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Kapital

ArbeitsmarktDer Bewerber ohne Gesicht

Von Gita Topiwala17. April 2012
picture alliance
Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders, anonymisierte Bewerbung, Job
Eine anonymisierte Bewerbung kann Chancen eröffnen.
Schrift:

Der deutsche Arbeitsmarkt ist nicht gerecht. Wegen ihres Alters, ihrer Herkunft oder ihres Geschlechts werden viele Bewerber bei der Stellensuche benachteiligt. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes testete in einem Pilotprojekt während eines Jahres die anonymisierte Bewerbung. Die Ergebnisse stimmen verhalten optimistisch

Unzählige Bewerbungen hat Serpil Klukon verschickt. Nach ihrem Studium wollte die Betriebsökonomin ihr neues Leben anpacken. Doch trotz hervorragender Qualifikation wurde sie nur selten zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. „Es lag wohl an meiner Herkunft“, sagt die 38-jährige Hamburgerin, Tochter türkischer Eltern. „Ich heiße nun mal nicht Antje, ich habe auch keine blonden Haare.“  

Serpil Klukon ist nicht alleine. In Deutschland werden trotz Antidiskriminierungsgesetz Bewerber wegen ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihres Alters bei der Stellensuche benachteiligt. Unzählige Studien widmen sich dem Thema, zuletzt die Forscher der Universität Konstanz.

In einem Feldversuch verschickten sie auf Praktikumsstellen für Wirtschaftsstudenten über 1.000 Bewerbungen, denen sie zufällig den Namen eines türkischen oder deutschen Studenten zuordneten. Die fiktiven Bewerber hatten vergleichbare Qualifikationen, waren deutsche Staatsbürger und Muttersprachler. Dennoch erhielten die Bewerbungen mit dem türkischen Namen 14 Prozent mehr negative Antworten. In kleineren Unternehmen stieg der Prozentsatz sogar auf 24.

„In Deutschland geben Menschen bei der Bewerbung sehr viel Persönliches über sich preis“, sagt die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS), Christine Lüders. Personalverantwortliche ließen sich dadurch von – oft unbewussten – Vorurteilen und Klischees leiten und sortierten die Bewerbungen von Menschen mit Migrationshintergrund, Frauen mit Kindern oder älteren Arbeitnehmern sofort aus. „Wir können es uns aber nicht leisten, das Arbeitspotenzial ganzer Gruppen von Menschen nicht zu nutzen“, sagt Lüders. „Wir brauchen neue Strategien, um den Arbeitsmarkt zu öffnen.“

Chancengleichheit – ein Grundsatz des modernen Staates, und doch ein so großes Vorhaben. Die ADS hat den ersten Schritt gewagt. Am Pilotprojekt „Anonymisierte Bewerbungsverfahren“ beteiligten sich von November 2010 bis Dezember 2011 fünf Unternehmen und drei öffentliche Arbeitgeber. Darunter L’Oréal, die Deutsche Telekom, das Bundesfamilienministerium oder die Stadtverwaltung von Celle.

225 Arbeits-, Ausbildungs- und Studienplätze sollten in anonymen Verfahren belegt werden. Ziel war es herauszufinden, wie es um die Umsetzbarkeit der anonymisierten Bewerbung steht und ob sie diskriminierten Personengruppen mehr Chancen auf ein Vorstellungsgespräch ermöglicht.

Obwohl keine repräsentative Ergebnisse gewonnen wurden, zogen die Verantwortlichen am Dienstag in Berlin ein positives Fazit. Aus 8.550 Bewerbungen wurden 246 Stellen besetzt. „Nach der Anonymisierung herrscht tatsächlich weitgehend Chancengleichheit“, sagte der Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), Klaus Zimmermann. Das IZA hatte das Projekt mit der Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt an der Europa-Universität Viadrina wissenschaftlich begleitet. Vor allem jüngere Frauen und Bewerber mit Migrationshintergrund hätten mit dem anonymisierten Verfahren tendenziell bessere Chancen, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden.

Trotz des Enthusiasmus der Verantwortlichen: Die Wirtschaft ist zäh, zur Chancengleichheit ist es noch ein weiter Weg. Von den acht beteiligten Arbeitgebern übernehmen nur vier das anonymisierte Bewerbungsverfahren. Drei davon sind die öffentlichen Arbeitgeber.

Die schon vor Beginn des Projekts geübte Kritik nicht beteiligter Arbeitgeber konnten die Verantwortlichen nicht völlig entkräften. Die Einrichtung neuer, anonymisierter Online-Bewerbungsformulare oder das Schwärzen identifizierender Merkmale auf einer Bewerbung ist teuer und zeitaufwendig. „Die Anonymisierung geht gegen den Trend in der Gesellschaft, alles im Internet zu veröffentlichen“, sagt Dr. Zimmermann. Personalverantwortliche brauchen zwei Klicks auf Facebook, um das Privatleben eines Kandidaten zu kennen. „Sie ist kein Allheilmittel“, so Zimmermann. „Die Anonymisierung erhöht lediglich die Sensibilität der Personalverantwortlichen gegenüber diskriminierenden Auswahlverfahren.“

