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 > Wirklichkeitsfremde Gratis-Konsumenten

Berliner Republik

Piraten und UrheberrechtWirklichkeitsfremde Gratis-Konsumenten

Von Michael Naumann14. Mai 2012
Schrift:

Bedingungsloses Grundeinkommen, allgemeine Verfügbarkeit von Wissen und Kultur - das Programm der Piratenpartei präsentiert eine marxistische Idee von Eigentum, vor allem von geistigem Eigentum. Solch ein Gratiskonsum hätte weitreichende Konsequenzen. Ein Kommentar

Sie mögen sich romantische Vorstellungen über die historischen, kriminellen Vereinigungen zur See gemacht haben, als sie ihre Partei „Piraten“ nannten. Vielleicht dachten sie auch an Karl Marx, der die „ursprüngliche Akkumulation“ von Kapital unter anderem zurückführte auf die Enteignung von Bauern, den Raub von Land – und auf Piraterie im Mittelmeerraum. Womöglich schwebten ihnen auch die Heldenkostüme von Errol Flynn und Johnny Depp vor.

Auf alle Fälle pflegen sie in ihrem Programm eine durchaus revolutionäre, im Kern marxistische Idee von Eigentum, genauer, von „geistigem Eigentum.“ Es muss, folgt man ihrem Programm, aus seinem „veralteten Verständnis“ befreit werden; denn es steht der „angestrebten Wissens- und Informationsgesellschaft entgegen.“ Historisch gesprochen: Die agrarische Subsistenzwirtschaft stand ja auch der Entwicklung des Kapitalismus entgegen und musste ihm im Zuge des „Bauernlegens“ weichen.

Jetzt aber geht es nicht mehr um den Fortschritt des Kapitalismus, sondern um den des globalen Wissens. Folglich fordert die Piratenpartei die  „allgemeine Verfügbarkeit von Werken“ durch „freies Kopieren im Netz.“ Marxistisch gesprochen: Die Verwertungsgesellschaften – also Verlage, Film- und Musikproduzenten und mittelbar eben vor allem die Urheber – sollen ihr geistiges Eigentum vergesellschaften. „Wir sind der Überzeugung“, heißt es im Piraten-Programm, „dass die nichtkommerzielle Vervielfältigung und Nutzung von Werken als natürlich betrachtet werden sollte und die Interessen von den meisten Urhebern entgegen anders lautender Behauptungen von bestimmten Interessengruppen nicht negativ tangiert.“

Dasselbe soll auch für Software-Patente gelten. „Patente als staatlich garantierte privatwirtschaftliche Monopole stellen grundsätzlich eine künstliche Einschränkung der allgemeinen Wohlfahrt dar.“ Wäre es nach dieser Partei gegangen, hätte es nach 1945 keine kommerzielle, weil patentierbare Entwicklung von Breitband-Antibiotika gegeben, keine HIV-Forschung, keine Antipolio-Impfstoffe, keine Antikrebs-Mittel usw., usw. Stattdessen: Patentfreies Aspirin für alle? 

Bildergalerie: Die Piratenpartei. Ein Landgang auf Bewährung
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Jahr für Jahr gibt der Verlagsbuchhandel in Deutschland rund 90.000 Neuerscheinungen heraus. Sie sind fast ausnahmslos geschützt durch das Urheberrecht. Ihr Verkauf im traditionellen Buchhandel sichert mehr als 20.000 Arbeitsplätze – von den Verlagen und Druckereien ganz abgesehen. Der gebundene Ladenpreis (auch im E-Book-Vertrieb) bildet seit mehr als 120 Jahren die Voraussetzung einer weltweit einmaligen Vielfalt unserer Wissensgesellschaft. Kein Zweifel, das Netz – keine Erfindung der Piratenpartei, sondern des Pentagon – ist inzwischen ein unverzichtbares Element globaler Wissensvermittlung. Aber auch hier gilt: Seine explosionsartige Entwicklung beruht auf den patentierbaren Eigentumsinteressen der Software-Entwickler. Das Netz ist kommerziell. Auch der Wikipedia-Betreiber und Software-Unternehmer Jimmy Wales finanziert sein fabelhaftes, kostenloses Weltlexikon mit privaten Produktangeboten für die amerikanische Wirtschaft.

