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Berliner Republik

Merkel, ESM und FiskalpaktDer Kaiserin neue Kleider

Von Petra Sorge 29. Juni 2012
picture alliance
Angela Merkel, Eurokrise, EU-Gipfel Brüssel, Bundeskanzlerin, Augen, Haare
Angela Merkel: Der Erpressung erlegen oder die eigene Philosophie bewahrt?
Schrift:

Auf dem EU-Gipfel in Brüssel warf Merkel erst viele ihrer Überzeugungen zur Eurorettung über Bord. Die Beschlüsse, die sie dann als ihre eigenen verkaufte, waren aber gar nicht Gegenstand der Bundestagsdebatte. ESM und Fiskalpakt sind zwar verabschiedet – aber jetzt schon wertlos. Ein Märchen nach Hans-Christian Andersen

Seite 1 von 2

Die Geschichte von Merkel und dem EU-Krisengipfel, die lässt sich erzählen wie die Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern. In dem Märchen von Hans-Christian Andersen lässt sich der Kaiser, stets süchtig nach neuer Robe, ein ganz wundersames Gewand nähen. Die Weber, die keine waren, erzählten ihm, dass die Kleider für jeden unsichtbar seien, der entweder nicht für sein Amt tauge oder unverzeihlich dumm sei. Der Kaiser fiel auf diesen Trick herein und ließ sich die scheinbar prächtigen Gewänder anlegen. Tatsächlich war er – nackt.

Merkel, die als wichtigste Krisenmanagerin Europas gilt, erging es auf dem Treffen der 27 Staats- und Regierungschefs am Donnerstag und Freitag in Brüssel kaum anders. Sie kam eigentlich dick mit Forderungen angezogen – bepanzert, könnte man sagen – nach Brüssel. Die kalte Kanzlerin hatte sich warm angezogen: Keine Zugeständnisse bei der Euro-Rettung, das war ihre Devise. Instrumente wie Eurobonds, Euro-Bills, Schuldentilgungsfonds, Vergemeinschaftung von Schulden – alles Teufelszeug, so hatte sie es noch am Mittwoch in ihrer Regierungserklärung dargestellt. Und schon gar kein Geld an Banken, unkonditioniert. Ihr Credo lautete „Konsolidierung und Wachstum“ – Sparbemühungen, ergänzt um einen Wachstumspakt.

In der Nacht in Brüssel ging es hoch her – und irgendwie vermochten es Spanien und Italien, diplomatisch am Kanzlerinnenkorsett zu zerren. Plötzlich machten sie ihr Ja zum Wachstumspakt von Bedingungen abhängig. Der italienische Regierungschef Mario Monti und sein spanischer Kollege Mariano Rajoy wollten noch einmal über ihre Forderungen sprechen. „Erpressung“, sollen viele Diplomaten geschimpft haben.

Es grenzt geradezu an Absurdität, dass die Kanzlerin nun ausgerechnet mit dem Wachstumspakt erpresst werden sollte, den sie selbst so nie wollte. Es waren Frankreichs sozialistischer Staatspräsident François Hollande sowie die heimische SPD, die der CDU-Politikerin diese Maßnahme aufgenötigt hatten. Auch dieser Schachzug war bereits ein kleines Erpressungsspiel, Pardon, ein diplomatischer Kompromiss gewesen. Die SPD hatte ihr Ja zum Fiskalpakt im Bundestag von diesem wolkigen Wachstumspakt abhängig gemacht.

Um im Bild zu bleiben, hatte man Merkel zunächst die Taschen geleert, bevor man ihr nun in Brüssel die Hosen auszog. Zugleich nähte man ihr ein Gewand, das sie sehr teuer bezahlen sollte, und versicherte ihr, sie sähe darin noch viel prächtiger aus. Merkel als Kompromisskanzlerin, als Krisenmanagerin.

Denn Monti und Rajoy setzten nach 15 Stunden Verhandlungen einen leichteren Zugang zu den europäischen Rettungsgeldern durch. Strenge Anpassungsprogramme wie in Griechenland sind erstens künftig nicht mehr nötig, wenn angeschlagene Eurostaaten Mittel aus dem Fonds haben wollen.

Zweitens soll es erstmals direkte Bankenhilfen geben. Marode Banken können sich also direkt aus dem ESM frisches Geld holen, ohne Gläubigerbeteiligung. Dadurch soll vermieden werden, dass die Staatsschulden der Krisenländer weiter in die Höhe schießen, wenn sie ihre Banken stützen. Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Deutschland haftet über den ESM nun auch für Banken, von denen sicher einige die Krise erst ausgelöst hatten. In einem dapd-Interview hielt das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut es für fragwürdig, Rettungsgelder an die Privatwirtschaft zu zahlen. „Das ist gewissermaßen ein Weg durch die Hintertür zur Vergemeinschaftung von Schulden“, sagte Währungsexperte Henning Völpel. Die Vergemeinschaftung von Schulden – wir erinnern uns – hatte Merkel erst drei Tage zuvor strikt abgelehnt.