Immerhin: Der Anfang ist getan. Laut Christine Lüders ist schon die Diskussion über Bewerbungsverfahren ein Fortschritt im traditionell ausgerichteten deutschen Arbeitsmarkt. „Der Ball ist jetzt im Rollen. Viele Unternehmen verlieren ihre Skepsis gegenüber anonymisierten Bewerbungen, wenn sie mehr Informationen darüber erhalten.“

Serpil Klukon hat mit ihrer anonymen Bewerbung auf Anhieb eine Stelle bei der Stadtverwaltung Celle als Referatsleiterin Integration gefunden. „Der Aufwand lohnt sich auf jeden Fall“, sagt sie. „Jeder Arbeitgeber, der etwas von Chancengleichheit hält, sollte ein solches Verfahren einführen.“

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Gesetze sind einzuhalten

Also bleibt festzuhalten: die ehrenwerte Wirtschaft ist offensichtlich nicht willens, sich an geltende Gesetze zu halten. Das ist umso bedenklicher, ja schockierender, weil praktisch alles dem wirtschaftlichen Erfolg im Ganzen aber auch des Einzelnen untergeordnet wird. Offenbar brauchen wir mündige Bürger, die den Firmen sagen: so nicht1 Nur das wird schwierig, aber ist nicht aussichtslos.

  • Antworten
Johannes Kaiblinger17.04.2012 | 18:46 Uhr

es wäre schön, wenn die

es wäre schön, wenn die politiker auch mal zu ende denken würden. es ist äußerst unfair, politische ziele, zb die wiedereingliederung von müttern, auf dem rücken anderer arbeitnehmer bzw der arbeitgeber auszutragen. politisch: toll! praktisch: sechs, setzen.

  • Antworten
torsten17.04.2012 | 21:48 Uhr

I robot ...

Gut gemeint ist das Gegenteil von gut: Mit anonymen Bewerbungen öffnet man das Scheunentor noch weiter auf zur Entmenschlichung von Arbeit und erklärt sich als Arbeitnehmer bzw. betrachtet diesen als ein völlig austauschbares Element mit diversen Spezifikationen, bei dem einzig die Seriennummer individuell sein darf.
Wie das zu der weit verbreiteten Einstellung "ICH bin einzig" passen soll, begreife ich nicht und möchte auch künftig als Mensch mit anderen -kompatiblen!- Menschen zusammen arbeiten und nicht mit beliebig austauschbaren Funktionsträgereinheiten, die mir menschlich nichts bedeuten.
Im Vergleich mit dieser "politischen Korrektheit", da man ihr Ende noch nicht kennt, waren die bisherigen menschenverachtenden totalitären Systeme des 20. Jh. voraussichtlich nur ein schwacher Anfang. Marx würde sich wundern, er kannte nur die "Entfremdung von der Arbeit", jetzt kommt auch noch "Entfremdung vom Menschlichen" dazu.
Diese Entwicklung ist wohl kein Zufall und bestimmt noch nicht am Ende: Angefangen hat sie in den 60-ern, als eine Reihe von fanatischen und offensichtlich instinktgestörten Ichlingen ihren Weg durch die Institutionen begonnen und nunmehr vollendet hat.
Wenn ihr Experiment fehl schlägt, werden auch sie -wie ihre Väter und Grossväter- beteuern, "nichts gewusst" oder nur Befehle bzw. Gesetze befolgt, oder es einfach "gut gemeint" zu haben. Sicher ist auch, dass diese Leute ihre Pensionsansprüche nicht freiwillig aufgeben werden, egal welchen Schaden sie anrichten.

  • Antworten
AJMazurek17.04.2012 | 22:39 Uhr

Die ADS

ist typisch für unsere Gutmenschenrepublik.

Grundrechte sind in erster Linie Abwehrrechte gegen den Staat.

Die Einstellung eines Bewerbers oder einer Bewerberin ist Sache des Arbeitgebers. Jedes vernünftig geführte Unternehmen wird versuchen, qualifizierte Mitarbeiter zu bekommen. Es ist einem Arbeitgeber nicht zuzumuten, einen Migranten oder eine Migrantin einzustellen, wenn er nun mal eine Belegschaft hat, die sich am "Stammtisch" der CSU treffen könnte. Soll der ständig den Leuten klar machen, dass Vorurteile widerlich sind? Ich weiß nicht, ob beide Seiten davon profitieren.

Zum "Klassiker" Facebook: Jeder Mensch kann doch bestimmen, ob er dort mitmacht, und was er dort veröffentlicht. Und eine Migrantin wäre doch spätestens im Vorstellungsgespräch als solche erkennbar. Wenn da eben ein Personalleiter sitzt, der der Meinung ist, der Ausländer passe nicht in den Betrieb (was nicht mit Ausländerfeindlichkeit zu tun haben muss), dann war es das. Die Zeit hätte man sich sparen können.

Es gibt Benachteiligungen im Berufs- und Arbeitsleben. Und in einigen Fällen kann der Staat etwas tun. Aber selbst er verhält sich gegenüber Minderheiten nicht immer korrekt. Zumindest das könnte geändert werden.

  • Antworten
Katharina K.05.08.2012 | 19:00 Uhr

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