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Salon

Frank Castorf„Da kriege ich das Kotzen“

Interview mit Frank Castorf21. April 2012
picture alliance
Castorf, Theaterstück, Toilette, Klo, Kasimir und Karoline
„Ich weiß auch, dass ich diese asoziale Komponente habe“: Szene aus dem von Castorf bearbeiteten Theaterstück „Kasimir und Karoline“
Schrift:

Die Welt, nicht das Theater, ist der Spielplatz des Zynischen. Warum es einer als politisches Statement versteht, sich auf der Bühne als anarchistischer Querulant zu geben und trotzdem alles Geld einzusacken, das er kriegen kann. Volksbühnen-Intendant Frank Castorf über Obdachlose, Macht, Merkel und die DDR

Seite 1 von 6

Paris. Montmartre. Volksbühnen-Intendant Frank Castorf studiert in Frankreich eine neue Inszenierung ein. Hier in der Ferne hat er Zeit. Zu Hause in Berlin ist es zu hektisch für lange Gespräche. Wir treffen uns in seinem Apartment, ziehen durch die Straßen, landen in einer Kneipe. Castorf bestellt Weißwein. Einen. Und noch einen. Sein Leben ist so widersprüchlich wie seine Sechs-Stunden-Aufführungen von Dostojewski. Aber Widersprüche gehören für ihn zur Normalität. Ein Gespräch, das nüchtern begann und im Delirium endete.

Herr Castorf, genießen Sie es, in Frankreich zu arbeiten?
Wenn ich in Paris die Avenue de Clichy entlanggehe, macht mich das nicht glücklich. Überall sehe ich Bettler und Obdachlose. Gestern hat es geregnet. Ich habe nur Beine gesehen, die aus den Hausfluren schauten. Mich hat das an tote Ratten erinnert. In Berlin habe ich bei den Obdachlosen irgendwie noch das Gefühl, dass sie Teil der Gesellschaft sind. Und auch in Rio oder Caracas habe ich nicht dieses erdrückende Gefühl der Machtlosigkeit wie hier in Frankreich. Nein, ich mag dieses Land mit seinem Napoleon-Pinocchio an der Spitze nicht. Ich finde es in vielen Zügen asozial.

Asozialer als Drogenkrieg und organisierte Kriminalität? Das ist nicht Ihr Ernst.
Soziokulturell gesehen spüre ich in Südamerika eine gesellschaftliche Wut, die dazu führt, dass sich Menschen zu kriminellen Zwecken zusammenschließen. Mich erinnert das an Heiner Müller, der einmal sagte, dass die Heimat der Schwarzen der Aufstand sei. Das gefällt mir – dieses Vererben der Wut. Ich überlege mir dauernd, wie es wäre, diese Wut in das Theater zu lenken. Nicht auszudenken, wenn die Bühne so anarchisch, subversiv und so wütend wäre wie die Drogenjünger in Caracas …

Herr Castorf, bitte – diese pubertären Provokationen sind ja hübsch, aber ich würde gerne ernsthaft mit Ihnen über das Theater in Deutschland reden. Darüber, warum es politisch nicht mehr wirksam ist. Was tut die Bühne zum Beispiel für einen Obdachlosen? Was geht die Armen Ihr Schickimicki-Publikum in Berlin-Mitte an? Die kommen doch zum Partymachen ins Theater.
Ist das so? Ich will Ihnen Ihre Meinung nicht rauben, glaube aber nicht, dass sie stimmt, und gebe zu, dass ich einen Teil unseres Publikums auch nicht mag. Und, ja, alles, was ich für einen Obdachlosen tun kann, mache ich als Mensch, nicht als Regisseur. Ich gebe ihm einen Euro – das ist schon mehr als ein guter Grüner zu geben bereit wäre. Aber vielleicht schaffe ich es am Theater wenigstens, meine Wut darüber zu formulieren, dass diese Welt, durch die ich täglich gehe, nicht in Ordnung ist. Dabei ist mir vollkommen klar, dass ich dabei keinen politischen Konsens mit Leuten wie Klaus Wowereit oder Angela Merkel finde – die sind und bleiben auf der anderen Seite.

Sie glauben nicht, dass Berlins Bürgermeis­ter oder die Kanzlerin sich auch schlecht fühlen, wenn Sie einen Obdachlosen in Berlin sehen?
Das können die doch gar nicht, ihnen geht es lediglich um die Erhaltung des Machtapparats. Nein, die stellen dann höchstens irgendwann Kerzen auf, wenn mal wieder ein Ausländer totgeschlagen wird. Und dann reihen sich die Theatermoralisten und Strickjackenträger wie mein Freund Frank Baumbauer gleich mit ein. Da kriege ich das Kotzen.

Theater und Politik dürfen also nicht solidarisch werden?
Was ich meine, ist, dass es den alten Zadek und den Stuttgarter Peymann nicht mehr gibt. Ich sehe überall nur noch diese jungen Karriereregisseure, die schlecht abkupfern, was wir vor zehn oder 15 Jahren gemacht haben. Die haben keine Wut mehr, sondern wollen im Apparat nach oben. Ihre Effekte sind blutleer. Das alles ist große bürgerliche Kacke. Ich habe übrigens nichts gegen Frau Merkel – sie hat Chuzpe, ist wach und für die aktuelle Situation vielleicht nicht einmal die Schlechteste. Aber aus meiner sexistischen Sicht ist sie eben auch verletzend, überheblich und vernichtend. Letztlich ist sie wie Barack ­Obama: Er ist Schwarzer, aber weiß wie kein Weißer. Merkel ist eine Frau, aber so männlich wie kein Mann.

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Das Theater in der Nussschale

Die Bühne der Welt ist heute das Internet. Es ist das moderne Welttheater. Gespielt wird in x-facher Wiederholung: „Die Diktatur der Schamlosen“.
Die Drehbücher dazu werden von den Medien geschrieben und in den Pausen an den „Coco Cola Ständen“ der Welt verteilt. Ihre Protagonisten sind die Ziellosen, die gerade dabei sind in einer Nussschale die Weltmeere des Internets zu überqueren und von einem Hafen zum anderen laufen. Warum? Keiner weiß es.

  • Antworten
Heinz Pelzer22.04.2012 | 10:40 Uhr

Unsere Gesellschaft

Es wird viel Schlechtes über die DSDR geredet, aber hier gab es keine Bettler, die um Almosen zu erbittend, auf den Straßen herumsaßen. Wo waren die damals? Wir alle hatten wenig und es gab nicht viel zu kaufen, aber wir kamen damit zurecht. Heute leben ein aramer Menschen unter den Reichen, aber man sieht sie nicht und man tut nichts für sie. Sie gehöreen einfach zum so "sozialen Kapitalismus dazu." Menschen können hier verkommen, aber die Politik redet in hohler Geste von der Würde des Menschen und den Menschenrechten. Diese Gesellschaft ist einereseits gespalten und die Politik tut das Übrige, um Milliarden für die Schulden anderer Länder zu verbrennen. Unser Deutschland isr irgendwie heruntergekommen. Hätte ich in der DDR etwas Kritisches gesagt, hätte sich Stase um mich gekümmert. Heute sage ich täglich meine Meinung, aber es kümmert niemanden. Die Ignoranz der wahren Lebensbedingungen der Menschen in diesem Land, ist wirklich zum Kotzen und hat unter Merkel einen traurigen Höhepunkt erreicht. Es muss sich etwas ändern!

  • Antworten
Otmar Schütze26.06.2012 | 14:11 Uhr

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