Das Weltbild der Piratenpartei kreist um das Ideal einer „allgemeinen Verfügbarkeit von Information, Wissen und Kultur.“ Es  geht davon aus, dass die Schöpfung aller Werke „in erheblichem Maße auf den öffentlichen Schatz von Schöpfungen zurückgreift. Die Rückführung von Werken in den öffentlichen Raum ist daher (…) berechtigt.“

Anders gesagt: Der Schriftsteller, der Thomas Mann gelesen hat, der Forscher, der sein ursprüngliches Wissen an einer Universität versammelt hat, der Komponist, der seinen Schönberg kennt, der Film-Regisseur, der zurückgreift auf seine Kenntnisse der Kinogeschichte – sie sind alle der historischen Wissensakkumulation verpflichtet und haben nur einen höchst begrenzten Anspruch auf das Eigentum ihrer je eigenen Hervorbringungen.

Die ideale Weltanschauung der Piratenpartei wird offensichtlich beherrscht von einem ent-individualisierten Arbeitsbegriff, in dem die Idee des privaten geistigen Eigentums keine entscheidende Rolle mehr spielen soll. Konsequent wäre es natürlich, mit seiner Aufhebung auch die Geldwirtschaft in Frage zu stellen – und genau das haben die weit über 1000 so genannten Urheber, also die Künstler, Schriftstellerinnen, Musiker, Schauspieler und Regisseure geahnt, als sie jenen Aufruf unterzeichneten, der die Mitglieder der Piratenpartei als das entlarvt, was sie wirklich sind: Wirklichkeitsfremde Gratis-Konsumenten, die nun als Selbsterfahrungsgruppe in den Landesparlamenten sitzen. Ginge es nach diesen ersten post-modernen Politikern der Bundesrepublik, müssten sich die Künstler aber keine Sorgen machen: Für sie käme ja das garantierte Grundgehalt nach Eintritt ins zwölfte, sechzehnte oder zwanzigste Lebensjahr in Frage. Über das Eintrittsalter ins Paradies denkt die Partei noch nach.

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Grundrechte oder keine Grundrechte das ist hier die Frage ?

Hier geht es nicht um marxismus sondern ganz einfach darum das sich das Kopieren von Dateien (z.B. über email Anhang) nur dann verhindern lässt wenn im Internet das Post und Telekommunikationsgeheimniss abgeschafft wird. Eine Art Internetpolizei beliebig jede privaten Datensendungen durchleuchten kann um Urheberrechtsverletzer zu identifizieren.

Von daher ist die Frage eher was wollen wir ? Die Erhaltung der Grund und Bürgerrechte oder deren vollständige Aufgabe zu gunsten der Aufrechterhaltung des jetzigen Urheberrechts ? Ich für meinen Teil will jedenfalls keine Internetstasi welche über den Grundrechten steht.

Urheber haben ein Recht auf Leistungsbezogene Entlohnung, im Internet müssen dann eben andere Formen der Vergütung gefunden werden welche die Grundrechte nicht in Frage stellen. Darum geht es und nicht um Marxismus.

  • Antworten
Piratenparteiler14.05.2012 | 15:15 Uhr

Zitat:

Zitat:

" Auf alle Fälle pflegen sie in ihrem Programm eine durchaus revolutionäre, im Kern marxistische Idee von Eigentum, genauer, von „geistigem Eigentum.“ "

Karl Marx will Produktionsmittel vergesellschaftlichen. Produktionsmittel wären PC's, Server, Internet. Er meint nicht die Vergesellschafltichung von Informationsgütern.

Die „ursprüngliche Akkumulation“ von Kapital meint Kapitalsammlung durch Wucherzinsen, Luxushandel, Landenteignung mittels derer sich die Gentry und das Handelskapital sich in Fabrikbesitzern verwandeln.

