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Salon

Pseudofans, Kerner & CR7Fußballzeit ist Leidenszeit

Von Timo Stein11. Juni 2012
picture alliance
Müller Hohenstein,Oliver Kahn,ZDF,Sportstudio,EM 2012
Fußballkompetenz oder Phrasenmaschinen?
Schrift:

Müssen wir das wirklich alles ertragen? Dümmliche Einspieler, wandelnde Diven, unfähige Kommentatoren. Der Preis, den der wahre Fan zahlt, um am Ende ein Fußballspiel zu sehen, ist groß, manchmal sogar am Rande des Erträglichen

Seite 1 von 2

Der Mensch hält einiges aus. Ohne Zweifel.  Besonders beim Fußball scheint seine Leidensfähigkeit schier grenzenlos. Nicht nur leiden wir während des Spiels, zittern, bangen und verzweifeln so manches Mal an seiner herrlich bigotten Grausamkeit, dann, wenn Glücksgefühl und Gegentor so untrennbar dicht beieinander liegen. Nein, wir leiden vor allem davor und danach. Denn das größte Leid findet sich mitunter nicht auf, sondern neben dem Platz.

EM-Zeit ist Freudenzeit, die Zeit, in der der gemeine Fußballfan über Vieles hinwegsieht. Politische Rahmenbedingungen blenden wir aus, schauen nicht so genau hin, wenn es um die Menschenrechte in der Ukraine geht. Und auch all die anderen Begleiterscheinungen des Fußballs blinzeln wir weg, sind sie doch mit nüchternem Blick eigentlich kaum zu ertragen.

Kann man Waldis WM-Club noch abschalten, so ist es doch ungleich schwieriger, der Elite des ZDF Sportjournalismus aus dem Weg zu gehen. Wir ertragen die Steinbrechers, die Müller-Hohensteins, die Kerners, die Béla Réthys. Wir ertragen diese Phrasenmaschinen, diese Redaktions-Automaten mit peinigender Gleichgültigkeit. Wir lernen mühsam, mit ihren Erkenntnissen umzugehen, mit ihrer schamlosen Biederkeit, ihrer Narretei fertig zu werden. Leicht ist das nicht.

Wir erdulden unfassbar dümmliche Einspieler, den Zwang zur Narration, zu unsäglich konstruierter Dramaturgie und Personalisierung. Als ob der Fußball nicht von sich aus bereits eine eigene Geschichte erzählen würde. Statt qualitativ hochwertigen Beiträgen über Taktik, anstelle von Analysen und Hintergrundinformationen schlucken wir aufgeblähte Belanglosigkeiten irgendwelcher Spielerfrauen und erfahren, was Horst W. zum Deutschlandspiel twittert. Wir erdulden EM-Studios auf Usedom, selbstgefällige Funktionäre selbstgefälliger Altherrensysteme, ob UEFA oder FIFA. Wir erdulden public viewing, und vor allem public viewer. Jene Menschen, die sich im normalen Leben nicht wesentlich bis kein bisschen für Fußball interessieren, aber alle zwei Jahre bei großen Turnieren mitreden wollen, sich maskieren, brüllen, ihr Auto befähneln, ihre Wangen beschmieren.

Hilflos schauen wir zu, wie sich diese Pseudofanatiker unser Spiel einverleiben, wie sie auf diesen Sportzug aufspringen, um das Spektakel zu erleben. Nicht doch, möchte man ihnen zurufen, sucht euch andere Dinge, die ihr okkupieren könnt. Wasserball, Bankenproteste, Parteitage. Dieser Sport ist zu ernst, um es als reine Feierlichkeit abzutun. Das Spiel zu schön, um für patriotische Gefühlsduselei und den hemmungslosen Event herzuhalten.

Für den Fußballliebhaber ist nach einem verloren gegangenen Spiel der Abend gelaufen, für den Modefan fängt die Party dann erst richtig an. Und nur eines ist noch schlimmer als das beißende Gefühl der Niederlage: Eine Niederlage, die von Steinbrechers oder Kerners kommentiert wird. Dann umgeben zu sein von Menschen, die deinen Schmerz nicht teilen, schlimmer noch, denen jedes Verständnis dafür fehlt – schrecklich! Denn bei aller Härte bleiben wir stets empfindsam, weil der Fußball empfindsam ist. Wir bleiben beseelt, weil der Fußball beseelt ist. Und wir bleiben vor allem eines: geduldig. Weil wir hoffen (und wissen), dass der TV-Schmerz vorbei geht, dass es Licht gibt am Ende des Tunnels, dass auf jeden Kerner ein Fußballspiel folgt.

Seite 2: Ronaldo, ein androgyner Weichspül-Cowboy 

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Diese Kolumne ist genauso

Diese Kolumne ist genauso aufgeblasener Firlefanz wie die Berichterstattung, die sie zum Thema hat. Es fehlt der richtige, unverschwurbelte Biss.

