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Vertrauensvoller Dialog statt einfallsloser Imagewerbung

4. Juni 2012 VON stiftung neue verantwortung
Schrift:

„Es gab einen Strömungsabriss in der Kommunikation. Wir werden, und das ist die zentrale Erfahrung aus Stuttgart, über Infrastrukturprojekte künftig früher und umfassender informieren“, so das Fazit eines Bahnsprechers. Die „frühzeitige Öffentlichkeitsbeteiligung“ bei großen Infrastrukturvorhaben ist seitdem zu einem Modewort geworden und hat es jetzt in einen Gesetzesentwurf geschafft. Frühzeitigkeit ist aber kein Gewinn an sich, argumentiert Christina Rucker: Hochglanz-Unternehmensbroschüren und Imagepavillons können verlorenes Vertrauen nicht zurückgewinnen.

picture alliance
Werbemittel für einen Windpark: Unternehmen müssen lernen, vertrauensvoll zu kommunizieren

Gelingende Kommunikation ist ein wesentlicher Baustein für den Aufbau von Vertrauen. Wo die Fallstricke dabei lagern, hat Willy Brandt für die Politik bereits 1973 formuliert:

„Das große Gespräch der Gesellschaft verkommt zum Gezänk, wenn Angst und Verdächtigungen es überwuchern. Und es endet auch leicht dort, wo ideologischer Dogmatismus oder opportunistisches Nach-dem-Mund-Reden beginnen. Der Bürger hat Anspruch darauf zu wissen, was Politiker in der Sache wollen, aufgrund welcher Wertvorstellungen sie es wollen, und wie sie meinen, es realisieren zu können.“

Diesen Anspruch von offener, authentischer Kommunikation ist aber auch für den Diskurs rund um große Infrastrukturvorhaben von Nöten. Der Kreis der Beteiligten an diesem „großen Gespräch“ hat sich allerdings erweitert: Längst sind nicht nur die Politiker und Planungsbehörden gefordert in Dialog mit der Öffentlichkeit zu treten, sondern auch die Wirtschaft hat einen dezidierten Auftrag erhalten: Der aktuelle Entwurf des Planvereinheitlichungsgesetzes sieht die frühzeitige Unterrichtung von geplanten Bauprojekten und Erörterung mit der betroffenen Öffentlichkeit  durch Unternehmen vor.

Für Unternehmen ist das eine ungewohnte Rolle und oftmals schlägt ihnen von vorneherein eine Welle des Misstrauens entgegen, geprägt von Unterstellungen und Ängsten – all dem also, was Willy Brandt als Gefahren für das offene Gespräch beschrieben hat.

Wir sind Menschen - kommt damit klar!

Wie sollen Unternehmen demnach auf Bürger zugehen, wenn sie an einem Infrastrukturprojekt arbeiten? - Am besten, wie es das unter Marketingleuten berühmte Cluetrain Manifest schon 1995 für das eigentliche Kerngeschäft von Unternehmen erkannt hat: Visier hoch, auf Augenhöhe um Vertrauen werben – wirklich am Gegenüber interessiert. Die Autoren der 95 Thesen des Internetzeitalters hatten bereits damals erkannt, dass das Internet die Konsumenten durch Vernetzung klüger macht und Phrasendrescherei beim Werben um Kunden leichter entlarvt. Mit einer gehörigen Portion Verspätung lässt sich das auch auf das Verhältnis von Bürgern und ihrer Demokratie übertragen – und so liest sich das Cluetrain Manifest noch einmal neu; nun nicht als Ode auf die netztaugliche direkte Kommunikation zwischen Kunden und Produzenten, sondern als Anleitung für die Beziehung zwischen Infrastruktur planenden Unternehmen und betroffenen und interessierten Bürgern. Hier eine kurze Zusammenstellung – obwohl das ganze Manifest es wert ist, gelesen zu werden:

„Wir sind keine Zuschauer oder Empfänger oder Endverbraucher oder Konsumenten. Wir sind Menschen - und unser Einfluss entzieht sich eurem Zugriff. Kommt damit klar.“ – ähnlich dem rotzigen Eingangsstatement des Manifests könnten das auch viele Bürgerinitiativen gegen geplante Großprojekte in ihre Präambel schreiben.

