Britta Steffen, die Veronica Ferres des deutschen Schwimmsports, freute sich doch tatsächlich nach ihrem Nichtfinaleinzug über die Leistung ihrer Gegner. Das fand man nicht lustig in der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung. Nach Schuldigen suchend für dieses Desaster, für das „katastrophal“ schlechte Abschneiden der Schwimmer, fand sich eine reulos in die Kamera grinsende Frau, die dann auch noch mit sich und ihrer Leistung im Reinen schien. Unerhört. Erwarten wir doch nicht weniger als Athleten, die an die Grenze des Möglichen gehen (und in Wahrheit darüber hinaus), die das Land, die eigene Nation auf den Olymp heben. Was zählt, ist schließlich der Medaillenspiegel. Siege, Zahlen, Gold! Dabei formulierte Britta Steffen doch eigentlich nur die Quintessenz der olympischen Idee: Gute Leistung fair zu würdigen, sei es auch die der Konkurrenz.
Doch diese Idee verträgt sich nicht mit Leistungssport, mit der öffentlichen und vor allem veröffentlichen Erwartungshaltung, kanalisiert und gespiegelt in der Berichterstattung öffentlich-rechtlicher Unmutsäußerungen. Da ist dann von einem „schwarzen Samstag“ die Rede, von Versagen und Versagern; es wird gespöttelt und im tiefsten Schwarz gemalt. Auf teils unerträgliche Art werden Medaillen gefordert. Wir erleben ratlos panische ZDF-Gesichter, die nach zwei Tagen ohne Medaille schier entsetzt ohnmächtig durch London irren. Aus anfänglichem Mitgefühl für scheiternde Athleten wird Enttäuschung und schließlich Wut. Wut auf Athleten, die festeingeplante Medaillen verweigern. Und vermutlich wurden bereits Notpläne geschmiedet. Man hätte Allzweckwaffe Waldi Hartmann über dem Deutschen Haus abwerfen können und den deutschen Olympioniken damit drohen, bei sich fortsetzendem Nichterfolg, inmitten des olympischen Dorfes einen Waldis-Olympia-Club produzieren zu lassen.
Das Gejammer der Kommentatoren und Sportjournaille mündete dann in einer doppelten Zwangsvorstellung: Während Ratlosigkeit das Rad erwartungsfroher Berichterstatter drehte, erhob sich der deutsche Zeigefinger bei jenen, die tatsächlich zu Gold schwammen. Spitzenleistungen einfordernd, beäugte man skeptisch die Sieger anderer Nationen. Da schwamm eine fünfzehnjährige Litauerin um ihr Leben, gewann Gold und wurde vom deutschen Kommentar und auch im Anschlussinterview investigativ auf Herz und Doping geprüft. Solche Siege, war man sich schnell einig, müsse man mit einem großem Fragezeichen versehen.
Es zeigt sich das Dilemma des Spitzensports und seiner Berichterstatter: Außergewöhnliche Leistungen einfordernd, werden dann tatsächlich außergewöhnliche Resultate in Zweifel gezogen. Wer verliert, versagt, wer gewinnt, bekommt das obligatorische Fragezeichen, sofern er sich nicht als der eigenen Nation angehörig erweist.
Ein Fragezeichen bekam ordnungsgemäß auch die chinesische Schwimmerin, die auf ihrer letzten Bahn sogar schneller schwamm als ihr männliches Pendant auf gleicher Strecke. Dem verpflichtenden Inzweifelziehen der Leistung schlossen sich dann fantasieschwangere Erklärungsversuche an, wobei über die überdurchschnittlich großen Händen der fernöstlichen Ausnahmeathletin diskutiert wurde.
Wissen wir doch: Den Chinesen ist alles zuzutrauen. Denkbar auch, dass China, ein Land, das Leistungssportler wie am Fließband produziert, ihren Schwimmerinnen männliche Hände anschraubt. Und irgendwie ist alle vier Jahre bei Olympia ja auch irgendwie alles möglich. Da schwören die unterschiedlichen, ihrer jeweiligen Disziplin entsprechend körperlich bis hin zur Deformation austrainierten Sportler einen Eid auf die olympische Idee, die mit Spitzensport mittlerweile soviel zutun hat, wie Dressurreiten mit den natürlichen Bewegungsabläufen eines Pferdes.
Und Olympia trägt mittlerweile die absurdesten Blüten. So sehen wir eine Art Peter-Pan-Effekt bei Turner, die in ihren winzigen Kinderkörpern gefangen, schier unmenschliche Akrobatik vollbringen. Oder wir diskutieren über baumstammdicke Oberschenkel deutscher Bahnradfahrer (73 cm Durchmesser in der Spitze), die unfreiwillig an überzüchtete Putenbrüste erinnern. Freakshow Olympia!
Und zur rechten Zeit findet sich ein Sündenbock, ein des Dopings Überführter. Wir empören uns kurz und gehen zurück zum Tagesgeschäft: das olympische Rad, das Rad des Leistungssports, dreht sich weiter, angeschoben durch den Glaubenssatz „Höher, schneller, weiter“. Doch das Problem ist nicht der einzelne Doper, der in vermeintlich böser Absicht die olympische Idee hintergeht. Das gesellschaftliche Problem heißt nicht Doping, sondern Spitzensport selbst. Problematisch ist die Erwartungshaltung, das Dogma der Superlative.
Und: Dieser Ideologie der Leistung folgend, müsste Doping eigentlich legalisiert werden. Denn zynisch gesprochen fordert Doping Leistung und Chancengleichheit gleichermaßen. Es relativiert natürliche Unterschiede, kompensiert körperliche Nachteile, wodurch ein fairer Wettbewerb überhaupt erst möglich wird.
John Fahey, Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), forderte im Vorfeld der olympischen Spiele alle gedopten Teilnehmer auf, den Spielen in London doch fernzubleiben. Wir sollten froh sein, dass seinem Apell nicht Folge geleistet wurde. Sonst hätten vermutlich selbst die Pferde zuhause bleiben müssen.











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