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Berliner Republik

OECD-Studie zur UngleichheitWir Reichen unter uns

Von Marie Amrhein11. Dezember 2011
picture alliance
Reichtum, Armut, OECD, Studie, Divided we stand
Champagner für wenige - denn Armut macht Angst
Schrift:

„Divided we stand“. Eine neue Studie führt uns einmal mehr vor Augen, wie ungerecht es bei uns in Deutschland zugeht. Dabei sind neben den viel zu schlechten Löhnen aber auch wir selber Schuld - und unsere Angst vor der Armut

Seite 1 von 2

Ich war gerade in Stuttgart. Dort haben wir drei Salatherzen gekauft, für 3 Euro fünfzig. Es war in einem schönen Feinkostladen in der Innenstadt, draußen bimmelte der Weihnachtsmarkt, wir wollten noch Knödel für den Sauerbraten besorgen. Neben mir an der Kasse tätigten andere kaschmirgekleidete Damen ihre Einkäufe. Der Salat schmeckte prima, eigentlich wie der, den ich sonst aus dem Supermarkt hole. Da kostet er die Hälfte. Aber an diesem Tag gehörte das Einkaufen mit zum vorweihnachtlichen Gefühl, die Familie war beisammen, da sollte es etwas Besonderes sein. Beim Heraustreten in die Fußgängerzone saß da ein Bettler. Er hatte seinen amputierten Fußstumpf freigelegt, um das Mitgefühl der Passanten zu erregen. Ich hatte noch den Geruch des frischen Gemüses von der Feinkosttheke in der Nase und stapfte schnell vorbei.

Deutschland kann sich dieser Tage mal wieder einer Spitzenposition im internationalen Vergleich rühmen. Wir sind organisiert, diszipliniert, alles hört auf unser Kommando in Sachen Euro-Rettung. Und unser Land, so eine neue Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat seit 1990 einen gewaltigen Sprung gemacht – in Richtung Ungerechtigkeit. „Divided we stand“ – durch das Land geht ein Riss. Zu diesem Schluss kommt die OECD. Natürlich gibt es noch ein paar mehr Länder, in denen die Einkommensschere so weit auseinander klafft wie bei uns. Das sind dann Nationen wie die Niederlande, Frankreich oder Griechenland. Deutschland aber kann sich rühmen, von einer eher ausgeglichenen Gesellschaft in den 80er und 90er Jahren in das Mittelfeld der Ungleichheit hervorgeprescht zu sein. Vorne weg traben selbstbewusst noch immer ewige Sieger wie die USA und Mexiko.

57.300 Euro. Dieses Netto-Gehalt verdienten die obersten zehn Prozent der deutschen Einkommensbezieher durchschnittlich im Jahr 2008. Das ist in etwa acht mal so viel wie das Gehalt der untersten zehn Prozent, die wiederum mit nur etwa 7400 Euro Netto blöd dastehen. Damit hat sich Deutschland von einem Sechs-Zu-Eins-Verhältnis in den 90ern vorangetastet an den OECD-Durchschnitt, der momentan bei neun zu eins liegt. Unsere Einkommensungleichheit ist damit „erheblich stärker gewachsen“ als in den meisten anderen OECD-Ländern.

Mit welcher Begründung, mag sich der Laie da fragen. Warum ist das so? Wird nicht ständig das tolle Wirtschaftswachstum gelobt? Das kommt aber offensichtlich nicht den Menschen in Deutschland zugute, die es brauchen. Nein, die gut verdienenden sind es, bei denen die wachsenden Haushaltseinkommen zu Buche schlagen. Von den 0,9 Prozent des durchschnittlichen Wachstums erreichen Verdiener aus der untersten Einkommensklasse lediglich 0,1, die obersten zehn Prozent dagegen 1,6 Prozent. Schuld daran ist vor allem die katastrophale Entwicklung der Löhne, oder sollte man besser sagen: Nicht-Entwicklung?

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wieso die Mittelschicht so krampfhaft an ihren einmal gewonnenen Pfründen festhält

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Es ist vermutlich auch die irrationale Angst vieler Angehöriger der sogenannten Mittelschicht, die eine "Umverteilung zu ihren Lasten" befürchten und sich deshalb krampfhaft an den Status quo klammern.

Es gab seinerzeit das Klaus Staeck-Wahlplakat "Deutsche Arbeiter: Die SPD will eure Feriendomizile in der Schweiz verstaatlichen".

Nicht Wenige nahmen diese Polit-Satire für bare Münze, und dies scheint bis heute so zu sein.

Die heutige SPD hat sich jedoch längst auf die Seite der Mächtigen geschlagen und die internen Auseinandersetzungen zwischen "Rechts" und "Links" sind reines Schattenboxen.

