Die Welt, nicht das Theater, ist der Spielplatz des Zynischen. Warum es einer als politisches Statement versteht, sich auf der Bühne als anarchistischer Querulant zu geben und trotzdem alles Geld einzusacken, das er kriegen kann. Volksbühnen-Intendant Frank Castorf über Obdachlose, Macht, Merkel und die DDR
Paris. Montmartre. Volksbühnen-Intendant Frank Castorf studiert in Frankreich eine neue Inszenierung ein. Hier in der Ferne hat er Zeit. Zu Hause in Berlin ist es zu hektisch für lange Gespräche. Wir treffen uns in seinem Apartment, ziehen durch die Straßen, landen in einer Kneipe. Castorf bestellt Weißwein. Einen. Und noch einen. Sein Leben ist so widersprüchlich wie seine Sechs-Stunden-Aufführungen von Dostojewski. Aber Widersprüche gehören für ihn zur Normalität. Ein Gespräch, das nüchtern begann und im Delirium endete.
Herr Castorf, genießen Sie es, in Frankreich zu
arbeiten?
Wenn ich in Paris die Avenue de Clichy entlanggehe, macht mich das
nicht glücklich. Überall sehe ich Bettler und Obdachlose. Gestern
hat es geregnet. Ich habe nur Beine gesehen, die aus den Hausfluren
schauten. Mich hat das an tote Ratten erinnert. In Berlin habe ich
bei den Obdachlosen irgendwie noch das Gefühl, dass sie Teil der
Gesellschaft sind. Und auch in Rio oder Caracas habe ich nicht
dieses erdrückende Gefühl der Machtlosigkeit wie hier in
Frankreich. Nein, ich mag dieses Land mit seinem Napoleon-Pinocchio
an der Spitze nicht. Ich finde es in vielen Zügen asozial.
Asozialer
als Drogenkrieg und organisierte Kriminalität? Das ist nicht Ihr
Ernst.
Soziokulturell gesehen spüre ich in Südamerika eine
gesellschaftliche Wut, die dazu führt, dass sich Menschen zu
kriminellen Zwecken zusammenschließen. Mich erinnert das an Heiner
Müller, der einmal sagte, dass die Heimat der Schwarzen der
Aufstand sei. Das gefällt mir – dieses Vererben der Wut. Ich
überlege mir dauernd, wie es wäre, diese Wut in das Theater zu
lenken. Nicht auszudenken, wenn die Bühne so anarchisch, subversiv
und so wütend wäre wie die Drogenjünger in Caracas …
Herr Castorf, bitte – diese pubertären
Provokationen sind ja hübsch, aber ich würde gerne ernsthaft mit
Ihnen über das Theater in Deutschland reden. Darüber, warum es
politisch nicht mehr wirksam ist. Was tut die Bühne zum Beispiel
für einen Obdachlosen? Was geht die Armen Ihr Schickimicki-Publikum
in Berlin-Mitte an? Die kommen doch zum Partymachen ins
Theater.
Ist das so? Ich will Ihnen Ihre Meinung nicht rauben, glaube aber
nicht, dass sie stimmt, und gebe zu, dass ich einen Teil unseres
Publikums auch nicht mag. Und, ja, alles, was ich für einen
Obdachlosen tun kann, mache ich als Mensch, nicht als Regisseur.
Ich gebe ihm einen Euro – das ist schon mehr als ein guter
Grüner zu geben bereit wäre. Aber vielleicht schaffe ich es am
Theater wenigstens, meine Wut darüber zu formulieren, dass diese
Welt, durch die ich täglich gehe, nicht in Ordnung ist. Dabei ist
mir vollkommen klar, dass ich dabei keinen politischen Konsens mit
Leuten wie Klaus Wowereit oder Angela Merkel finde – die sind
und bleiben auf der anderen Seite.
Sie glauben nicht, dass Berlins Bürgermeister oder die
Kanzlerin sich auch schlecht fühlen, wenn Sie einen Obdachlosen in
Berlin sehen?
Das können die doch gar nicht, ihnen geht es lediglich um die
Erhaltung des Machtapparats. Nein, die stellen dann höchstens
irgendwann Kerzen auf, wenn mal wieder ein Ausländer totgeschlagen
wird. Und dann reihen sich die Theatermoralisten und
Strickjackenträger wie mein Freund Frank Baumbauer gleich mit ein.
Da kriege ich das Kotzen.
Theater und Politik dürfen also nicht solidarisch
werden?
Was ich meine, ist, dass es den alten Zadek und den Stuttgarter
Peymann nicht mehr gibt. Ich sehe überall nur noch diese jungen
Karriereregisseure, die schlecht abkupfern, was wir vor zehn oder
15 Jahren gemacht haben. Die haben keine Wut mehr, sondern
wollen im Apparat nach oben. Ihre Effekte sind blutleer. Das alles
ist große bürgerliche Kacke. Ich habe übrigens nichts gegen Frau
Merkel – sie hat Chuzpe, ist wach und für die aktuelle
Situation vielleicht nicht einmal die Schlechteste. Aber aus meiner
sexistischen Sicht ist sie eben auch verletzend, überheblich und
vernichtend. Letztlich ist sie wie Barack Obama: Er ist Schwarzer,
aber weiß wie kein Weißer. Merkel ist eine Frau, aber so männlich
wie kein Mann.












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