Mit Granaten, Schusswaffen und selbst gebastelten Sprengkörpern attackierten Salafisten das US-Konsulat in der ostlibyschen Stadt Bengasi. Der US-Botschafter Chris Stevens und drei Mitarbeiter wurden getötet, auch mehrere libysche Sicherheitskräfte starben. Wenige Stunden zuvor marschierten in Kairo etwa 3000 Islamisten zur US-Botschaft, rissen die Fahnen herunter, verbrannten sie und hissten stattdessen die schwarze Fahne, die symbolisch für den angestrebten islamischen Gottesstaat steht. Darauf zu lesen: „Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammad ist sein Prophet“. Auch im Jemen gingen hunderte Demonstranten auf die Straße und stürmten die US-Botschaft in der Hauptstadt Sanaa. Mittlerweile haben die Proteste auch Tunesien und Marokko erreicht.
Was war geschehen? Ein Film kursierte und kursiert im Netz. Ein Film eines jüdischen Amerikaners*, der den Propheten Mohammed mal in ein kriminelles, mal in ein homosexuelles Licht stellt. Ein wirklich schlechter Film, der fantasiebefreit gängige antimuslische Ressentiments aneinanderreiht. Vermeintlich Grund genug für viele Journalisten, diesen Film ins Zentrum der Berichterstattung zu heben und die eigentliche Nachricht, den terroristischen Akt, als Reaktion zu verharmlosen.
Berichtet wird über Nationalität und die Herkunft des Regisseurs, über den Weg der Verbreitung. Er sei Israeli, hätte das Geld für den Film von 100 Juden bekommen. Allein die Aufmerksamkeit, die die Berichterstattung auf den Urheber des Filmes lenkt ist tendenziös.
In ersten Reaktionen heißt es, die Gewalt sei nicht zu tolerieren, worauf zumeist ein „aber“ folgt, das die Geschehnisse als Reaktion auf besagtes Video relativiert. Bitte, kein aber mehr! Kein Film der Welt, noch dazu ein schlechter, kann und darf Auslöser für eine solche Anschlagswelle sein.
Doch viele Zeitungen verharren in gewohnter „Ja-aber“-Terminologie, schreiben, es handele sich um „gezielte Provokationen“, um „islamophobe Provokationen aus dem Ausland, die Wasser auf die extremistischen Mühlen der Salafisten lenken“. Auf die Spitze treibt es aber – mal wieder – das „Neue Deutschland“: „Nach den leichtfertig ausgelösten Massenprotesten infolge von Mohammed-Karikaturen und Koran-Verbrennungen hätte man das wissen können.“ Selber schuld also, hätte man ja mit rechnen können.
Nein. Gewalt und Mord, stehen in keinem Verhältnis zu filmischer Propaganda, so fürchterlich sie auch sein mag. In ein solches Verhältnis stellen es aber jene Medien, die derartige Kausalitäten erzeugen. Das ist der eigentliche Skandal. Scheinbar gleichgewichtig steht die Nachricht des auslösenden Filmes neben terroristischer Gewalt. Doch die Kausalitätskette ist eben nicht: Schlechter Film über religiöse Symbolik führt zu Gewalt. Nein, die Gleichung, wenn überhaupt, heißt: Fanatismus, Hass, Unwissen, religiöse Ideologie führen zu Gewalt und Terror.
Dass es sich um keine Reaktion, sondern um eine gezielte Aktion der Islamisten handelte, zeigt auch das Datum. Die Angreifer wählten den 11 September nicht zufällig. So suchten sie einen Vorwand, um gezielt Attacken zu starten und fanden ein fürchterliches Video. Es traf mit US-Botschafter Stevens ausgerechnet einen Mann, der gemeinsam neben jungen Muslimen gegen Gaddafi und für die Freiheit kämpfte.
Säkulare Kräfte und gemäßigte Muslime stehen vor großen Herausforderungen. Vorerst scheinen die Radikalen das Machtvakuum in Libyen zu füllen. Auch die Muslimbrüder in Ägypten haben das Wesen des Fanatismus verkannt, wenn ihr Sprecher Muhammad Ghozlan nun allen Ernstes die Regierung der USA auffordert, sich für den Film zu entschuldigen und die Verantwortlichen zu bestrafen.
*Nachtrag: Nach wie vor ist völlig unklar, wer überhaupt wirklich hinter dem Film steckt. Der erste Verdacht, dass es sich dabei um einen israelischen Jude namens Sam Bacile handeln könnte, hat sich nicht bestätigt. Die Spekulationen gehen indes munter weiter.











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