellt, weil sie in einer aufgeheizten Aufschrei-Debatte sofort untergehen - und nicht nur das: Solche Netz-Diskussionen sind oft von solcher Radikalität, dass sie nur einen Schluss zulassen. Entweder, man steht auf einer Seite - oder man ist Feind. Statt schwarz und weiß auch etwas grau in einer mit “Aufschrei” gekennzeichneten Twitterdebatte, das ist so erfolgsversprechend wie der Versuch, in einem Fußballstadion eine Literaturlesung zu veranstalten.
Und natürlich staunt man in solchen Debatten immer wieder über die dunklen Seiten von Menschen. Von Menschen, die man schätzt, die man mag, die man persönlich kennt und die gewöhnlich zu einer halbwegs vernünftigen Argumentation in der Lage sind. Und die sich dann von einer brüllenden Herde mitreißen lassen zu Dingen, bei denen man vor dem Netz und vor Twitter schon wieder Angst bekommen müsste.
Deswegen habe ich nicht mitdiskutiert, nicht bei Twitter, nicht bei Facebook, nicht in einer derart aufgeheizten Stimmung, in der jeder Zwischenton untergeht und in der irgendwann das Recht des Stärkeren, des Schnelleren und des Lauteren herrscht und in der eine eigentlich lohnenswerte Auseinandersetzung untergeht. Es gab mal Zeiten, in denen ich dachte, das Netz könne eine Art urdemokratisches Werkzeug werden, in dem Meinungen ausgetauscht und irgendwann auch mal solide gebildet werden können. Nach der Aufschrei-Diskussion ist meine Lust auf Netz-Debatten gerade bei ungefähr Null und die Enttäuschung groß: Außer einem sich gegenseitig die Dinge ins Gesicht Brüllen ist dort fast nichts passiert, was die Diskussion wirklich weitergebracht hätte.
Kleiner Epilog: Ich hatte eine ziemlich vorgefertigte Meinung zu dem Vorfall. Sehr salopp gesagt: So jemanden tritt man als Frau von Selbstbewusstsein sonstwohin und setzt ihm Grenzen. Oder erwartet man jetzt von einem sabbernden Sugardaddy ernsthaft Einsicht? Dann habe ich mich heute Mittag in einer privaten Runde nochmal über das Thema unterhalten und drei Frauen haben mir ziemlich plausibel erklärt, warum das gar nicht so einfach ist, diese Sache mit dem Tritt und den Grenzen. Seitdem sehe ich es tatsächlich - etwas anders. Ganz ohne Aufschreien, ganz ohne Pöbeleien und ohne dass irgendjemand irgendwann die zuverlässigen Totschläger Sexist, Antisemit und Hitler rausgekramt hätte.
Na bitte.
Geht doch.
Aber anscheinend nur außerhalb des Netzes.











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