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 > Ein Kuhhandel fürs Betreuungsgeld

Berliner Republik

KoalitionsgipfelEin Kuhhandel fürs Betreuungsgeld

Von Petra Sorge4. Juni 2012
picture alliance
Kinder, Fitscheln, Steine ins Wasser werfen, Betreuungsgeld
Zum Wohle der Kinder sollen nun Milliarden versenkt werden: für das Betreuungsgeld
Schrift:

Jetzt soll Deutschland einen Gesetzentwurf bekommen, den niemand will und der auch völlig unsinnig ist: das Betreuungsgeld. Wie es beim Spitzentreffen von Merkel, Rösler und Seehofer zustande kam, muss einen fassungslos machen. Ein Kommentar über ein politisches Tauschgeschäft

Seite 1 von 2

Wenn sich Politiker treffen, sind die Dinge, über die nicht gesprochen wird, häufig viel interessanter als alle anderen. So war das schon am Wochenende, als sich die Kanzlerin mit den kleinen Fürsten der CDU, den Kreisvorsitzenden der Republik, traf. Da blieb genau ein Thema außen vor: der Rauswurf des Ex-Umweltministers Norbert Röttgen. Kein einziger der Anwesenden traute sich, nach dem geschassten Pechvogel zu fragen – nicht einmal die Funktionäre aus Nordrhein-Westfalen.

Und so war es auch am Montag beim mit Spannung erwarteten Koalitionsgipfel, dem Treffen der drei Parteichefs Angela Merkel (CDU), Philipp Rösler (FDP) und Horst Seehofer (CSU). Auch hier gab so einen heiklen Streitpunkt, der vor der Tür blieb: das Betreuungsgeld. Dieses Thema sei bereits auf höchster Ebene besprochen und beschlossen worden, hieß es von Regierungssprecher Steffen Seibert zur Begründung.

Die Botschaft ist klar: Wir sind uns da völlig einig – und brauchen das nicht einmal mehr auf einem Gipfeltreffen zu diskutieren. Die schlimmsten Befürchtungen wurden damit wahr: Da ist überall von Sparen und Fiskalpakt die Rede, und nun einigt sich Schwarz-Gelb auf einen unsäglichen Gesetzentwurf, der den Steuerzahler zwischen ein bis zwei Milliarden Euro kosten wird. Offen ist noch, ob Hartz-IV-Empfängern das Betreuungsgeld angerechnet werden soll oder nicht. Das Betreuungsgeld soll kommen, jeglicher Widerstand zwecklos.

Den hatten übrigens auch die zwei erbittertsten Gegner dieser verstaubten „Herdprämie“ zuletzt eingestellt. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle hatte schon im Vorfeld des Spitzentreffens Verhandlungsbereitschaft signalisiert, um so ein anderes liberales Kernthema durchzudrücken: den „Pflege-Riester“, nach dem Gesetzentwurf des FDP-Gesundheitsministers auch ab und zu „Pflege-Bahr“ genannt. Demnach sollen private Pflege-Zusatzversicherungen staatlich gefördert werden. Wie hoch die Fördersätze sein sollen, ist noch unklar.

Aber es gibt noch zwei weitere Gründe, warum die FDP schließlich dem Betreuungsgeld zustimmte: die beiden Hassthemen Vorratsdatenspeicherung und Finanztransaktionssteuer. Beides wollen die Liberalen um jeden Preis verhindern. Außerdem hat Rösler die Unionsforderungen nach einem Mindestlohn, einer Frauenquote und der Pkw-Maut abgewehrt.

Und auch Familienministerin Kristina Schröder (CDU) gehört zu denjenigen, die schließlich einknickten: Ihr Ressort musste einen Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld vorlegen, den sie nie wollte – und der nun am Mittwoch vom Kabinett verabschiedet werden soll. So kam es, dass auf Deutschland wohl eine unsinnige, von Schwarz-Gelb zu verantwortende Maßnahme zukommt, die in ihrer Dummheit nur noch von der sogenannten Mövenpick-Steuer – der reduzierten Mehrwertsteuer für Hoteliers – übertroffen wird.