Wo bleibt da Die Linke? Der Entwurf des Parteiprogramms (in diesem Oktober in Erfurt beschlossen) enthält eigentlich klare Vorgaben für eine gerechtere Einkommens- und Vermögensordnung. Wo bleiben die Kommentare aus dieser Partei zur OECD-Studie?

Irgendwann werden hoffentlich auch die deutschen Wählerinnen und Wähler wach und lassen sich nicht weiterhin von neoliberaler Parteipropaganda hinsters Licht führen. Aber das kann dauern...

  • Antworten
Yvonne Walden11.12.2011 | 17:00 Uhr

divided we stand

die schröder spd hat mit der "agenda 2010" die tür zum sozialdarwinismus
geöffnet. da beißt leider keine maus einen faden ab. was eine - durch
einflussreiche lobbyisten betriebene - immer intensivere hinwendung zu
einem marktradikalen system us-amerikanischer prägung anrichtet, ist
schon jetzt zu ahnen u. wird in absehbarer zeit, schmerzlich zu spüren sein. eine explodierende kriminalität, die auch menschen tangiert, die sich auf der sicheren seite wähnen, das ende des sozialen friedens, bürgerkriegsartige zustände u. das erstarken
radikaler kräfte.
lassen wir es nicht so weit kommen!

  • Antworten
fritz fr. illing11.12.2011 | 20:58 Uhr

Wir Reichen unter uns

"Das Leben ist hart, dafür aber auch ungerecht".
Ach, was war es in der DDR doch so schön. Keine REICHEN, keine
VERMÖGENDEN, so sozial, so gerecht, kein GRO?GRUNDBESITZ, keine
privaten BANKEN, keine privaten GRO?-KONZERNE, billige Mieten,
hervorragnder, weltweit einzigartiger Umweltschutz......und ein
2kleines Mäuerlein"......
Gehe hin und gib den ARMEN. Nicht lamentieren, selbst verzichten.
Nicht Barmherzig auf anderer Leute Kosten ...., sondern Nachfolgerin
von Mutter Theresa werden ....keine Lust? Ach so!

  • Antworten
Wolfram Wiesel11.12.2011 | 21:16 Uhr

Das Maß der Armut ist nicht die eigene Not, sondern .....

Sämtliche Politiker haben, den als europäischen Exportschlager gerühmten deutschen Sozialstaat zum unbezahlten Selbstbedienungsladen verfallen lassen.
Diesen leider nicht zu finanzierenden Exportschlager haben andere Staaten mit Wohlwollen nachgeeifert. Leider hat sich der Exportschlager des Sozial-Weltmeisters als Rohrkrepierer erwiesen.
Nur, die plötzliche Vertreibung aus ihren Wohlfühlparadiesen wird den Menschen DORT genau so wie bei uns, schwer zu vermitteln sein.
Scheiden tut weh. Besonders, wenn man sich aus einer luxuriösen, komfortablen Herberge <Volksbeglückungsstaat > leider verabschieden muss.
Das Maß der Armut in Deutschland ist nicht die eigene Not, sondern die relative Wohlhabenheit der Anderen.
Alle Sozialhilfeempfänger werden bei uns, wie nirgendwo anders auf der ganzen Welt, von der Sozialhilfe großzügig unterstützt. Heute besitzt ein Sozialempfänger, Familienvater, 2 Kinder mit über 1.500,-Euro Sozialhilfe ( ohne sonstige Vergünstigungen) die gleiche Kaufkraft, wie vor 25 Jahre ein Arbeitender (Familienvater, 2Kinder.
Das ist das Vierfache des Nettolohns eines Industriearbeiters in Polen oder Rumänien

Die Sozialausgaben je Einwohner haben sich seit 1970 mehr als verdoppelt.
Über ein Drittel des Staatshaushalts wird für soziale Zwecke ausgegeben.

Auffallend ist ferner, wenn man Berichte in den Medien über Menschen mit Sozialhilfe sieht, deren geringe Kompetenz, sparsam zu leben. Es gibt nicht zu wenig Geld, sondern es wird für die falschen Dinge ausgegeben.
Diese sogenannte Unterschicht sichern wir finanzielle vollständig ab. Aber die ganz normale Mittelschicht, der Fabrikarbeiter, der LKW-Fahrer, der Handwerker, die Krankenschwester usw., die große Mehrheit der Bevölkerung, wird ausgepresst.
Sie können nicht, wie die Superreichen ins Ausland ausweichen. Wenn diese Schicht wegrutscht und sie ist zum großen Teil weggerutscht, ist die gesamte Gesellschaft in Gefahr. Das ist der eigentliche politische Sprengstoff in Deutschland.

Schon Ludwig Erhardt sagte: „Zu sozial, ist Unsozial“.