Das alles soll drittens von einer besseren Euro-Aufsicht überwacht werden, die bei der Europäischen Zentralbank (EZB) angesiedelt ist. Der dortige Chef ist übrigens auch ein Italiener – Mario Draghi. Wenig überraschend begrüßte er am Rande des Gipfels die Möglichkeit einer Banken-Rekapitalisierung. Die deutsche Kreditwirtschaft zeigte sich von dem Vorschlag, die Bankenaufsicht bei der EZB anzusiedeln, dagegen entsetzt. „Damit wird die Unabhängigkeit der EZB untergraben“, sagte Stephan Rabe, Pressesprecher des Bundesverbands Öffentlicher Banken Deutschlands, Cicero Online. „Diese Aufgabe hat mit ihrem ursprünglichen Auftrag nichts zu tun.“ Obendrein müsste die Aufseherfunktion dann ausgerechnet von der Bank, die angeschlagenen Staaten bereits mit rund einer Billion Euro zur Seite sprang (von denen Deutschland mit 400 Milliarden Euro haftet), erfüllt werden. Langfristig sollen all diese Pläne in einer Banken- und Fiskalunion münden.

Kurz gesagt: Angela Merkel hatte sich den Sparkurs im Fiskalpakt mit dem Wachstumspakt erkauft, den sie wiederum nur über eine Aufweichung der Sparvorgaben an anderer Stelle erhielt. Das neue Gewand, das man ihr anlegte, ist mit leerer Nadel gewebt. Weder wird es die Krise lösen noch bringt es die wichtige und notwendige politische Union wesentlich voran. Man einigte sich zwar auf diesen Punkt, vertagte ihn aber auf Oktober. Die Brüsseler Zugeständnisse zeigen: Die deutsche Kanzlerin ist in Europa mittlerweile isoliert. Splitternackt steht sie auf dem europäischen Parkett.

Seite 2: Alle Auflagen an ein Land, künftig nur noch Papiertiger?

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Naration

Vielleicht setzt sich die Erzählung durch, dass Merkel eingeknickt wäre. Für mich zählt nur das Ergebnis und das ist doch super. Beispielsweise ist es mir doch egal ob das Geld für die spanischen Banken von Spanien garantiert wird oder nicht. Bei Staaten ist eine solche Garantie eh nichts wert, weil Staaten nicht liquidiert werden können, die zahlen einfach nicht. Das beste Beispiel ist Griechenland. Eine gemeinsame schlagkräftige Bankenaufsicht ist super, das Wachstumspaket für Hollande ist nicht zu teuer und ob die Troika "einreitet" oder nicht, ist auch nur für den Nationalstolz von Bedeutung, real nicht.

  • Antworten
Robert30.06.2012 | 07:51 Uhr

Das ist ein typisches

Das ist ein typisches Beispiel dafür, warum wir ein starkes, selbstbewußtes Parlament brauchen. Leider haben wir das nicht.

Weil einzelne Personen, auch wenn sie Bundeskanzler oder -Minister sind, sich ggf. "im Eifer des Gefechts" und unter dem Druck einer nicht enden wollenden Nachtsitzung weichkochen lassen.

Ein amerikanischer Präsident käme mit sowas in seinem Parlament nicht (so leicht) durch.

