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 > Die Causa Wulff: Ein polit-mediales Lehrstück

Berliner Republik
Medienkritik

Die Causa Wulff: Ein polit-mediales Lehrstück

von 
Norbert Seitz
4. Januar 2012
picture alliance
Wulff, Medien, BILD
Bundespräsident Wulff hätte sich eine derartige mediale Präsenz sicherlich zu anderen Themen erhofft

Die Affäre um den Bundespräsidenten Wulff zeigt lehrstückhaft das derzeitige Verhältnis von Politik und Medien. Doch Pauschalkritik der Parteien an den Medien ist wenig sinnvoll, da die Politik selber Teil des Systems ist. Was bleibt, ist eine unliebsame Beziehung wechselseitiger Abhängigkeit

Seite 1 von 2

„Volle Defensive!“ heißt derzeit die Kampfparole der Parteien im Umgang mit den Medien. Die Union liefert in der Bundespräsidenten-Affäre mit den üblichen Tricksereien der PR-Manager und Spin-Doktoren ein Lehrstück für das Verhältnis von Politik und Journalismus.

Dieses begann mit der Kanzlerin, die den lästigen Medien und Kritikern glaubte über den Mund fahren zu können, als sie Wulffs vorweihnachtlichen Worte mit dem Satz kommentierte: “Ihnen ist nichts mehr hinzuzufügen“.

Auch beim liberalen Koalitionspartner sind es offenbar „die“ Medien, die die Hauptschuld am schier ausweglosen Kampf ums Überleben tragen. Kaum dass Hoffnungsträger Christian Lindner sich davongestohlen hatte, war in den gebeutelten Reihen die abwegige Rede davon, Westerwelle sei im Frühjahr 2010 zu rasch von den Medien „weggeschrieben“ worden. Hinzu kommt das mediale Desaster bei der Urwahl über die Euro-Rettungsschirme, die nicht einmal dank organisatorischer Einflussnahme die offizielle Parteimeinung hinreichend stützen konnte.             

Daneben trägt die SPD in der Kanzlerkandidatenfrage ihr nächstes Großmatch mit den Medien aus. „Lasst den Medien ihren Spaß und beteiligt Euch nicht dran“, riet Sigmar Gabriel seinen Genossen auf dem Berliner Parteitag im Dezember. So bleibe die Partei „im Gespräch“, käme aber „nicht ins Gerede.“ Doch wenn es um die K-Frage und die Rolle der Medien geht, verstehen unduldsame Genossen schon lange keinen „Spaß“ mehr. Auch Gabriel verstand sich im weiteren Verlauf seiner umjubelten Rede nicht immer auf jenen lockeren Ton. So verbat er sich Ratschläge aus „Sonntagszeitungen“, in denen Altkanzler Schröder seine Partei vor mehr Steuern gewarnt und zu einer vorzeitigen Festlegung des Merkel-Herausforderers geraten hatte. Gabriel schwang sich in der K-Frage zum Souverän gegen die Meinungsmedien auf. Er beharrte kategorisch auf seinem Vorschlagsrecht als Parteivorsitzender: “Und dann entscheidet die Partei und sonst nie-mand“.       

Um den Einfluss der Medien bei der Kandida-tenfindung zu reduzieren, hat die sozialdemo-kratische Funktionärswelt frühzeitig die Betei-ligung von Nichtmitgliedern bei künftig stattfindenden Urwahlen verhindert. Befürchtete man doch konspirative Rudelbildungen an der Basis gegen das Partei-Establishment. Gabriel und Andrea Nahles knickten nach der ersten Protestwelle aus den Kadern ein und stellen nunmehr jedem Bezirk die Ausgestaltung von Primaries frei. Dies freilich mit einem weinenden Auge, nachdem die französischen Sozialisten es mit ihrer landesweiten Urwahl für die Präsidentschaftskandidatur im April vorexer-zierten, wie sich auch Nichtmitglieder für die eigene Sache mobilisieren lassen. Doch in der hiesigen Funktionärswelt war man eher abgeschreckt von Peer Steinbrücks Frühstart um die Kanzlerkandidatur an der Seite von Helmut Schmidt.  

Das Misstrauen gegenüber den Medien in weiten Teilen der SPD rührt von einer Legen-denbildung um Gerhard Schröder her, in der der Ex-Kanzler sowohl als Täter wie auch als Opfer vorkommt. Zum einen scheint die Medienkür Schröders zum Kanzlerkandidaten ge-gen den Herzblutbewerber der Spitzengremien, Oskar Lafontaine, 1998 noch immer traumatisch besetzt zu sein. Wahlhelfer Klaus Staeck und seine Freunde beschimpften seinerzeit Schröders Anhänger von der schreibenden Zunft als „Lemminge“ und klagten über ein journalistisch gesteuertes Nötigungsmanöver bei der Kandidatenfindung. Die Gremienautonomie sei durch mediale Invasoren verletzt worden, und die Partei habe ihre Entscheidungssouveränität an die Demo-skopie ausgeliefert.   

