Ob Eurokrise, Elitenherrschaft oder Rechtspopulismus: Überall in Europa lassen sich politische Verfallserscheinungen beobachten. Sind wir schon in der Postdemokratie angekommen? Eine Analyse des Greifswalder Politikwissenschaftlers Dirk Jörke
Es war ein demokratischer Offenbarungseid: Vor mehr als zehn Jahren sagte der damalige Außenminister Joschka Fischer, man könne „nicht gegen die internationalen Finanzmärkte regieren“. Der Satz hätte auch heute gesagt werden können.
Die sogenannte Eurokrise mit all ihren Not- und vermeintlichen Rettungsmaßnahmen, die wir gegenwärtig erleben, zeigt in aller Deutlichkeit nicht nur die realen Machtverhältnisse eines globalen Finanzkapitalismus, sondern auch den Feigenblattcharakter demokratischer Institutionen. Denn diese werden, sofern es „die Märkte“ verlangen, schnell umgangen, etwa indem mal wieder ein neuer Rettungsschirm durch den Bundestag gepeitscht wird.
Oder sie werden den Erwartungen der Finanzmärkte gänzlich geopfert, wie bei der Einsetzung vermeintlich überparteilicher Expertenregierungen in Griechenland und Italien. Die jüngste Forderung der deutschen Bundesregierung, einen von der Europäischen Union bestellten Sparkommissar nach Athen zu schicken und damit die Haushaltssouveränität des griechischen Parlamentes aufzuheben, ist daher nur das gegenwärtig letzte Glied einer langen Kette von Entdemokratisierungsprozessen.
All das gibt Anlass, im Anschluss an Colin Crouch von „postdemokratischen Verhältnissen“ zu sprechen. Crouch zufolge sind die Institutionen der parlamentarischen Demokratie – periodische Wahlen, Wahlkämpfe, Parteienkonkurrenz, Gewaltenteilung – formal gesehen völlig intakt; und eben dadurch unterscheidet sich postdemokratische grundlegend von prädemokratischen Herrschaftsformen. Allerdings stimme die Legitimation politischen Handelns durch die Partizipation des Volkes nicht mehr mit den realen Gegebenheiten überein. Crouch bezeichnet den öffentlichen Wahlkampf als ein Spektakel, kontrolliert von rivalisierenden Teams professioneller Spindoctors. Im Rücken dieser Inszenierung des „Wahlspiels“ fände demgegenüber der tatsächliche politische Prozess statt – und zwar zwischen den Regierungen und den Eliten, die größtenteils die Interessen wirtschaftlich starker Akteure vertreten. Der Prozess ähnele damit eher einer privatisierten Interaktion denn einer demokratischen Mehrheitsfindung.
Es fällt schwer, dieser Diagnose von Crouch zu widersprechen. Das liberal-demokratische Modell, demzufolge die Bürgerinnen und Bürger mittels Wahlen die gesellschaftliche Entwicklung beeinflussen, befindet sich seit mehr als zwei Jahrzehnten in einem Prozess der Erosion. Ursächlich hierfür ist neben dem Beutungszuwachs der Finanzmärkte auch die Verlagerung der faktischen Entscheidungsgewalt in internationale Gremien. Zu nennen sind hier vor allem die Organe der Europäischen Union wie Kommission, EZB und Europäischer Gerichtshof.
Seite 2: Das Spardiktat, die Alternativlosigkeit und der Rechtspopulismus













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