Die Überführung von urheberrechtlich geschützter Werke in die Wissensallmende ist bisher ein rechtlicch regulierter Prozess. Nach Ablauf einer bestimmten Frist endet das Urheberrecht und das Patentrecht.

Die Schaffung von creative-commons Lizensen stellt eine grössere Auswahl von Eigentumsrechten dar, keine Verminderung.

Der Konsum ist übrigens niemals gratis, weil man die Internetverbindung, Strom, Nutzerschulung und das Endgerät als Aufwand hat. Die Distribution von Content verursacht Kosten bei Servern.

Arbeit ist ein gesellschaftlicher Prozess, weil wir Arbeitsteilung haben. Bei Wissensarbeit ist das ganz deutlich. Jeder Blick ins Quellenverzeichnis zeigt das. Wenn jeder Autor ein Recht auf die Patentierung von Szenen hätte, dann wären keine Liebesfilme möglich, weil jeder Liebesfilm Szenen und Dialogideen von anderen Liebesfilmen zitiert.

Es sind auch nicht hauptsächlich Piraten, die dem Urheberrecht ans Leder wollen, sondern Ökonomen und High Tech Firmen.

Ein bisschen denken und differenzieren, sollte bei einem Journalisten drin sein.

  • Antworten
Brandt14.05.2012 | 15:21 Uhr

Brandt14.05.2012 | 15:21 Uhr

Denken ist Ihre Stärke auch nicht. Herr Naumann ist sicher kein origineller Denker, aber Sie schaffen es locker, dieses eher durchschnittliche Niveau locker zu unterbieten.

  • Antworten
Otto Meyer16.05.2012 | 12:49 Uhr

Recherche?

Nein, die Piraten hatten keine romantischen Gedanken, als sie sich den Namen ausgesucht hatten, sie haben ihn sich nicht ausgesucht, er wurde ihnen gegeben. Mit einer einzigen Google-Abfrage leicht heraus zu finden…

http://wiki.piratenpartei.de/Name
„Der Name der Bundespartei ist Piratenpartei Deutschland (PIRATEN). Den Namen haben wir uns nicht gewählt! Er wurde uns von der Welt gegeben.“

Oder auch etwas ausführlicher:
http://flaschenpost.piratenpartei.de/2011/04/14/warum-name-piratenpartei%E2%80%A8%E2%80%A8/

„Zusammenfassend gesagt, glauben wir an das Kopieren und an bürgerliche Freiheiten. Einige Menschen nennen uns deswegen Piraten. Nun gut, dann sind wir eben Piraten und stolz darauf.“

Tjo, also gleich mal im ersten Absatz voll daneben gelangt.

Aber das geht ja noch weiter:
„ Kein Zweifel, das Netz – keine Erfindung der Piratenpartei, sondern des Pentagon – ist inzwischen ein unverzichtbares Element globaler Wissensvermittlung. Aber auch hier gilt: Seine explosionsartige Entwicklung beruht auf den patentierbaren Eigentumsinteressen der Software-Entwickler. Das Netz ist kommerziell.“

Nein, die explosionsartige Entwicklung kam nur zustande, weil die grundlegenden Techniken und Protokolle eben nicht durch Patente in der Nutzung eingeschränkt waren und sind. Linux, ein - oh Gott - freies Betriebssystem, treibt einen großen Teil der Server im Internet an (zum Beispiel auch den Webserver, auf dem cicero.de läuft), der Webserver Apache, die Skriptsprache PHP, Drupal… alles freie Software. Nix Patente. Freie Software, der Austausch von Wissen und das Bedürfnis Wissen auszutauschen treiben das Netz an. Übrigens, das WWW (dieser bunte Teil dieses Internetzes, den heute viele für DAS Internet halten) wurde nicht vom Pentagon „erfunden“ - sondern von Tim Berners-Lee.
http://de.wikipedia.org/wiki/Tim_Berners-Lee

„Auch der Wikipedia-Betreiber und Software-Unternehmer Jimmy Wales finanziert sein fabelhaftes, kostenloses Weltlexikon mit privaten Produktangeboten für die amerikanische Wirtschaft.“

Soso, die Wikipedia gehört also Jimmy Wales? Würde mich mal interessieren, was die Wikimedia Foundation dazu sagt…

  • Antworten
Carsten Dobschat14.05.2012 | 15:27 Uhr

Naja

Der Ursprung des Namens lässt sich ziemlich leicht feststellen, wenn man denn wirklich sich damit befassen würde. Es ist eine Retourkutsche.