Auf Misstrauen lassen sich keine Beziehungen aufbauen

Es folgt eine Analyse, dass die Art, wie Unternehmen bisher kommunizieren, den Graben eher noch verschärft und Misstrauen entstehen lässt: „Unternehmen können zum ersten Mal mit ihren Märkten direkt kommunizieren. In den Ohren der von ihnen Angesprochenen klingen die Unternehmen [jedoch] hohl, flach und regelrecht unmenschlich. Mit ihrer distanzierten und arroganten Sprache errichten sie Mauern, um die Märkte auf Distanz zu halten. Auf Mißtrauen lassen sich aber keine Beziehungen aufbauen.“

Was dagegen hilft? „Um mit menschlicher Stimme zu sprechen, müssen die Unternehmen die Anliegen und Besorgnisse ihrer Communities – der Gemeinschaft ihrer Marktteilnehmer – teilen. Menschliche Gemeinschaften entstehen aus Diskursen – aus menschlichen Gesprächen über menschliche Anliegen. Gespräche zwischen Menschen klingen menschlich. Sie werden in einer menschlichen Stimme geführt. Ob es darum geht, Informationen oder Meinungen auszutauschen, Standpunkte zu vertreten, zu argumentieren oder Anekdoten zu verbreiten – die menschliche Stimme ist offen, natürlich und unprätentiös.“

Was die Autoren beschwörend als die „menschlichen Stimme“ bezeichnen, folgt der Ekenntnis, dass Vertrauen zwischen Menschen (und deren individuellem Handeln) entsteht, nicht zwischen einzelnen Personen auf der einen und einem Unternehmen als Ganzem auf der anderen Seite. Claus Offe drückt das in seinem Aufsatz über Vertrauen (Wie können wir unseren Mitbürgern vertrauen?, S.281) etwas anders, aber ebenso pointiert aus: „Institutionen generalisieren Vertrauen in dem Maße, in dem sie ihre Mitglieder auf die Tugend festlegen können, die Wahrheit zu sagen, und indem sie die Verletzung dieser Norm (sei es absichtlich durch Lügen oder unabsichtlich durch Irrtum) überwachen und effektiv feststellen können.“

Vertrauen als Basis für neue Lösungen

Übertragen heißt das: Wenn Unternehmen – ob beim anstehenden Netzausbau oder bei anderen größeren Projekten – das Credo vom frühzeitigen Dialog ernst nehmen wollen, sollten sie diesen Dialog nicht als Marketingveranstaltung angehen, sich nicht hinter schönfärbenden Beschreibungen verstecken. Sondern sich als Gegenüber „aus Fleisch und Blut“ zeigen, klare, ehrliche Antworten geben und die Argumente der Betroffenen und ihrer Vertreter ernst nehmen. Auf dieser Basis kann Raum für neue Lösungen entstehen.

Natürlich wird das nicht alle Konflikte aus der Welt schaffen. Aktuelle Fälle zeigen allerdings, dass sich intensiver Dialog und das tatsächliche Eingehen auf die Anliegen von Institutionen und Zivilgesellschaft auch für Unternehmen bezahlt machen – im Fall der umstrittenen Ostseepipeline zum Beispiel durch eine extrem kurze Umsetzungszeit von fünf Jahren zwischen Vertragsschluss und dem Bauende. Es gilt insofern, was das Cluetrain-Manifest auch proklamiert: „Keine Sorge, ihr könnt weiterhin Geld verdienen. Das heißt, solange das nicht das einzige ist, was euch beschäftigt.“

Christina Rucker ist Associate der stiftung neue verantwortung.

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Wir brauchen Bürger, keine Kleinbürger!

Ich würde es eher andersherum formulieren: Unternehmen haben doch schon seit einiger Zeit gelernt, nicht nur an ihre "shareholder", sondern auch an ihre "stakeholder" zu denken und kommunizieren mit eben diesen Stakeholdern über CSR, Werbung und natürlich auch in Bürgerforen. Aber wie sieht es umgekehrt aus? Bei vielen der Protesten gegen Großprojekte geht es lediglich darum, die (natürlich legitimen) Interessen von Einzelpersonen oder kleinen Gruppen zu vertreten während die genauso legitimen Interessen der Gesellschaft als Ganzes ignoriert werden. Ich würde mir mehr Bürger wünschen, die über den eigenen Horizont ihres Gartenzauns blicken! http://www.danielflorian.de/2012/06/06/der-wutbuerger-als-kleinbuerger/

  • Antworten
Daniel Florian08.06.2012 | 19:17 Uhr

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