In solch konspirativen Zerrbildern wird freilich Schröders Übergang vom Medienfavoriten zu jenem Medienverächter unterschlagen, der im Wahlkampf 2005 ausrief „Glaubt denen nicht“, und sich am Wahlabend jenen suboptimalen TV-Auftritt in der Elefantenrunde leistete, wel-cher der geschlagenen Kandidatin Angela Merkel mithelfen sollte, doch noch den Weg ins Kanzleramt zu schaffen.  

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Man tritt auf und wieder ab

Von dem Inszenierungsmeister Schröder hatte Wulff schon in Niedersachsen gelernt. Und nicht nur er. Auch von der Leyen, Rösler etc., alle Niedersachsen wollen von der piffigen Provinz in die Machtzentrale nach Berlin, in die Hauptstadt. Es hatte sich auch in der niedersächsischen Polit-Szene schnell herumgesprochen, Du brauchst nur die „Bild“ und die „Glotze“. Die Leute da draußen wollen Glamour und Unterhaltung. Und wenn politische Grausamkeiten fürs Volk und den Steuerzahler anstehen, dann immer nur mediengerecht häppchenweise servieren, bestimmte Medien bedienen uns schon, sie leben von unserer Selbstdarstellung. Lernt lügen! Die Menschen verlangen nach übergreifenden Symbolen und symbolischen Gesten. Elitär zurückhaltend den Konsens nüchtern manifestieren ist out. Polit-Inszenierung ist angesagt. Das Volk will doch nur Brot und Spiele, Lifestyle, Brauchtum und Folklore, nicht wahr? Die Bühne als Inszenierung und Medienprodukt. Man tritt auf und wieder ab. Eine grauenerregende mediale Öffentlichkeit.

  • Antworten
Bernhard Jasper04.01.2012 | 17:31 Uhr

Was hat die SPD mit Wulff zu tun?

Ich war doch gespannt, was mir bei dieser Überschrift an neuem Erkenntnisgewinn wohl möglich sei. Und dann lese ich in der Hauptsache Tiraden gegen Schröder und die SPD im Ganzen. Was war denn das jetzt?
Eine solch einseitige Darstellung habe ich selten zu lesen bekommen.
Ein bißchen mehr Distanz und weniger Schaum vor dem Mund wäre der ernsten Angelegenheit dienlicher gewesen.
Und: Wie die SPD intern damit umgeht - und zwar nicht nur die Funktionäre sondern alle Mitglieder - wer den eigenen Kanzlerkandidaten wählen soll, das ist doch ihre Sache. Oder halten Sie es anders in Ihrem Hause. Lassen Sie sich von "Laien" das tägliche Geschäft bestimmen? Doch sicher nicht. Zähmen Sie ganz einfach Ihre Allmachtsphantasien.
Wenn ich dem Artikel A- und B-Note geben müsste, dann wäre zweimal 4,5 drin und nicht mehr. Begründung: In der A-Note das Thema verfehlt und bei der B-Note die hundsmiserable Ausführung bewertet.

  • Antworten
Zweifler04.01.2012 | 20:18 Uhr

Die virtuelle Welt der Vermutungen

Schade! Der Titel ist so vielversprechend. Er lädt dazu ein, einen besseren Dialog zwischen Medien, Politik und der übrigen nichtmedialen Welt zu führen. Ein Dialog, der überfällig ist, da sonst den Medien eines Tages ihre veröffentlichte Welt auf die Füße fällt, wenn es nicht schon passiert ist. Das gilt nicht nur für die Causa Wullf.

Stattdessen werden hier in „endloser“ Aneinanderreihung Rechtfertigungsversuche unternommen, wie richtig doch die Medien, sozusagen als scheinbar unabhängige Akteure, in diesem oder jenen Fall gehandelt haben. Gleichwohl bemerkt der Autor wie abhängig Medien und Politik voneinander sind, ohne allerdings seine eigene Abhängigkeit als Teil des Systems durchschimmern zu lassen. Ganz im Gegenteil! Vielmehr will er sich als unabhängiger Akteur des Geschehens verstanden wissen, indem er seine Erkenntnismatrix über die im Artikel beschriebene mediale Aufklärungsarbeit stülpt und einseitig verkündet, die Medien seien ein Inbegriff an Lauterkeit.