Da ich nicht unnötig viel schreiben will, ein Zitat von Herrn Lauer:

"Die Suche nach einem den technischen Realitäten des 21. Jahrhunderts angepassten Urheberrecht ist Gründungskern und Mythos der Piratenpartei. „Pirat“ war der von Inhalteanbietern für Downloader verwendete Kampfbegriff, der von einer politischen Bewegung aufgegriffen worden ist: Ihr nennt uns Piraten, dann nennen wir uns Piraten, da habt ihr den Salat."

Ist die Forderung einer Urheberrechtsreform marxistisch? Herr Hank und Herr Meck von der FAZ sehen das anders:

"Urheberrechte bestehen 70 Jahre nach dem Tod des Autors, Patente werden 20 Jahre gewährt. Zugegeben, das ist ein bisschen willkürlich. Piraten (und Radikalliberale) behaupten, „das Geistige“ sei ein öffentliches Gut, das sich nicht monopolisieren lasse und verunglimpfen das geistige Eigentum als „Kampfbegriff der Content-Mafia“."

Quelle: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/urheberrechtsdebatte-in-der-piratenpartei-wenn-kunst-und-kommerz-sich-kuessen-11733900.html

Der Forderung nach einer Reform ist urliberal, Herr Naumann. Selbst in der Ökonomie ist das nicht umstritten.

"Wäre es nach dieser Partei gegangen, hätte es nach 1945 keine kommerzielle, weil patentierbare Entwicklung von Breitband-Antibiotika gegeben, keine HIV-Forschung, keine Antipolio-Impfstoffe, keine Antikrebs-Mittel usw., usw. Stattdessen: Patentfreies Aspirin für alle?"

Womit suggerieren Sie, dass es keine staatlich geförderte Grundlagenforschung gegeben hätte? Das Pentagon ist - um ein anderes Ihrer Beispiele zu nehmen - sicherlich kein Privatunternehmen.

  • Antworten
Carsten14.05.2012 | 15:43 Uhr

Piraten Gratis

Ist es aber nicht eher so das avancierte Künstler vom Urheberrecht profitieren. Solche Künstler haben es eh kaum nötig z.B. Tantiemen zu kassieren. Ich glaube es geht auch nicht um den Gratiskonsum oder um die Geringschätzung der Kreation, sondern um die Verfügbarkeit und um die Bürokratie die entsteht wenn ein Kontrollorgan installiert wird. Eine Kopie ist kein Raub sondern Distribution. Die Idee wird erst unsterblich gemacht und ist nicht käuflich. Warum macht man sich die Mühe über die Finanzierung zu faseln wenn der Bürger Steuern zahlt und wählen geht? Individuell wird man und ist es nicht. Wer kopiert ist nicht individuell, sondern selbst eine Kopie, davor braucht man keine Angst haben. Patente und Urheberrechte kosten Geld und mittlerweile sogar Menschenleben.

  • Antworten
Schmittbuch14.05.2012 | 15:54 Uhr

Einkommen für alle!

»Für sie käme ja das garantierte Grundgehalt nach Eintritt ins zwölfte, sechzehnte oder zwanzigste Lebensjahr in Frage. Über das Eintrittsalter ins Paradies denkt die Partei noch nach.«

Es heißt Grundeinkommen, weil es ein Einkommen ist, das jedem Mitglied unserer Gemeinschaft von der Wiege bis zur Bahre garantiert wird und kein Gehalt für eine erbrachte Leistung. Vielmehr soll dadurch Arbeit - ehrenamtliche wie auch zu niedrig entlohnte Erwerbsarbeit - besser anerkannt und vielfach auch erst ermöglicht werden!

