Ganz klar. Karl Kraus wusste es: „Die jetzt nichts zu sagen haben, weil die Tat das Wort hat, sprechen weiter. Wer etwas zu sagen hat, trete vor und schweige!“ Erika Steinbach wusste es offensichtlich nicht, sonst hätte sie geschwiegen. Sie ist nicht allein mit ihrer Tat. Wer heute nichts zu sagen hat, der twittert, der tippt, klickt und sendet; schickt seine Zeichen in die Welt, freut sich im Stillen und wartet – auf Reaktionen, also bitte:
Wir erinnern uns:
@Telegehirn @titusluca Irrtum. Die NAZIS waren eine linke Partei. Vergessen? NationalSOZIALISTISCHE deutsche ARBEITERPARTEI.....
Welch origineller Vergleich, der doch eigentlich nur eines will: gleichsetzen. Es gelingt, Frau Steinbach, bravo. Dagegen sind Äpfel und Birnen ja regelrecht artverwandt. Doch sich deshalb über Frau Steinbach aufregen? Einfach ist das nicht. Derlei Äußerungen sind ja keine Seltenheit. Bei Frau Steinbach zumindest. Und so wirkt jede Empörung doch irgendwie konstruiert. Und konstruierte Empörung ist organische Langeweile, ist – Sie ahnen es – Zeitverschwendung. Wir verzichten also, um dann doch zu erinnern, dass eben jene Frau Steinbach offiziell als menschenrechtspolitische Sprecherin der Unionsfraktion fungiert. Noch Fragen?
Es geht noch schlimmer. Neben bewussten Provokationen, sind auch weitaus dümmere Kommentare das tägliche Brot irrlichternder Zwitschereien. Ein Pirat, genauer Ex-CDU Mitglied Kevin Barth, nutzte die 140 Zeichen-Bühne bereits Ende Januar für lupenreinen Antisemitismus:
ok. Ich bin also Antisemit weil ich die israelische Kackpolitik und den Juden an sich unsympathisch finde weil er einen sinnlosen Krieg führt?
Nein, lieber Kevin B., Ihre Aussagen sind nicht antisemitisch, weil Sie die israelische Politik fäkalversiv attributisieren, Ihr Artikulationsversuch ist deswegen antisemitisch, weil darin „der Jude an sich“ pauschal diffamiert wird. Das ist – verehrter Kevin Barth – Antisemitismus par exellence.
Schlimmer noch: Kevin Barth ist zwei Wochen nach seiner Twitterentgleisung in seinem Piraten-Kreisverband Heidenheim zum Vorsitzenden gewählt worden.
Spät aber schließlich hat die durch die Piraten inflationär gebeutelte Begrifflichkeit der Transparenz, dann doch irgendwie als Korrektiv gewirkt: Denn Kevins Botschaft war derart durchsichtig, dass der Druck auf den jungen Piraten stieg , so dass er nunmehr bekannt gab, von seinem Amt zurückzutreten. Seine politische Reue hat dann auch – na klar – Twitter erreicht:
Ich distanziere mich hiermit von jeglicher Art von Antisemitismus und bitte dafür nochmals um Entschuldigung.
In der Partei will er dennoch bleiben. Und: Es ist nun eben an dieser – der Piratenpartei –, deutlichere Signale an die Kevins dieser Piratenwelt zu senden. Und nicht durch Zurückhaltung oder Verharmlosung, wie in der Vergangenheit oftmals geschehen, zu glänzen.
Nicht allein Kevin ist das Problem der Piraten. Kevin scheint eher das Symptom. Die Piraten haben ein grundsätzlicheres Problem: Ihre thematische Offenheit, ihr bewusstes Spiel mit dem Unfertigen ziehen eben auch Radikale unterschiedlichster Couleur an (von Tauss bis Thiessen). Das schneidige Spiel, der Versuch sich als Antipartei zu stilisieren, zieht gerade auch Antis an. So gab es in der Vergangenheit immer wieder Überläufer aus der rechten Szene und die Reaktionen aus der Partei waren zum Teil erschreckend verständnisvoll.
Daher, liebe Piraten, auf auf, Segel einholen, offene Flanken schließen. Dabei wird es um so entscheidender sein, klar zu stellen, dass Offenheit seine Grenzen hat und Toleranz bei Menschenrechten endet. Sonst landet Steinbach am Ende auch bei den Piraten. Die Twitterkriterien einiger Piraten scheint sie bereits zu erfüllen. Hauptsache viel, schnell und inhaltsfrei.
Oder wieder mit Karl Kraus gesprochen: „Die Sprache ist die einzige Chimäre, deren Trugkraft ohne Ende ist, die Unerschöpflichkeit, an der das Leben nicht verarmt. Der Mensch lerne ihr zu dienen.“
Ob ein Zwitscherkanal der Sprache genügsam wird dienen können? Der Zweifel bleibt. Und wächst– über 140 Zeichen hinaus.









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