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Blasphemie ist ein Menschenrecht

11. Juli 2012 VON Timo Stein
Schrift:

Der Papst klagt gegen die Titanic. Das darf er. Und das Satiremagazin wird weiterhin religiöse Symbole zweckentfremden. Und das ist gut so

picture alliance
Titanic,Satire,Papst,Fanta,Titel,Vatikan,Vatileaks,Undichte Stelle

Ja, Satire darf das. Sie muss es sogar. Sie darf Papst Benedikt, seines Zeichens heiliger Vater und oberster Beamter einer nicht zu unterschätzenden religiösen Minderheit durch den Kakao, in diesem Fall sogar durch chamois-farbige Limonade oder was auch immer ziehen. Sie muss es, weil für die Satire Grenzüberschreitungen konstitutiv sind.

Humor endet nicht an der religiösen Haustür. Und Satire, die es sich zur Aufgabe macht, der Gesellschaft in scharf-humoristischer Diktion den Spiegel vorzuhalten, schon gar nicht. Sie muss von Zeit zu Zeit, um im Bilde zu bleiben, die Tür eintreten, um spitzzüngig über die Schwelle schreiten zu können.

Na klar. Religiöse Befindlichkeiten sind die sensibelsten unter den humorbefreiten. Es sind liberalitätsferne Relikte, Inseln monotheistischer Ernsthaftigkeit. Mag sein. Doch, für Mohammed-Karikaturen oder Papst-Titanic-Titel gilt: Aushalten!

Und, sind wir doch ehrlich, die Religion macht es den Satirikern auch leicht. Nicht von ungefähr sind sie des Humoristen liebstes Kind. Religion bietet sich für Satiriker deshalb an, weil sie nicht selten gelebte Satire ist. Entsprechend musste dem Mann im weißen Gewand, der sich selbst für unfehlbar hält, letztlich visuell nicht viel hinzugefügt werden. Ein gelber Fleck genügte, um aus dem König den Hofnarr zu machen.

Dabei gibt es noch ganz andere Ungeheuerlichkeiten, gegen die der Papst vermutlich bald zu Felde ziehen wird: So wird der oberste Patriarchat des wohl einflussreichsten Glaubensvereins nicht selten in schillernd weißen Frauenkleidern dargestellt. Auch wird diesem Mann vorgeworfen, er gehöre einer Clique an, die Homosexuelle diskriminiere und antisemitischen Piusbrüdern die Hand reiche. Er soll einem konspirativen Zirkel alter Männer vorstehen, die in einem eigens gegründeten Staat Politik machen und jenseits demokratischer Kontrolle Gesellschaften formen. Maßlose, absurde Vorwürfe. Ketzer sagen ihm gar Unfehlbarkeit nach. Dem weiblichen Geschlecht würden gleiche Rechte verwehrt, und und und. Gegen solche ungeheuerlichen Vorwürfe wird der Papst wohl bald genauso entschlossen vorgehen, wie gegen den im Vergleich harmlosen Titanic-Titel. Dafür wünschen wir ihm Glück und viel Kraft.

Verbündete gibt es genug. Beispielsweise der Sprecher der Christsozialen Katholiken (CSK) in der CSU (ja, es gibt sie noch), Thomas Goppel, der dem Satiremagazin nun entschlossen entgegenruft: „So geht man mit Menschen nicht um, mit dem Papst schon gar nicht.“ Äh ja, der Papst als Übermensch, für den selbstverständlich exklusive Rechte gelten. Da braucht es also erst einen mittelmäßigen Titanic-Titel, damit uns ein mittlerweile ins hinterste Glied getretener CSU-Politiker sein wahres Menschenbild offenbart. Schon recht, Herr Goppel.

Aber Achtung, es wird noch besser. Goppel beklagte, Titanic-Chefredakteur Leo Fischer wisse nicht, was sich gehöre. Jemandem, der so handle, würde er persönlich „die Lizenz zum Schreiben entziehen“. In einem Goppelstaat wäre so etwas natürlich möglich. Dort gäbe es Schreiblizenzen. Wo kämen wir denn auch hin, wenn man seine Meinung frei äußern dürfte?

Vielleicht ließe sich ja auf diesem Wege auch eine Partnerschaft anregen. Aus dem Duo Goppel-Papst, könnte eine Troika des Glaubens werden. Zusammen mit Martin Mosebach, der jüngst forderte, Gotteslästerei unter Strafe zu stellen, könnten das heilige Triumvirat ein zünftiges Regelwerk zusammenstellen.