  • Antworten
Michael Hoffmann30.06.2012 | 09:02 Uhr

Dauerhafte Rettung ist Anachronismus

Ein dauerhafter Rettungsschirm wie der ESM ist ein Anachronismus. Der Rettungsschirm ist undemokratisch, da de facto nur von den Finanzministern und nicht vom Parlament kontrollier- und steuerbar, und niemand hat bisher öffentlich erklärt, warum um alles in der Welt die Beschäftigten des ESM gerichtliche Immunität benötigen. Gerichtliche Immunität besitzt sonst Niemand im Öffentlichen Dienst - daher ist hier das Misstrauen mehr als angebracht.
Mit Einführung des Euro wurde den Deutschen sowohl die politische Unabhängigkeit der Zentralbank EZB, als auch die Maastricht-Kriterien als Stabilitätsanker versprochen. Beides ist de facto nicht eingehalten worden.
Der EU-Vertrag beinhaltet die No-Bail-Out Klausel.
Auch dieser Vertragsteil ist de facto gebrochen.
Der ESM soll nun nicht nur Staaten, sondern auch Banken direkt helfen dürfen.
Für die Rettung von Banken haben die Eurostaaten seit 2008 bereits 37 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung zur Verfügung gestellt. In Form von Bürgschaften, Verstaatlichung, etc.
Die direkte Bankenfinanzierung durch den ESM bedeutet möglicherweise Finanzhilfe ohne Auflagen.
Die Banken haben zudem 300 Prozent mehr Schulden als die Eurostaaten.
Wer da von 300 Mrd. Euro Haftung für Deutschland spricht, weiß nicht wovon er redet.
Seit 2008 sind für die Banken 4,5 Billionen Euro an Bürgschaften, Verstaatlichung, etc. abgegeben worden.
Werden die Banken nun vom ESM aufgepeppelt, erhöht der Gouverneursrat durch Beschluss mit einfacher Mehrheit (auch gegen die Stimmen Deutschlands) einfach die Einlage von z.B. 800 Milliarden auf dann 3 Billionen wenn es sein muss.

Der ESM ist daher weder demokratisch konstituiert, weil kein Parlament die Geschäftsführung kontrollieren oder abberufen kann.
Der Mitglieder des ESM sind vor Gericht nicht zu belangen, was völlig entgegen der rechtsstaatlichen Prinzipien steht.

Und nun zu der Transferunion:
die Transferunion wurde beim Eurogipfel am 28.06. de facto beschlossen, weil Spanien und Italien zukünftig ebenfalls Hilfen ohne Auflagen vom ESM bekommen können.

Die Haushaltskontrolle durch den Fiskalpakt wird ebenfalls nicht funktiionieren. Denn gegen notorisch Haushaltsschuldner kann man dann zwar Millionenklagen (0,1 Prozent des BIP) verhängen. Die Klageverfahren dauern aber zwischen 2 und 3 Jahren. Das interessiert ggf. die Regierung in einem überschuldeten Land nicht die Bohne, wenn die Milliardenschulden doch vom Nordland getragen werden, wenn sie heute sich dem Wahlvolk stellen muss, ist ihr das Hemd näher als der Rock.

  • Antworten
Frederick Kühne30.06.2012 | 10:52 Uhr

Es ist bezeichnend,

dass gar nicht mehr hinterfragt wird, wieso die Politiker einschließlich der Kanzlerin überhaupt auf die Idee kommen, Banken, die sich verzockt haben, müssten mit Steuergeldern gerettet werden.

Die sollten vielmehr abgewickelt werden, so günstig wie möglich. Welche andere Branche gibt es, die unbegrenzte staatliche Rettungsgarantien hat, sogar seitens fremder Staaten?

Die Anmerkung seitens Herrn Gabriel von der SPD, dass die nächtlichen Beschlüsse so zielmich das Gegenteil dessen sseien, was im Gesetzesentwurf steht der zur Abstimmung vorlag, ist korrekt. Fragt sich nur, warum der Mann und seine Partei dem Wahnsinn dennoch zugestimmt haben. Kollektive Schizophrenie?

  • Antworten
Very Serious Sam30.06.2012 | 10:58 Uhr

Vermutlich genau das:

Vermutlich genau das: kollektive Schizophränie!
Oder haben die Lobbyisten alle eingefangen?
Fakt ist: Demokratie und erst recht soziales Verständnis hat da wohl im Parlament (fast) niemand mehr auf der Agenda.

  • Antworten
Gerdchen02.07.2012 | 02:54 Uhr

Politik und Banken

Wir haben es doch immer gewusst. Die Politik geht ja jetzt eine ganz besondere Symbiose ein. Direkte Bankenfinanzierung über den ESM. Hier wird mit hohem Einsatz gespielt. Marode Banken, mit ihrem besonderen Eigen-Leben, sollen direkt Geld aus dem ESM bekommen können. Es ist eine Absage an die Verantwortung im Großen und Ganzen, ein Rückzug aufs Fragment. Der Vertrag kann so nicht endgültig ratifiziert werden, er löst keine Probleme. Liebes Bundesverfassungsgericht stoppen sie diesen Wahnsinn. Demokratie kann so nicht funktionieren. Anscheinend sind auch einige Autoren beim „Cicero“ bereit unsere demokratische Staatlichkeit an nicht legitimierte Institutionen zu verschachern, erschreckend. Was käme wohl dabei heraus, wenn man heute die Gesellschaft polemisch nach ihrer Vorstellung von Europa befragte? Uns betreffende Entscheidungen werden nicht mehr in den Kommunen, den Ländern und im Bund getroffen, sondern in Brüssel. Es wird keine nationale staatliche Autorität mehr geben, die Fehl-Entwicklungen korrigieren könnte. Berlin, als Bundes-Hauptstadt, bedeutungslos. Der Euro, gleichsam als materialisierte Friedensordnung gesehen, wird zur unerbittlichen Ausgrenzung führen. Es muss Schluss sein mit den unkalkulierbaren Risiken, die die Politik eingeht.

