Schweigen ist Gold? Von wegen, sagen die Kritiker Merkels und sparen nicht mit ihren Vorwürfen, den rätselhaften Kanzlerstil betreffend. Doch Merkel ist mehr als die schweigende Opportunistin, sie ist der Prototyp eines modernen Politikers.
09. November heißt Saunatag. Zumindest bei der Kanzlerin. Zumindest im Jahre 1989. Als die junge Merkel vermutlich ihren dritten Aufguss genoss, fiel (davon gänzlich unbeeindruckt) der eiserne Vorhang zwischen Bundesrepublik und Realsozialismus. Böse Zungen behaupten, Merkel hätte bereits an jenem deutsch-deutschen Schicksalstag ihr Talent zu erkennen gegeben, Historisches einfach auszusitzen, beziehungsweise auszuschwitzen.
Und nun? Nun ist Halbzeit. Halbzeit im Kanzleramt. Angela Merkel feiert Bergfest ihrer zweiten Legislatur. Nüchtern betrachtet, liest sich ihre Bilanz nicht schlecht. Der Wirtschaft geht es so gut wie in kaum einem anderen europäischen Land, trotz anhaltender weltweitumfassender Finanz- und Wirtschaftskrise. Doch die Halbzeitansprache des deutschen Medienchors gleicht einer Kabinenpredigt strengster Güte. Dieses negative Bild spiegelt sich auch in den jüngsten Umfragen wider. Selten hat es eine derartige Diskrepanz zwischen der wirtschaftlichen Verfasstheit des Landes und der subjektiven Bewertung durch seine Bürger gegeben.
Einhellig raunt es durch die Gazetten: Die Fehlerhaftigkeit der Kanzlerin scheint medialer Konsens – von FAZ bis taz. Die Kritik, die sich die erste Frau im Staate gefallen lassen muss, richtet sich meist gegen ihren Führungsstil. Unzählige Bücher, Aufsätze und Artikel sind ihm gewidmet, überbieten sich in dem Versuch das „Rätsel Merkel“ zu entschlüsseln und neigen nicht selten dazu –hobbypsychologischer Einfalt folgend – einfachste Charakterisierungen zu bemühen, um das Wesen der Kanzlerin ein für alle Mal fassbar zu machen.
Während die einen die vermeintliche Führungsschwäche der Kanzlerin bemängeln, kritisieren andere ihr überbordendes Machtgespür. Einmal wird sie als prosaisch-kaltfühlige Physikerin dargestellt, die ihr politisches Handeln rein rational wissenschaftlich Kriterien unterwirft. Ein anderes Mal wird ihr Unberechenbarkeit und blindwütiger Opportunismus attestiert. Ihr fehle der Kompass, heißt es an anderer Stelle, sie fahre einen Schlingerkurs, interpretieren andere. Von einer halsstarrigen Person ist die Rede, der es an Leidenschaft und Visionen fehle.
Den einen ist sie bei der Atomwende zu inkonsequent, für andere zu autoritär. Was ist sie also: kalt, prosaisch, führungsschwach, machtgeil oder einfach nur Ossifrau mit Chuzpe? Letztlich sind all diese mühsam kleinsprossigen Umschreibungen nicht viel mehr als der Versuch, der mächtigsten Frau Deutschlands Eigenschaften zuzuschreiben, sie unter der „Methode Merkel“ zu subsumieren, um zu erklären, was sich eigentlich selbst erklärt: Wer Merkel wählt, bekommt Merkel. Denn: Merkels Stärke liegt seit Jahr und Tag in ihrer (vermeintlichen) Schwäche.
Was ihre Kritiker dann doch ganz merkellike verschweigen: Im Falle ihrer überraschenden Wende in der Atomfrage hat sie allen Widerständen in Partei und Wirtschaft zum Trotz – einen überparteilichen Konsens suchend – die Wende politisch verordnet. Sie vermochte das seit Jahr und Tag politisierteste aller Themen – die Kernenergie – mit einem Schlag zu entpolitisieren. Es ist kein Zufall, dass dies gerade Merkel glückte. Wer sonst hätte in der Atompartei CDU, in der seit jeher ideologische Grabenkämpfe um dieses Thema gefochten wurden, eine solche Wende erzwingen können.
Auch der nicht müde werdende Ruf, es fehle der CDU unter Merkel an konservativem Profil, ist das verzweifelte Geschrei ewig Gestriger, die die Modernisierungen Merkels zurückdrehen möchten. Sinnbildlich stehen von der Leyen und Röttgen für diesen innerparteilichen Modernisierungsprozess den Merkel maßgeblich vorangetrieben hat. Man erinnere sich nur an die alte CDU vor Merkel. Letztlich hat sie die Christdemokraten aus ihrer schwersten Krise geführt, als schwarze Koffer und der alte Kohl alles zu erdrücken drohten.











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