Hätte Herr Naumann besser aufgepasst, als er in der Grundwertekomission der SPD mitgearbeitet hat, wäre ihm dies auch bewusst (auch wenn deren Kapitel zum Thema eher oberflächlich war).

Deshalb an dieser Stelle einen Hinweis zum Nachschlagen:
https://www.grundeinkommen.de/die-idee

  • Antworten
Henrik Wittenberg14.05.2012 | 16:22 Uhr

@ Brandt: Michael Naumann ist

@ Brandt: Michael Naumann ist primär kein Journalist, das betrieb er eher mit der linken Hand. Biographisch war er vor allem im Verlagswesen zu finden (hier mit großen Meriten) und in der Politik (das klappte weniger). Beides erklärt wiederum vieles ... allerdings nicht eine selbstgewisse Gestrigkeit seiner Argumente: Was ist schon eine mediale Revolution gegen ein bewährtes Geschäftsmodell! Reden wie einst die katholischen Ablasshändler - bevor Luther kam ...

  • Antworten
Klaus Jarchow14.05.2012 | 16:36 Uhr

Die Diskussion ist weiter

Schade, Herr Naumann, dass Sie auf den Klischees von gestern herumreiten ohne die Entwicklung der Debatte zu verfolgen. Da ist Ihr Kollege von der FAZ, der Herr Schirrmacher, weiter: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/urheberrechtsdebatte-schluss-mit-dem-hass-11749057.html

Es ist für die Piraten längst klar, dass eine Reform des Urheberrechts nicht gegen die existenziellen Interessen der Urheber erfolgen darf. Man zeigt sich hier offen für Argumente - wenn denn mal welche kommen.

Querschläger gibt es leider auf beiden Seiten, wie die unsägliche Anonymous-Aktion heute gezeigt hat. Anonymous ist keine Gruppe, kein Verein oder politische Richtung, sondern ein Prinzip, hinter dem sich jeder verstecken kann, wer will. Es fing damit an, dass Menschen sich hinter Anonymous versteckt haben, um gegen die Krake Scientology zu protestieren, die dafür berüchtigt ist, ihre Widersacher auf persönlicher und privater Ebene anzugreifen. Hier bot die Guy Fawkes Maske einen wirksamen Schutz. Wer seinerseits nun diesen Schutz missbraucht, um seine Gegner auf der privaten Ebene zu attackieren, wie die Personen es bei der jüngsten Aktion getan haben, der pervertiert die Idee von Anonymous.
Doch das sind nicht die Piraten und nicht die Bürger, die gegen eine Totalüberwachung des Internets kämpfen.

