Müssen wir das wirklich alles ertragen? Dümmliche Einspieler, wandelnde Diven, unfähige Kommentatoren. Der Preis, den der wahre Fan zahlt, um am Ende ein Fußballspiel zu sehen, ist groß, manchmal sogar am Rande des Erträglichen
Der Mensch hält einiges aus. Ohne Zweifel. Besonders beim Fußball scheint seine Leidensfähigkeit schier grenzenlos. Nicht nur leiden wir während des Spiels, zittern, bangen und verzweifeln so manches Mal an seiner herrlich bigotten Grausamkeit, dann, wenn Glücksgefühl und Gegentor so untrennbar dicht beieinander liegen. Nein, wir leiden vor allem davor und danach. Denn das größte Leid findet sich mitunter nicht auf, sondern neben dem Platz.
EM-Zeit ist Freudenzeit, die Zeit, in der der gemeine Fußballfan über Vieles hinwegsieht. Politische Rahmenbedingungen blenden wir aus, schauen nicht so genau hin, wenn es um die Menschenrechte in der Ukraine geht. Und auch all die anderen Begleiterscheinungen des Fußballs blinzeln wir weg, sind sie doch mit nüchternem Blick eigentlich kaum zu ertragen.
Kann man Waldis WM-Club noch abschalten, so ist es doch ungleich schwieriger, der Elite des ZDF Sportjournalismus aus dem Weg zu gehen. Wir ertragen die Steinbrechers, die Müller-Hohensteins, die Kerners, die Béla Réthys. Wir ertragen diese Phrasenmaschinen, diese Redaktions-Automaten mit peinigender Gleichgültigkeit. Wir lernen mühsam, mit ihren Erkenntnissen umzugehen, mit ihrer schamlosen Biederkeit, ihrer Narretei fertig zu werden. Leicht ist das nicht.
Wir erdulden unfassbar dümmliche Einspieler, den Zwang zur Narration, zu unsäglich konstruierter Dramaturgie und Personalisierung. Als ob der Fußball nicht von sich aus bereits eine eigene Geschichte erzählen würde. Statt qualitativ hochwertigen Beiträgen über Taktik, anstelle von Analysen und Hintergrundinformationen schlucken wir aufgeblähte Belanglosigkeiten irgendwelcher Spielerfrauen und erfahren, was Horst W. zum Deutschlandspiel twittert. Wir erdulden EM-Studios auf Usedom, selbstgefällige Funktionäre selbstgefälliger Altherrensysteme, ob UEFA oder FIFA. Wir erdulden public viewing, und vor allem public viewer. Jene Menschen, die sich im normalen Leben nicht wesentlich bis kein bisschen für Fußball interessieren, aber alle zwei Jahre bei großen Turnieren mitreden wollen, sich maskieren, brüllen, ihr Auto befähneln, ihre Wangen beschmieren.
Hilflos schauen wir zu, wie sich diese Pseudofanatiker unser Spiel einverleiben, wie sie auf diesen Sportzug aufspringen, um das Spektakel zu erleben. Nicht doch, möchte man ihnen zurufen, sucht euch andere Dinge, die ihr okkupieren könnt. Wasserball, Bankenproteste, Parteitage. Dieser Sport ist zu ernst, um es als reine Feierlichkeit abzutun. Das Spiel zu schön, um für patriotische Gefühlsduselei und den hemmungslosen Event herzuhalten.
Für den Fußballliebhaber ist nach einem verloren gegangenen Spiel der Abend gelaufen, für den Modefan fängt die Party dann erst richtig an. Und nur eines ist noch schlimmer als das beißende Gefühl der Niederlage: Eine Niederlage, die von Steinbrechers oder Kerners kommentiert wird. Dann umgeben zu sein von Menschen, die deinen Schmerz nicht teilen, schlimmer noch, denen jedes Verständnis dafür fehlt – schrecklich! Denn bei aller Härte bleiben wir stets empfindsam, weil der Fußball empfindsam ist. Wir bleiben beseelt, weil der Fußball beseelt ist. Und wir bleiben vor allem eines: geduldig. Weil wir hoffen (und wissen), dass der TV-Schmerz vorbei geht, dass es Licht gibt am Ende des Tunnels, dass auf jeden Kerner ein Fußballspiel folgt.
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