  • Antworten
bernhard jasper30.06.2012 | 11:44 Uhr

Nationale Banken?

Mir scheint die Eurokrise gezeigt zu haben, dass Banken keine nationalen Organisationen sind. Vielleicht gilt das noch wenn man nur eine Bank betrachtet, aber wenn alle Banken eines Staates in die binsen gehen, dann geht das alle an. Insofern ist eine gewisse europäische Verantwortung durchaus gerechtfertigt. Die Kunst besteht darin eine gute Regelung dafür zu finden.

  • Antworten
Robert02.07.2012 | 10:14 Uhr

Mit ESM fast ähnliche Wirkung wie mit Eurobonds

Zitat von Very serious Sam:...” Fragt sich, warum der Mann [Herr Gabriel von der SPD] und seine Partei dann dem Wahnsinn dennoch zugestimmt haben…Kollektive Schizophrenie?...“

Die SPD hat deshalb zugestimmt, weil sie mit dem ESM etwas in der praktischen Wirkung etwas sehr Ähnliches erhielt wie mit Eurobonds, für für die sich die SPD seit langem vehement einsetzt, d, h. für die unbegrenzte Haftung Deutschlands für die Verschuldung anderer Euro-Länder in der EU. Seit Jahren sieht die gesamte politische SPD-Spitze zu, wie wirkungs- und sinnlos die gesamten Unterstüzungsgelder in Griechenland versickern, ohne dass sie die Lehre daraus zieht. Hier verrät eine Politikerkaste die Interessen von 85 % der dt. Bevölkerung zugunsten einer schmalen Oberschicht, die vom EMS und von Eurobonds nur profitieren werden. Weshalb soll überhaupt ein Land für die Schulden eines anderen Landes haften? Im Eurovertrag gibt es die schöne „No-bail-out-Klausel“, die frech gebrochen wurde – mit Zustimmung der SPD. Niemand kann garantieren, dass selbst bei einem kompletten Neuvertrag nicht sofort wieder Vertragsbruch begangen würde. Deshalb:Schluss mit dem Euro. Die Zeit vor der Gemeinschaftswährung Euro war auch friedlich. Ob die unterschiedlich starken Volkswirtschaften wirklich ein gemeinsames Europa wollen, kann dann durch Verträge in jahrelanger Wirkung geprüft werden bevor an eine neue Gemeinschaftswährung auch nur gedacht wird. Weshalb Fehler, die begangen wurden, kostspielig zulasten des dt. Volkes fortsetzen? Die Rechnung für ihr verantwortungsloses Tun werden die verantwortlichen Parteien zahlen müssen – früher oder später.

  • Antworten
Karl Rupold02.07.2012 | 11:00 Uhr

Unsinn! Es gibt keinen erleichterten Zugang zu ESM-Geld

Petra Sorge schreibt: „Denn Monti und Rajoy setzten nach 15 Stunden Verhandlungen einen leichteren Zugang zu den europäischen Rettungsgeldern durch. Strenge Anpassungsprogramme wie in Griechenland sind erstens künftig nicht mehr nötig, wenn angeschlagene Eurostaaten Mittel aus dem Fonds haben wollen. Zweitens soll es erstmals direkte Bankenhilfen geben. Marode Banken können sich also direkt aus dem ESM frisches Geld holen, ohne Gläubigerbeteiligung.“

Man kann die Gipfelbeschlüsse sowie das ganze Rettungsschirmkonzept mit guten Gründen (sogar fundamental) kritisieren. Aber dieser Artikel hier ist unseriöse Stimmungsmache:

Die Beschlüsse für einen erleichterten Zugang zu ESM-Krediten sind doch einstweilen reine Theorie. Jeder konkrete Hilfsantrag wird separat geprüft und verhandelt werden. Ohne deutsche Zustimmung gibt es keinen Kredit. Und die Zustimmung Deutschlands gibt es nicht ohne Zustimmung des Bundestag. Der Bundestag wird es also komplett in der Hand haben, einem Hilfsantrag (z.B. Italiens) zuzustimmen oder nicht. Wenn die Auflagen nicht hart genug sind, muss eben abgelehnt werden. Einen Blanko-Scheck gibt es bislang jedenfalls nicht.

  • Antworten
Leopold02.07.2012 | 14:26 Uhr

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