  • Antworten
Guido Hartmann14.05.2012 | 19:24 Uhr

Eine wirklichkeitsfremde Selbsterfahrungsgruppe

Das Aufkommen der Piratenpartei und deren Anhängerschaft, könnte man interpretieren als eine Enttäuschung über die politischen Ergebnisse der Vätergeneration. Das war ja eigentlich generationsspezifisch immer so in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, in Verbindung mit dem Schlagwort „Wertewandel“ ist unser Land stets durch die „Jüngeren“ produktiv modernisiert worden. Jedoch war die Politik in der Moderne ( auch bei den Grünen) geprägt von dem Leitbild um die Verantwortung um das große Ganze. Bei der Piratenparei jedoch ist für mich auffällig, dass hier ein Rückzug auf´s Fragment stattfindet, als eine Absage an die Verantwortung im Großen und Ganzen. Was ich persönlich so unerträglich an dieser „Bewegung“ finde, ihr geht es dabei nicht, wie z.B. in Wissenschaft und Politik üblich, Probleme zu lösen und z.B. nach Stabilität zu suchen, nach einer Ordnungsbildung, die ständig immer wieder erarbeitet und aufrechterhalten werden muss, sondern die „Piraten“ scheinen ein Weltbild zu haben, wo Instabilität das Konzept oder der Entwurf selbst ist, ohne Versuch der Zustandsveränderung. Nun brauchen stabile Verhältnisse keine guten sozialen Verhältnisse zu sein, für das Leben der Menschen in Gesellschaften sind sie jedoch essentiell, von Natur aus. Natürlich geht die Politik oder auch z.B. die Wissenschaft kommunikativ im Rahmen ihrer Disziplin immer mit nicht stabilen Realitäten um, jedoch mit dem Ziel das Problem zu stabilisieren um eine pragmatische und soziale Stabilität (wieder)herzustellen. Auch scheinen die „Piraten“ Pluralität und Vielfalt mit Beliebigkeit zu verwechseln und somit wird es immer ab einem bestimmten Punkt kontraproduktiv in den Argumenten (ein allgemeines Phänomen der Anti- oder Postmoderne?). Soll sich bei den „Piraten“ der Pluralismus auflösen hin zu einer sogenannten „Schwarmintelligenz“. Zumindest wird Pluralismus nicht als Reflexionsangebot und Differenzbildung verstanden. Ihre subjektive Erfahrungswirklichkeit wird erst gar nicht mit der Realität überprüft (vielleicht jetzt in den Landesparlamenten). Die Anhängerschaft betreibt Trivialisierung unter extrem komplexitätsreduzierten Bedingungen (in der Wissenschaft etwa vergleichbar mit Laborversuchen), oder auch typisch in der Anwendung und Wahrnehmung von Massenmediensystemen, deren Angebote auch unüberprüfbare fiktive Faktoren für die Wirklichkeit liefern. „What you see, is what you get“, dieser Werbeslogan für eine neuartige Benutzeroberfläche aus der Zeit des Computerzeitalters leitete eine Entwicklung ein, die per Mausklick für Jedermann Weltperspektiven zu eröffnen schien, es war der Anfang der Simulationen und der „Virtuell Realities“. Diese Entwürfe und Wirklichkeiten werden jedoch heute von ernstzunehmenden Zeitgenossen auf Bewährung und Lebbarkeit überprüft. Auch diese „Piraten“ werden gegenüber ihrer Umwelt nicht autonom geschlossen bleiben können, sondern es wird sich zeigen, ob ein vernünftiger Wille zur Problemlösung vorhanden ist, die ständige Suche nach den bestmöglichen Problemlösungen für die Menschen und unser Gemeinwesen.
Postsciptum
Sehr geehrter Herr Naumann, ich hoffe Sie bleiben dem „Cicero“ nach Ihrem Ausscheiden aus dem operativen Geschäft „Chefredaktion“ uns Lesern als Autor erhalten. Auf Ihre kulturelle Differenz, Lebenserfahrung und ihren Widerspruch möchten wir nicht verzichten um einen kritischen und notwendigen Dialog weiterführen zu können. Und auch - gleich wichtig - die Freude an Ihren Texten, sie zu genießen und aufzunehmen. Grüße Bernhard Jasper

  • Antworten
bernhard jasper14.05.2012 | 21:00 Uhr

Sehr geehrter Herr Neumann,

Sie sollten diese Sätze:

"Nein, die explosionsartige Entwicklung kam nur zustande, weil die grundlegenden Techniken und Protokolle eben nicht durch Patente in der Nutzung eingeschränkt waren und sind. Linux, ein - oh Gott - freies Betriebssystem, treibt einen großen Teil der Server im Internet an (zum Beispiel auch den Webserver, auf dem cicero.de läuft), der Webserver Apache, die Skriptsprache PHP, Drupal… alles freie Software."

wie den gesamten Kommentar von Carsten Dobschat aufmerksam lesen.

Er zeigt wie sehr Sie selbst Nutznießer des von Ihnen krisierten Gratiskonsums sind.

Herr Dobschat bezieht sich auf die Technologien, mit denen die Cicero Online Seite betrieben wird.
Zu welchen noch HTML und jQuery gehören, beide frei, beide technisch existentiell für diese Seite.

Fragen Sie in der IT-Abteilung einmal nach, welche Kosten durch Softwarepatente bei Cicero entstehen.

Ein weiterer prüfender Blick unter die Moterhaube von Cicero Online offenbart auch, dass das Lesen der üblicherweise qualitativ hochwertigen Arikel zwar
kostenlos, aber nicht gratis ist! Auf der Seite befinden sich 9 Programme die den Leser mit seinen Daten zahlen lassen, allein 4 davon sind von
Google und Facebook.

