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17. Juni 1953 – Erinnert Euch!

15. Juni 2012 VON Timo Stein
Schrift:

Der 17. Juni 1953 droht in Vergessenheit zu geraten. Auch an diesem Sonntag ist er allenfalls Randnotiz, werden andere Ereignisse die mediale Öffentlichkeit prägen. Dabei sind die Ereignisse um den 17. Juni zu wichtig, um sie verblassen zu lassen. Erinnern wir uns also

picture alliance

Bertolt Brecht hatte es so formuliert: „Nach dem Aufstand des 17. Juni/ Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands/ In der Stalinallee Flugblätter verteilen, / Auf denen zu lesen war, daß das Volk/ Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe/ Und es nur durch verdoppelte Arbeit/ Zurückerobern könne. Wäre es da/ Nicht doch einfacher, die Regierung/ Löste das Volk auf und/ Wählte ein anderes?“

Brechts berühmte Worte aus „Die Lösung“, die ein zutiefst elitär-autoritäres Verständnis von Demokratie wunderbar zynisch zum Ausdruck brachten, ist auch heute wenn schon nicht als Zustandsbeschreibung, so doch als Demokratie-Appell aktueller denn je. Gerade in der europäischen Krise verfestigt sich mitunter der Eindruck, dass sich die Regierungen immer dann ein anderes Volk herbeisehnen, wenn durch Volksabstimmungen europäische Integrationsschritte ins Stocken geraten, weil das europäische Projekt mal wieder an den Bevölkerungen vorbei beschlossen wurde. Immer dann also, schwingt Brecht irgendwie mit, wenn die jeweiligen Bürger eines Landes einfach so lange zur Urne gebeten werden, bis am Ende das gewünschte Ergebnis steht.

Brechts Worte waren die unmittelbare Reaktion auf die Ereignisse um den 17. Juni 1953, als in der DDR ein Arbeiteraufstand mit Hilfe der Sowjetarmee blutig niedergeschlagen wurde. Sie richteten aber zunächst an den Arbeiterschriftsteller Kuba, Sekretär des DDR-Schriftstellerverbandes, der am 17.6.1953 unter den streikenden Arbeitern der Stalinallee eine Schrift verteilen ließ, worin er seine Missachtung für die Aufständischen zum Ausdruck brachte. „Schämt ihr euch so, wie ich mich schäme? Da werdet ihr sehr viel und sehr gut mauern und künftig sehr klug handeln müssen, ehe euch diese Schmach vergessen wird.“

Brecht konterkarierte die von Hohn und Spott getränkten Worte des Arbeiterschriftsellers mit der oben erwähnten Dichtung, in der er das Verhältnis von Staat und Volk auf die Füße stellte und gleichzeitig die Realitäten des real-existierenden Sozialismus in all seiner Absurdität nicht trefflicher hätte beschreiben können.   

Dabei war Brecht nicht der tadellose Regimekritiker, wie seine berühmten Worte glauben machten. Im „Neuen Deutschland“ vom 23.6.1953 schrieb er: „Ich habe am Morgen des 17. Juni, als es klar wurde, daß die Demonstrationen der Arbeiter zu kriegerischen Zwecken mißbraucht wurden, meine Verbundenheit mit der Sozialistischen Einheitspartei ausgedrückt. Ich hoffe jetzt, daß die Provokateure isoliert und ihre Verbindungsnetze zerstört werden, die Arbeiter aber, die in berechtigter Unzufriedenheit demonstriert haben, nicht mit den Provokateuren auf eine Stufe gestellt werden, damit nicht die so nötige Aussprache über die allseitig gemachten Fehler von vornherein gestört wird.“

Ausgerechnet die Arbeiter im selbsternannten Arbeiter- und Bauernstaat DDR legten die Arbeit nieder, um an jenem Tage zunächst für eine Senkung der Arbeitsnormen und später für freie Wahlen einzutreten.  Es war ein zunächst wenig zielgerichteter, spontaner Aufstand von Arbeitern. Auch wenn das Zentralkomitee der SED später behauptete, es handelte sich um einen „faschistischen Putschversuch“, gesteuert von westdeutschen und amerikanischen Politikern. Die Menschen gingen auf die Straße, um zunächst für bessere Arbeitsbedingungen zu demonstrieren. Diesen Forderungen schloss sich der Appell nach freie Wahlen und schließlich das Eintreten für die Einheit Deutschlands an.

Um 9:50 Uhr rollte dann der erste sowjetische T-34 Panzer auf den Potsdamer Platz. Gegen Mittag machte die Rote Armee schließlich ernst und trieb die Demonstranten gewaltsam auseinander.

Dabei beschränkte sich die Revolte keineswegs nur auf Ost-Berlin. In der ganzen DDR, ob in Halle, Görlitz, Bitterfeld und auch auf dem Land, gab es Massendemonstrationen. Insgesamt mehrere Millionen DDR-Bürger schlossen sich den Aufständischen an, um für Freiheit und Einheit zu kämpfen.

In der BRD wurde der 17. Juni auf Beschluss des Deutschen Bundestages 1954 zum Feiertag erkoren, bis er nach der Wende durch den 3. Oktober ersetz wurde.

Und heute ist er fast vergessen – dieser Tag. Dabei ist er historische Zäsur und zentrale Wegmarke, die den Gang der deutsch-deutschen Geschichte bis zur Einheit maßgeblich mitbestimmt habt, gleichermaßen. Am 17. Juni ereignete sich die erste Massenerhebung im Machtbereich der Sowjetunion überhaupt. Das SED-Regime zeigte mit der brutalen Niederschlagung seiner eigenen Bevölkerung  zum ersten Mal ganz offen sein wahres Gesicht.

Mit den Demonstrationen hätten sich die deutschen Arbeiter rehabilitiert, nachdem sie 1933 durch ihre Unterstützung für Hitler versagt hatten. So formulierte es Albert Camus. Auch wenn man über die Auffassung, ob und wie sich Schuld kollektiv überhaupt sühnen lässt, streiten kann, so hatte Camus recht, wenn er das Augenmerk auf die Arbeiterschaft richtete, das vermeintlich loyale Rückgrat der DDR, das sich aus eigener Kraft unmittelbar gegen totalitäre Herrschaftsverhältnisse auflehnte.

Doch das Datum gerät in Vergessenheit, ist allenfalls Randnotiz in Schulen oder in der medialen Berichterstattung. Auch an diesem Sonntag wird die Öffentlichkeit auf andere Ereignisse blicken: Auf das Deutschlandspiel, auf den Tatort, auf die Lottozahlen. Dabei ist dieses Kapitel deutsch-deutscher Geschichte noch lange nicht abgeschlossen. Hier ist Geschichte zu wichtig, um sie Geschichte sein zu lassen. Erinnern wir uns also.

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