  • Antworten
hermann hubert12.12.2011 | 12:17 Uhr

Dass die Schere zwischen Arm

Dass die Schere zwischen Arm und Reich sich weiter öffnet, liegt - neben dem fehlenden Mindestlohn als Konstruktionsfehler bei der HartzIV-Einführung - vor allem auch daran, dass in Deutschland kaum Aufstieg über Bildung möglich ist. Da in Deutschland - in z.T. weit größerem Maß als in anderen Ländern - der Schulweg und damit der Bildungsabschluss an sozialer Herkunft und leider weniger an Leistung hängt (jährliche OECD-Studien), bleiben die besser bezahlten Jobs auch vermehrt der bereits vermögenden Klasse vorbehalten; so kommt zum Erbe auch noch ein größerer Verdienst, während sozial schwach Geborene auf beides verzichten müssen.
Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass wir es nicht anders wollen, denn bisher ist noch jede Initiative zur Verbesserung der Bildungssituation von sozial Schwachen am Widerstand wohl derjenigen gescheitert, die den häuslichen Bildungsvorsprung ihrer Kinder nicht verlieren wollen.

  • Antworten
Magdalena12.12.2011 | 19:30 Uhr

na wenn die OECD sich zu wort

na wenn die OECD sich zu wort meldet, schlagen die alarmglocken. am besten der cicero veröffentlicht auch noch die kaffeesatzlesereien des Ifo instituts...
ernsthaft betrachtet gibt es berechtigte einwände. nur kann die politik nicht immer für ungerechte löhne zur verantwortung gezogen werden, es ist vielmehr aufgabe starker gewerkschaften ein faires tarifsystem und damit stabile löhne zu schaffen.
es gibt in unserem lande ein bildungsdefizit, unbestritten, im übrigen erstellt die OECD darüber auch studien. nur werden bei diesen analysen schwere faktoren mitrausgerechnet, nämlich die schlichte feststellung, dass in deutschland in besonderem maße fremdsprachen gelehrt werden:altgriechisch(teilweise), latein, spanisch, englisch und französisch. es wird sich tief mit antiker kultur beschäftigt, etwas was die OECD nicht zu würdigen weiß. ich muss nicht über erfahrungen in sprachkursen mit z.b. franzosen sprechen. zurecht moniert werden die wissentscaftlichen leistungen.
um aber zurück auf das thema zu kommen. das problem am lohndumping sehe ich in der gier einzelner, unter der viele in der folge leiden müssen. kommen mindestlöhne, so werden verlagerungen der produktionsstätten etliche arbeitnehmer hart treffen. der virus im finanz-und wirtschaftssystem muss abgetötet werden, erst dann steuert das land wieder aus faire löhne zu.

  • Antworten
Fabian Hofmann14.12.2011 | 05:59 Uhr

Reiche unter sich

Die größer werdenden Spreizung besteht nicht nur zwischen arm und reich,sondern auch zwischen gut ausgebildet und wenig ausgebildet. Wer lernen will, macht seinen Weg auch ohne das Portmonaie der Eltern; sie müssen die Kinder nur motivieren und lassen.
Leistungsbereitschaft und Bequemlichkeit sind weitere Faktoren. Wenige müssen immer mehr arbeiten, viele immer weniger.
Wirtschafts -und Steuerpolitik befördern Ungleichheit. Große fressen
Kleine und Steuern belasten den Mittelstand unverhältnismäßig.
Den Reichen tut ein erhöhter Spitzensteuersatz nicht weh'; aber die
SPD täuscht darüber hinweg, dass die damit auch erhöhte Progressionslinie erneut das meiste aus dem Mittelstansbereich abzockt.
Die Vermögenssteuer verletzt den vom Grundgesetz geschützten Grundsatz, dass der Staat max. die Hälfte des Einkommens einziehen darf.
Was ist also zu tun ? Eine schwierige Frage ! Vielleicht ist auch
die Betrachtung der OECD nicht stichhaltig ?
Die seit den 80er Jahren übermäßig gestiegenen Einkommen von Managern
der Unternehmen und Banken bewirken natürlich einen hohen Durchschnitt bei den oberen 10 %. Die zahlen allerdings auch den Spitzensteuersatz und damit ca. 50% der gesamten Einkommensteuer !
Natürlich steht die Leistung dieses Personenkreises in keinem Verhältnis zum Einkommen. Belässt man jedoch den "unverdienten" Teil
des Einkommens bei den Firmen, erhält der Staat nur noch 25 % Unternehmenssteuern. Die Katze beisst sich in den Schwanz !
Fazit : Umverteilung des "unverdienten" Einkommens an mittlere und
untere Einkommensbezieher. Das schmälert nicht den Gewinn
und auch nicht die Steuern.

  • Antworten
Sirius17.12.2011 | 17:10 Uhr

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