Vielleicht ist es aber auch einfach an der Zeit, Blasphemie zum Menschenrecht zu erklären, den Religionen ihren Sonderstatus zu nehmen und an demokratisch säkulare Tugenden zu erinnern. Ja, wer schützt eigentlich den diesseitigen Bürger vor jenseitigem Schwachsinn? Oder alles nur liberales Geschwätz?

Und ist der eigentliche Skandal nicht vielleicht ein ganz anderer? Nämlich der, dass dieser Vereinspräsident eines vorsintflutartigen Männerbundes zum x-ten Mal den Titel Deutschlands größter Satire-Magazins ziert. Liebe Titanic-Redaktion, lieber Herr Fischer, warum räumen Sie einer Minderheit soviel Platz ein? Patrick Döhring schmückt ja auch keinen Spiegel-Titel.

Wie auch immer. Das Magazin Titanic ist jedenfalls fest entschlossen, gegen das Urteil  den weltlichen Weg der Instanzen zu gehen, „notfalls bis zum Jüngsten Gericht“, wie es hieß. Auf diesem Weg, viel Glück und Gottes Segen.

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anmerkung

werden titanic und cicero genauso hart gegen die undemokratischen praktiken im islamismus vorgehen oder verlässt sie dort ihr mut zur blasphemie und satire, wie ich stark vermute!

  • Antworten
franz döring11.07.2012 | 17:46 Uhr

Blasphemie ist ein Menschenrecht

Ich finde es schon höchst interessant, wie vehement sich der Schreiber des Artikels für das Recht auf Blasphemie einsetzt. Insbesondere dann, wenn es um die Kirche geht, sind Schreiberlinge wie Herr Stein immer ganz vorn am Start.
Ich wage allerdings zu bezweifeln, dass sich der Autor des Artikels genauso vehement und in gleichem Maße für Herrn Kurt Westergaard (Mohammed Karikaturen) einsetzen würde. Da wird´s dann schnell eng.

  • Antworten
Arno Willemer12.07.2012 | 09:57 Uhr

Säkulare Wahrnehmungsstörung?

Lieber Herr Stein, dieser nach Ihren Worten "Vereinspräsident eines vorsintflutartigen Männerbundes" steht tatsächlich einem wahrlich sozialen Netzwerk von über einer Milliarde Menschen vor und das ist gut so.

  • Antworten
Blase12.07.2012 | 10:00 Uhr

Was zahlt Titanic dem Vatikan ?

Ich finde es toll! Der Vatikan ist dem Satiremagazin schön auf den Leim gegangen! Mit dieser einstweiligen Verfügung gibt es eine ungewollte (oder doch gewollte?) Medienkampagne! Eine ähnlich geartete Werbung wäre sicherlich unbezahlbar für TITANIC. Also Chapeau!

  • Antworten
Thomas Bensch12.07.2012 | 11:33 Uhr

Lieber Herr Stein

Es muß doch ein Genuß für Sie sein, dieses wundervolle Bad im tiefen Sumpf der reinen linksradikalen Ideologie in vollen Zügen genießen zu dürfen. Sie haben noch vergessen zu erwähnen, dass dieser alte Mann der reaktionären deutschen Nation zuzuordnen ist und einst sogar die Uniform der Hitlerjugend trug. Somit ist er sicher auch noch für das dritte Reich, den 2. Weltkrieg und sämtliche Greueltaten der Nazis verantwortlich.

Ich bin ganz gewiß kein Verehrer des Papstes oder anderer Religionsführer, aber was Sie hier von Stapel lassen, erinnert an übelste SED-Propaganda.

  • Antworten
Domingo12.07.2012 | 15:33 Uhr

getrennt marschieren, vereint schlagen ...

In der Ablehnung der Römisch-Katholischen Kirche und deren Funktionsträgern sind sich "liks", "rechts", "liberal" "national" und "protestantisch" seit Jahrhunderten bzw -zehnten ganz vereint, immerhin das haben sie miteinander gemeinsam, wenn auch jeweils mit eigener jeweils zeitgemäßer Begründung. Da ist nichts zu billig, nichts zu blöd, nichts unrecht und nichts falsch, Fakten zählen dabei nicht, der Zweck heiligt die Mittel, bis ins 21. Jahrhundert.