Bitte lassen Sie sich durch Ihre hinlänglich und gerechtfertigten kritischen Haltung gegenüber der Piratenpartei zu solchen journalistischen Tiefschlägen
hinreißen. Dies ist keinem von ihnen würdig.

----
Kleiner Faktencheck:
Die Anspielung auf Jimmy Wales ist zar etwas unglücklich formuliert, stimmt aber im Groben.
- Jimmy Wales ist Mitbegründer von Wikipedia und dadurch bekannt geworden.
- Wikipedia wird von der Wikimedia Foundation betrieben, welche sich durch Spenden finanziert, nicht von von Jimmy Wales.
- Jedoch wurde die Wikimedia Foundation bis 2006 von Jimmy Wales geleitet.
- Jimmy Wales leitet Wikia.com, welche durch Werbung finanziert wird.

  • Antworten
EinLeser14.05.2012 | 23:30 Uhr

Wirklichkeitsfremde Gratis-Konsumenten & ein faires Finanzsystem

Erst der Kurs der Piraten mit dem BGE ermöglicht eine Demokratie, denn das jetzige System basiert auf staatlich legalisiertem Betrug: Die Hälfte unserer Einkommen zahlen wir direkt oder indirekt für Zinsen. Die Zinsanteile von Waren- und Dienstleistungspreisen von ca. 40 % (Immobilien + Mieten über 70 %) machen die WENIGEN (durch Zins + Zinseszins) immer reicher, die Mehrheit und den Staat immer ärmer.

Christian Führer, ehem. Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche
„Die Banken- und Finanzkrise zeigt, dass dieses Finanz- und Wirtschaftssystem nicht zukunftsfähig ist. Ihr gnadenloses Gesicht zeigt sich in permanenten Insolvenzen, Firmen- und Betriebspleiten und der Arbeitslosigkeit mit ihren Folgen. Ja, nicht nur Firmen und Banken, ganze Länder in Europa gehen pleite und müssen mit gewaltigen Milliardensummen gestützt werden, dass nicht Europa selbst zusammenbricht. Teil II der Friedlichen Revolution steht uns also noch bevor, allerdings unter den erschwerten Bedingungen des Wohlstandes: Eine Wirtschaftsform der "solidarischen Ökonomie" ist zu entwickeln, die die JESUS-Mentalität des Teilens praktiziert: Teilen von Bildung, Arbeit, Einkommen und Wohlstand, in der der Mensch, nicht Geld und Profit, an erster Stelle steht.“

  • Antworten
wmkommentar15.05.2012 | 12:06 Uhr

Wessis und Ossis

Wir im Westen haben bis heute nicht verstanden, welchen Virus wir uns mit der "Wiedervereinigung" geholt haben. Aber Romantik war schon immer eine deutsche Volkskranheit. Irgendwann endet sie tötlich. "Blut und Boden" - durch und durch romantsich - hätte ja fast geklappt und wir wären von der Landkarte verschwunden.

  • Antworten
Otto Meyer16.05.2012 | 13:01 Uhr

es gab nie ein Patent für Asperin

Der Wirkstoff in Asperin, die Acetsalicylsäure, wurde bereits 1853 erstmals synthetisiert. 1899 wurde Asperin als Warenzeichen für Bayer registriert. Da die chem. Fabrik Heyden schon 2 Jahre vorher mit der Produktion von Aectsalicylsäure (ASS) begonnen hatte, wurde der Patentantrag abgelehnt. Es gab also stets "patentenfreies Asperin für alle".

  • Antworten
M. Boettcher15.05.2012 | 22:17 Uhr

M.Boettcher

Genau,und so steht es auch im Text.