Seite 2: Das Betreuungsgeld will eigentlich niemand

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Selbst die CSU sollte es besser wissen

Der Artikel spricht mir aus der Seele! Wer hat sich das Betreuungsgeld eigentlich ausgedacht? Und warum schwingt sich Seehofer so als Verfechter auf? Geht es ihm nur darum, seinen Einfluss in Berlin vor den bayrischen Landtagswahlen zu showcasten? Die CSU sollte im Zuge ihrer über Jahre wegbrechenden Wählerschaft verstanden haben, dass sie selbst im erzkonservativen bayrischen Wählerlager mit rückwärtsgewandten "Herdpremien" keine Stimmen gewinnen wird...

Unser Bildungssystem hat doch genügend Schwächen. Warum versucht man
nicht, gerade Kinder sozial schwacher Familien und ausländischer
Herkunft (beides Gruppen, die am meisten leiden werden) in gut
ausgestatteten Kinderkrippen mit motivierten BetreuerInnen einzubinden
und behutsam auf die Anforderungen der Grundschule vorzubereiten? Das
wäre doch auch eine Maßnahme gegen unsere so oft gerügt soziale
Abhängigkeit in unserem Bildungssystem und ein wichtiger Beitrag zur
Integration.

Vielen Dank für diesen fundierten und gleichzeitig bissigen Artikel!

  • Antworten
Schuermann04.06.2012 | 23:20 Uhr

Irrsinn

Erinnert noch jemand die alte Angela Merkel, die mal gesagt hat, man müsse endlich sparen, auch wenn es Heulen und Zähneklappern gibt? Sie hat sich leider als gnadelose Opportunistin erwiesen, die auch hier wieder ihr Fähnchen gegen jede Staatsräson in den Wind hält, wenn sie doch nur (wofür eigentlich?) Kanzlerin bleiben kann. Nun wird wieder mit der Gießkanne Staatsknete rausgehauen, als gäbe es kein Morgen und als müssten das nicht die Kinder zurückzahlen, die jetzt unterstützt werden sollen. Rekordsteuereinnahmen, niedrigste Zinsen bei der Neuaufnahme von Schulden, und diese "Regierung" schafft es immer noch nicht, nicht mehr auszugeben als einzunehmen. Früher hat mich Politik interessiert. Jetzt widert sie mich an.

  • Antworten
Helgoo05.06.2012 | 12:30 Uhr

Sparen, Sparen, Spa.. Ach was!

Anmerkung: Es ist unwichtig, was die gesamte Nation über das Betreuungsgeld denkt. Wichtig ist doch nur die Einstellung der Bayern. Und da meinte der Horst doch echt, dass die Bayern mehrheitlich dafür seien. Wissen Sie was? Ich glaube den Seehofer sogar, weil das ansonsten eine bajuwarische Lose-Lose-Situation wäre.

  • Antworten
Humanpirat06.06.2012 | 17:41 Uhr

Pro Betreuungsgeld!

Ich bin für das Betreuungsgeld. Es ist nämlich nicht einzusehen, dass der Staat Kitas nur nach den Bedürfnissen der Arbeitgeber (also für eine Betreuung von 9 bis 5) ausrichtet und der Steuerzahler dafür haften soll. Das Betreuungsgeld lässt es den Familien völlig offen, wie sie die Kinderbetreuung organisieren, es bedeutet, dass die einzelnen Bürger mehr Wahlfreiheit haben. Faktischer Kitazwang ohne Alternative bedeutet zu viel Staat, das wäre ein weiterer Schritt in Richtung Sozialismus. Auch in der 'DDR' waren die Kitas der Beginn der Indoktrination. Den fanatischen Gegnern des Betreuungsgeldes sollte man mal über ihre Motive auf den Zahn fühlen.

  • Antworten
MK08.06.2012 | 10:42 Uhr

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