Jeder weiß doch, dass sich insbesondere in einem kapitalistischen System die Wahrheitsliebe je nach Marktlage ändert. Dies gilt für die Medien ebenso wie für die Politik und für alle weiteren Akteure. So sind auch die Medien längst nicht mehr Subjekt des Geschehens, sondern bedienen in vielen Fällen reflexartig die relativen Wahrheiten des scheinbar Faktischen.

Dies ist auch verständlich, wenn man bedenkt, dass sie nicht mehr die Herrschaft über die Zeit haben, die sie für eine optimale Selektion nachprüfbarer Fakten braucht. So watet sie notgedrungen in eine Flut von Vermutungen und muß mit einem Minimum an Fakten auskommen. Sie muß schnell liefern, bevor die nächsten Fakten sie überrollen. Dazu kommt die spekulative Hoffnung, dass die wenigen Fakten, die sie bekommen hat, tatsächlich stimmen.

Insofern verhält sie sich ähnlich wie die Finanzwelt. Auch sie lebt teilweise in der virtuellen Welt der Spekulation und schnellen Prozesse mit einem ständig schwindenden Bezug zu realen Wirtschaft. Davon unterscheiden sich die Medien nur marginal. Denn genauso wie die spekulierende Finanzwelt den Bezug zur realen Wirtschaft verliert, so ergeht es in vielen Fällen den Medien. Auch sie leben bei den vielen Vermutungen mehr in einer virtuellen als in einer realen Welt. Es ist die Welt des nicht Nachprüfbaren. Höchstens mit einen Verweis auf Dritte, die sich als Autoritäten ausweisen.

Diese Welt der Vermutungen ist der ideale Rohstoff dessen sich die Medien bedienen. Es ist genau der Stoff mit dem sich am schnellsten Berichte erstellen und verbreiten lassen. Aber nicht nur das. Jeder darf im Internetzeitalter mit diesen Vermutungen machen was er will. Er darf jeden beschimpfen ohne Konsequenzen zu befürchten. Es ist die Diktatur der Schamlosen, die sich der Flut dieser Vermutungen bedienen. Doch dieser Weg ist nicht ungefährlich, denn gerade die Welt der Vermutungen mit ihren nicht nachprüfbaren Ergebnissen ist der ideale Nährboden auf dem populistische Lösungen oder Versprechungen aller Art wachsen und gedeihen.

Hier stellt sich für mich die Frage, wie die Welt der inflationär geäußerten Vermutungen und die Welt der nachprüfbaren Fakten besser konvergieren als dies zurzeit der Fall ist.

  • Antworten
Heinz Pelzer04.01.2012 | 22:06 Uhr

Aufmerksamkeitsökonomie

Herr Pelzer, ein sehr guter Kommentar, wie ich finde. Ich möchte zu diesem Thema noch hinzufügen:
Die Politik legt Bühnenverhalten an den Tag. Guttenberg, Wulff etc.., sind gute Beispiele dafür. Die allgemeinen Tendenzen zur Inszenierung finden gegenwärtig in der Politik statt, konstruieren das Leben als eine Kette von Ereignissen. Es ist eine Abfolge von Inszenierungen. In einer Zeit, die das Individuum zu begünstigen scheint, muss der Selbstdarstellung, dem Sich-unterscheiden-Wollen Raum gegeben werden. In der Causa Wulff sind die medialen Reaktionen deshalb so heftig, weil die Menschen schon immer nach einem übergreifenden Symbol und symbolischen Gesten verlangen (hier in Form des Amtes Bundespräsident). Es mangelt eben an Akteuren, die Nachdenklichkeit erstreiten und erarbeiten können, was durch die Medien dann transportiert werden kann. Da lobe ich immer noch unseren Altkanzler Herrn Helmut Schmidt.

  • Antworten
Bernhard Jasper05.01.2012 | 12:50 Uhr

Selbstreflektion

Ich warte noch immer auf einen Bericht, der einmal die Schuld nicht nur bei deen Politikern sucht. Dieb Ueberschrift war, wie oben bereits erwaehnt, vielversprechend und hat umso mehr enttaeuscht. Warum fuehlen sich die Medien von Herrn Wulff und Co. Nur so angegriffen? Stolz, Macht, Ehre, oder einfach die fehlende Hemmschwelle des geschriebenen Wortes?Das Argument vom Verlust der Demokratie kann ich nicht mehr hoeren. Da hoeren sich die Schreiber schon politischer an, als die Politiker.

  • Antworten
Torben Franzke05.01.2012 | 16:35 Uhr

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