  • Antworten
Blase13.07.2012 | 17:31 Uhr

Lach- und Sachgeschichten aus aller Welt.

Ein "Menschenrecht" auf Blasphemie? Nun, für dieses wird sich der Großajatollah Nasser Makarem Schirasi sicher nicht aussprechen, der gegen den humorbeseelten iranisch-deutschen Rapper Shahin Najafi ein zweites Todesdekret erlassen hat. Insofern kann die Titanic froh sein, dass der vantikanische Großpapst nur mit seiner Jurikative(Rechtsabteilung) mitnichten aber auch noch mit einer Exikutive droht.

Zitat: Großajatollah Makarem Schirasi: „Jegliche Beleidigung heiliger (schiitischer) Imane durch einen Muslim wird als Blasphemie und Apostasie ausgelegt.“

Zitat: Shahin Najafi: "Anfangs habe er die Situation noch falsch eingeschätzt. „Ich konnte es nicht glauben. Erst als ich im Internet das Kopfgeld sah, die 100 000 Dollar, die auf mich ausgesetzt worden sind, verstand ich wirklich, das ist jetzt Ernst.“

LINK: http://www.focus.de/politik/ausland/aufruf-zum-mord-wegen-angeblicher-blasphemie-zweites-todesdekret-gegen-iranischen-rapper_aid_753189.html

Und dass das selbst so manche deutsche Journalisten ebenso für voll total gut halten, also, dass man Blasphemie wieder unter Strafe stellt, dass berichtet sogar der Cicero:

LINK: http://www.cicero.de/comment/23680

  • Antworten
Medley13.07.2012 | 00:40 Uhr

so nett sich der Artikel

so nett sich der Artikel liest, bin ich mir noch nicht sicher wie ich mit ihm umgehen soll. Zunächst einmal bitte ich sie, den "Unfehlbarkeitsmythos" besser zu recherchieren. die Unfehlbarkeit ist keineswegs ein Attribut des Papstes, sondern an einen bestimmten Kontext gebunden. Meines Wissens ist in den letzten 150 jahren lediglich zwei Mal auf dieses Dogma zurückgegriffen worden. Viel problematischer finde ich allerdings die reißerische Forderung von Blasphemie als Menschenrecht. Mag dies in der Natur des Schreibens liegen, zu provozieren, verliert ihr Artikel dadurch an Durchschlagskraft. Entscheidend ist die Meinungsfreiheit nicht aber das Recht zu beleidigen.

  • Antworten
F.L.13.07.2012 | 10:45 Uhr

Scheinheilige

Diesselben "Späße" mit Mohamed, allah oder generell Muslimen und bei den Scheinheiligen vom politmedialen Komplex würden Scheiterhaufen errichtet. Für die "Spaßvögel".

  • Antworten
Blind Eye15.07.2012 | 10:14 Uhr

Schutz für Atheisten?

Ja, Herr Stein treibt es auf die Spitze. Aber er hat im Prinzip Recht. Es ist längst an der Zeit, die Sonderstellung der Religionen abzuschaffen, Religion muß Privatsache sein. Ich möchte meine Witze reißen dürfen über Esoteriker, Ökologisten, Christen und sämtliche andere Religionen auch. Doch, ich schmeiße alle ganz bewußt in einen Topf. Und ich fordere ein Recht auf Blasphemie, selbstverständlich! Wenn ein Christ das Recht hat mir an den Kopf zu werfen, ich käme ich die Hölle und wäre auf ewig verdammt, weil ich ein Leben in Sünde führe und den Herrn nicht anbete, dann möchte ich selbstverständlich passend darauf antworten dürfen. Was habe ich schon für absurde Dinge mir sagen lassen müssen! Wenn jemand mir sagt, ich solle Menschenfleisch essen (und sei es nur symbolisch), dann möchte ich passend antworten dürfen! Wenn jemand meinem Kind beibringen möchte, ein Gott hätte die Welt erschaffen, dann möchte ich passend antworten dürfen! Die meisten religiösen Aussagen beleidigen meine Intelligenz, sie machen mich wütend, weil Religionen schon so viel angerichtet haben und noch immer Kinder indoktrieniert werden. Oft denke ich, wir Atheisten bräuchten eher Schutz vor Religiösen als anders herum.

  • Antworten
C.H.01.08.2012 | 22:21 Uhr

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