  • Antworten
Andreas11.06.2012 | 17:06 Uhr

Nix Firlefanz!

Nix Firlefanz!
Der Artikel spricht mir aus der Seele.
Vielen Dank. Ich bin nicht allein!

  • Antworten
Pitje Puck24.06.2012 | 17:51 Uhr

Der angeschnittene Ball

Massenmedien ohne Sport sind kaum noch denkbar- wie umgekehrt Sportereignisse ohne Medienpräsenz scheinbar nicht stattfinden. Die Medien sind schon lange nicht mehr getreulich auf- und nachzeichnende Berichterstatter, sie haben sich des Sports bemächtigt. Dass Sie, lieber Timo Stein, auch zu den Zeitgenossen gehören, die ebenso Ihren Trost oder die Entschädigung auf dem Platz wahrzunehmen versuchen, zeichnet Sie zum Kenner aus. Auch ich habe z.B. den ca. 40 Meter ansatzlosen Außenrisspass von Wesley Snejder auf Huntelaar wahrgenommen und mit der „Zunge geschnalzt“. Der Medien-Kommentator dazu? Totalausfall, nichts, gar nichts kam zu diesem fußballerischen Können. Aber nicht nur die Kommentatoren-Wahrnehmung ist eine fragwürdige inszenierte Wirklichkeit geworden, sondern auch die Interpretation der Ereignisse. So mussten wir uns anhören, wie der italienische Weltklasse-Torwart Bouffon vom Kommentator als der Mann aus Carrara bezeichnet wurde, der eiskalt wie Marmor sei. Das sind ja unfassbare fachliche Stilmittel. Das beim Fernsehen etwa die Plazierung der Kamera, Bildregie, Schwenks, Großaufnahmen oder Zeitlupenwiederholungen mit zum Stilmittel gehören ist klar. Jeder, der einmal hochklassige Fußballspiele aus der Perspektive der Außenlinie beobachtet hat (also ganz nah dran war), weiß natürlich, dass die Räume auf dem Platz für die Spieler wesentlich enger sind, und die Reaktionszeiten bei Tempo sind für die Spieler enorm kurz, als uns dies Weitwinkelobjektive mit einem überhöhten Kamerastandpunkte als Wirklichkeit verkauft. Und natürlich stellt sich die Frage, wer hier nach welchen Kriterien was für die mediale Vermittlung auswählt. Wir sind also gezwungen, was wir rezipieren, noch mal für uns persönlich zu bearbeiten. Wir nehmen wahr, was und wie wir subjektiv wahrnehmen wollen und können. Wie sagte Mehmet Scholl noch sinngemäß? Wenden, sonst liegt er sich wund. Ich glaube ihn zu verstehen, er nimmt das Tempo aus dem deutschen Spiel. Ich persönlich gehe jetzt wieder auf den kurzen Pfosten, damit die Zuordnung stimmt. Grüße Bernhard Jasper

P.S.: Ganz klar, Hummels besser als Mertesacker

  • Antworten
bernhard jasper11.06.2012 | 19:28 Uhr

zdf

herr kerner ist nicht mehr beim zdf. er verbreitet seine moderationskunst jetzt bei sat1.

  • Antworten
fritz fr. illing11.06.2012 | 19:54 Uhr

geht es nicht mal ohne hetze.gegen die feinde unserer "freunde"

anstatt di8e seitenhiebe auf ach so grausamen haftbedingungen der verurteilten multimillionärin aufzuregen.
sollten sie sich lieber um die verbrechen der usa/israel/gb achse kümmern.denn da stinkt es gewaltig.

wenn wir die gleichen massstäbe an diese kriegs/terrorstaaten legen.
müssten wir all deren diplomaten achtkantig aus dem land werfen...

  • Antworten
claude11.06.2012 | 20:52 Uhr

Krieg oder Fußball - wo ist

Krieg oder Fußball - wo ist da der Unterschied?
In beiden Fällen geht es nur um Macht der Nationen und Bereicherung einiger Geld- bzw.Drecksäcke.

  • Antworten
Alfons Hilbig13.06.2012 | 13:01 Uhr

Fußballzeit = Leidenszeit, Da leiden des Timo Stein

Ich empfehle den Ton so leise einzustellen, dass man die Stadionatmosphäre noch mitbekopmmt, das selbstgefällige und informationsarme Gelaber der Moderatoren aber gut überhören kann.
So ist man auf das " Sehen" des Spiels konzentriert und nimmt die
Delikatessen besser wahr.
Waldi und Oliver Kahn muss man nicht einschalten, spart Strom und
der Leidensdruck ist stark gemindert.

  • Antworten
Sirius17.06.2012 | 14:30 Uhr

Sportsender

Schade, dass die Spiele nicht (auch) von einem der Sportsender übertragen werden. Dort gibt es mehr Kompetenz, mehr Sachlichkeit, mehr Sportler und weniger Moderatorengesichter.

  • Antworten
Willy Ehrlich18.06.2012 | 13:08 Uhr

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