Die Deutschen stecken in einer Falle des Hochmuts, wenn es heißt, Merkel weise Hollande in die Schranken. Warum Deutschland auf den Boden der Tatsachen zurückkehren sollte. Ein Kommentar
Zuerst war da der Satz von Volker Kauder: „Europa spricht deutsch.“ Dem CDU-Fraktionschef im Bundestag, aufgewachsen in Singen am Hohentwiel, ist auch bei bösem Willen kein Großmachtgehabe zu unterstellen. Badener sind ja bekanntlich fast schon Schweizer.
Doch nach den Wahlen in Frankreich und Griechenland klingt Kauders Satz härter, kaum noch durch den süddeutschen Dialekt gemildert, gar nicht mehr irgendwie schweizerisch. Vor allem in den Ohren von François Hollande knarrt der Spruch wohl sehr, sehr deutsch – wie ein gebelltes Kommando!
Kommandierend wirkten auch viele Zeitungskommentare zur Wahl des
neuen französischen Staatspräsidenten. „Merkel weist Hollande in
die Schranken“, titelte die Welt und zitierte voller Genugtuung
gleich Angela Merkel selbst: Wenn es nicht beim deutschen Sparkurs
bleibe, „können wir in Europa nicht mehr arbeiten“. Auch die
Süddeutsche Zeitung kolportierte die Kanzlerin kurz und knapp:
„Fiskalpakt steht nicht zur Disposition.“
Somit war schon mal klar, wer Europa regiert: „Wir Merkel“, „wir
Deutschen“. Auf keinen Fall und nicht einmal ansatzweise der
französische Wähler.
Den harschen Ton ergänzt das maliziöse Wort von der „Grande Nation“, womit das Nachbarland herablassend an seine verflossene Größe erinnert werden soll – mit einem Begriff übrigens, den kein Franzose, auch kein französischer Politiker, je im Munde führen würde. Den sozialistischen Staatschef nannte die Welt in einer Titelzeile abfällig „Monsieur Hollande“.
Deutschland müsse die Genossen an der Seine „auf den Boden der
Tatsachen zurückholen“. Das ist seither der Tenor.
In Europa spricht man nicht nur deutsch, nein, die Tatsachen sind
deutsch, die Wahrheit ist deutsch!
Könnte es nun aber möglicherweise und natürlich nur rein theoretisch sein, dass die deutsche Wahrheit in Tat und Wahrheit nicht einmal für Deutschland die ganze Wahrheit ist? Könnte es sein, dass die seit mehr als einem Jahrzehnt praktizierte Lohnzurückhaltung und damit die systematische Senkung der Lohnstückkosten den Deutschen eine Abwertung des „deutschen Euro“ beschert hat? Könnte es sein, dass diese „nationale Abwertung“ ein wesentlicher Grund ist für die Exportweltmeisterei Deutschlands?
Könnte es sein, dass der Exportüberschuss von jährlich 140 Milliarden Euro unter anderem auf Kosten von Nationen erzielt worden ist, die ihren Arbeitnehmern steigende Löhne gönnten? Dass also die kaufkräftigen Konsumenten anderer EU‑Mitglieder wesentlich zum Erfolg der Deutschen beitrugen, indem sie mit ihren gestiegenen Löhnen emsig deutsche Produkte kauften? Könnte es ferner sein, dass der deutsche Exportüberschuss die Importnationen Millionen Arbeitsplätze kostete, weil deren heimische Produzenten mit den lohnverbilligten Produkten aus Deutschland nicht mehr zu konkurrieren vermochten?
Lesen Sie weiter, warum Deutschland zurück auf den Boden der Tatsachen finden sollte...













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