Cicero Online traf den Journalisten und Verleger der Wochenzeitung „Der Freitag“ Jakob Augstein auf der re:publica und sprach mit ihm über die Zukunft des klassischen Journalismus, picklige Nerds und kulturpessimistische Rückwärtsgewandtheit.
Herr Augstein, schaue ich mir das Veranstaltungsprogramm
der diesjährigen re:publica an, entdecke ich Veranstaltungen, die
sich mit sehr Community-spezifischen Themen beschäftigen. Da geht
es beispielsweise um Modeblogs, Dezentrales Clustern oder Design
Thinking. Das sind nicht gerade gesellschaftsrelevante
Themen.
Die Einschätzung kann ich so nicht teilen. Ich bin mir aber nicht
sicher, ob das überhaupt notwendig und auch gewünscht ist. Diese
Veranstaltung ist das große Klassentreffen der Bloggerszene. Hier
kommen Menschen zusammen, die sich für Bürgerjournalismus,
Community Building, Whistleblowing, neue Kommunikationstechnologien
interessieren und sich hier austauschen. Diese Veranstaltung hat
für mich eine Art Messecharakter. Ich finde nicht, dass man
erwarten kann, dass sich die Leute hier mit den Gegenwartsproblemen
der deutschen Innenpolitik beschäftigen. Das wäre verfehlt.
Oftmals ist aus der Bloggerszene das Argument zu
vernehmen, Blogs würden zu einer Demokratisierung der
Medienlandschaft beitragen. Täuscht der Eindruck, dass die Szene
letztlich nur ein Spiegel der jetzigen Machtverhältnisse darstellt?
Die herrschenden Meinungen, die sich sowieso artikulieren, kommen
über die neuen Medien doch nur noch verstärkt zum
Zuge.
Ich glaube nicht, dass das stimmt. Ich denke, dass die Bloggerszene
in ihrem Kern etwas Anarchisches hat. D.h. sie würde, wenn man sie
fragen könnte, wahrscheinlich sagen, dass sie derartige
Relevanzkriterien gar nicht erfüllen möchte. Es liegt doch nicht in
der Zuständigkeit der Blogger zu klären, wie beispielsweise die
Energiewende auszusehen hat. Das ist nicht deren Job. Was hier auf
dieser Veranstaltung geschieht, ist doch die Manifestation eines
Kulturwandels. Die Leute wollen einerseits an ihren Computern
kommunizieren und partizipieren. Andererseits wollen Sie hinaus ins
richtige Leben und sich untereinander kennenlernen. Die Leute, die
Sie hier antreffen, sind ja nicht die kontaktgestörten Nerds, die
dick und picklig pizzaessend in ihre Tastatur krümeln. Es sind
Leute, die Freude haben an Auseinandersetzung, die sich streiten,
diskutieren. Für einen Kulturpessimisten ist das hier wirklich der
falsche Ort.
Die Leute hier erfüllen wirklich nicht das Klischeebild
eines Nerds, eines Computerfreaks. Es sind gutgekleidete Menschen,
die sich präsentieren und artikulieren können.
Ja. Wir haben es hier mit einer jungen Generation zu tun, die mit
den Medien und neuen technischen Möglichkeiten komplett anders
aufwächst, als es beispielsweise bei mir der Fall war. Diese
Generation kommt dann logischerweise auch in der Bewertung des
Verhältnisses zwischen klassischem Journalismus und
Bloggerjournalismus zu anderen Ergebnissen. Das muss sich
unsereiner erst mühsam erarbeiten. Ehrlich gesagt, gibt es Kollegen
von mir, kaum älter als ich, die sich das nicht mehr erarbeiten
können. Für die ist das Internet immer nur ein Raum des Chaos, der
Entgrenzung, der schlechten Manieren, der vertanen Zeit. Sie können
nicht verstehen, dass das Internet für die jüngeren Generationen
kulturell etwas anderes bedeutet.
Ist das vielleicht auch Ausdruck eines aufkeimenden
Konkurrenzgefühls? Läuft der klassische Journalismus Gefahr
überflüssig zu werden, wenn Informationen nicht mehr über den
klassischen Weg, über Journalisten an die Öffentlichkeit gelangen,
sondern auf direkterem Wege über Blogs und
Whistleblowing-Plattformen?
Ja, aber das ist eine vollkommen überflüssige Sorge. Gerade das
vergangene Jahr mit Wikileaks hat ja gezeigt, dass im Kern diese
neuen Formen von Kommunikation und Journalismus kompatibel sind mit
den klassischen Formen. Sie sind durchaus anschlussfähig. Wikileaks
ist doch von sich aus auf Guardian, New York Times, Spiegel
zugegangen und hat eine Kooperation angeboten. Und die
Zusammenarbeit hat im Ergebnis doch sehr gut funktioniert. Das
sollte für uns alle ein ermutigendes Zeichen sein, dass die neuen
und die alten Medien an der größten Story seit Erfindung der
Zeitung – wenn ich das mal überhöhen darf – zusammengearbeitet
haben.












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