  • Antworten
michael naumann16.05.2012 | 13:55 Uhr

Nicht ganz

Sie schreiben: "Stattdessen: Patentfreies Aspirin für alle?" Wie erklären Sie den ungeheuren Erfolg von Asperin und Acetsalicylsäure nicht nur in der Schmerzbehandlung, wo es doch seit mehr als 100 Jahren patentfrei erhältlich ist? Wer hatte je einen exklusiven Anspruch auf das Rad, Brot oder Bier, die Werkzeuge zur Jagd? An wen führen Sie Lizenzen für die Nutzung des Codes aus 26 Zeichen zur Kommunikation mittels Texten ab? Und welches Gesetz regelt, dass man Eigentumsinteressen patentieren kann? Die Patentierbarkeit von Interessen wäre mir neu.

  • Antworten
M. Boettcher17.05.2012 | 17:58 Uhr

boettcher

Lieber Herr/Frau Boettcher - ist das denn so schwer zu verstehen? Die Entwicklung zahlreicher neuer Medikamente der pharmazeutischen Industrie ist in erster Linie ihren kommerziellen Interessen geschuldet (und dass viele dieser Novitäten entweder überflüssig sind oder an ältere anknüpfen, ist bekannt, spielt hier aber keine Rolle.) Aber ohne diese Interessenlage, die zu patentgeschützten neuen Produkten führt, gäbe es eben keine absehbaren medikamentöse Durchbrüche bei der Behandlung z.B. von Hepatitis C. An dieser Krankheit - ein Beispiel von vielen - leiden Millionen. Pharma-Boutiquen und Großkonzerne in aller Welt arbeiten derzeit an der Entwicklung von Medikamenten gegen die Krankheit. Mit dem Wundermittel Aspirin ist jenen Millionen Hepatitis C-Patienten eben nicht geholfen. Sollten Sie der Meinung sein, dass verstaatlichte Grundlagenforschung im Pharmabereich mit dem Ziel patentfreier Produktion von Medizin für alle die bessere, ja einzige Lösung sei, sollten Sie das auch klar sagen - und dafür sorgen, dass sie im Programm der Piraten auftaucht, falls Sie Zugang zu deren Programmdiskussionen haben. Ich fürchte nur, dass die Konsequenzen für die allgemeine Gesundheit im Lande eher schmerzhaft und in vielen Fällen auch tödlich wäre.

  • Antworten
michael naumann17.05.2012 | 19:21 Uhr

Das Medium bestimmt die Botschaft

Herr Naumann hat recht.

Es ist kein Wunder, dass die Piraten in den öffentlich rechtlichen (Radio-)Sendern über den Klee gelobt werden damit die auch ihre GEMA sparen können und dass die Menschen in der frien Presse um ihr wohlverdientes Brot bangen.

So gehts nicht.

Das schlimme dieser Leute ist auch noch sie heimliche überzogenen Selbstvorstellung im Sinne vonä "Ätsch! Ich weiß, wie man illegale Youtubes speichert und die blöden Normalos nicht.

  • Antworten
Karl Letis16.05.2012 | 12:57 Uhr

Propagandaschreibe

es gibt genügend Vorschläge wie "Kulturprodukte" alternativ
zu vergüten wären – siehe zB auf der page des ccc ...
kann bei jedem der ein wenig in die Zukunft zu schauen vermag nichts
als Ärger hervorrufen, dieser Schmäh-Artikel. ist natürlich nicht einfach mal so zu denken, ein kompletter Systemwechsel für
die Maden im Speck.
schad, dies Blatt kam bis dato ganz nett daher. naja wolln mal
schauen, was die nachdenkseiten so schreiben.
tschüssi

  • Antworten
nur so ein Künstler04.06.2012 | 15:05 Uhr

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Die Karikaturen der Woche: Einstürzende Zentralbanken und Merkel ärgere Dich nicht

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Wulf Schmiese

Die Mittwochskolumne: Leicht gesagt

Wahlkampf ohne die deutsche Wirtschaft

Die Stimme der deutschen Wirtschaft ist nur leise im Wahlkampf zu vernehmen.

In diesem Bundestagswahlkampf fehlt ein entscheidendes Detail: Kaum eine Partei äußert sich zu industriepolitischen Themen


Der Meinungskompass

 
Obama - der Besucher: Große Erwartungen, große Enttäuschungen?

 

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