Bislang unbemerkt von der sonst so aufmerksamen (Ver)öffentlichkeit, tobt seit einigen Monaten ein Kleinkrieg zwischen dem Roten Rathaus und engagierten Berliner Denkmalschützern. Es geht nicht ums Stadtschloss, nicht um die Oper oder die Reiterstatue des Alten Fritz Unter den Linden. Es geht um die gute alte Gaslaterne, wie man sie in dieser Häufigkeit nur noch in Berlin antrifft, und dort vor allem in Frohnau und in den etwas stilleren Straßen von Zehlendorf, Wilmersdorf, Lichterfelde und Lichtenrade.
Etwa 44 000 Gaslaternen – und damit mehr als die Hälfte des auf 80 000 Exemplare geschätzten Weltbestands – stehen in Berlin. Die ersten wurden 1826 Unter den Linden in Betrieb genommen. Bereits 100 Jahre später trug die deutsche Hauptstadt wegen ihrer damals weltweit fortschrittlichsten Straßenbeleuchtung den Beinamen „Gasopolis“.
Die Gaslaternen haben Preußenkönige und Kaiser, die Weimarer Republik, Faschismus und Bomben überlebt, Berlin-Blockade und Mauer. Ihr mildes gelbes, blendfreies Licht, das alle Farben originalgetreu wiedergibt, einen klaren Schattenwurf garantiert und unschädlich für Insekten ist, prägt das Berliner Nachtleben und gehört zur Stadt wie die Spree und der Grunewald.
Sie arbeiten nahezu rückstandsfrei, die Asche, die bei der Verbrennung des Gases zurückbleibt, kann schnell und kostengünstig entsorgt werden, während ausgemusterte Elektroleuchten wegen ihrer Quecksilberrückstände aufwendig recycelt werden müssen. Nun aber will der rot-schwarze Senat den Gashahn zudrehen.
Die Gaslaternen sollen durch Elektroleuchten ersetzt werden, aus „klimapolitischen Gründen“ und „wegen der Kostenentwicklung“, wie es in der Koalitionsvereinbarung vom 23. November des vorigen Jahres heißt. In aller Stille sollte dies geschehen und im großen Einvernehmen aller Fraktionen im Berliner Abgeordnetenhaus. 23 Millionen Euro wurden für die Umrüstung bewilligt.
Keine Berliner Tageszeitung nahm Anstoß an den Kahlschlagsplänen. Dann aber muckten Bürger und Denkmalschützer auf. Anfangs glaubte man im Roten Rathaus noch, die Gaslaternen- Befürworter als Spinner und Querulanten abtun zu können. Spätestens aber seit sich „Europa Nostra“, eine europaweit operierende Bürgerinitiative für Denkmalschutz des Falles angenommen hat und renommierte Experten gegen den Abbau der Laternen Front machen, ist der Senat in Begründungsnot geraten.
Der Verein „Denk mal an Berlin e. V.“ hat eine Unterschriftenaktion gestartet. Unter der Internetadresse http://gaslicht-ist-berlin.de kann jeder eine Internetpetition unterschreiben, in der für ein Abbruchmoratorium geworben wird. Sie soll spätestens im September dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) übergeben werden. Und dem scheint inzwischen auch ein Gaslicht aufgegangen zu sein: Die Senatsverwaltung lud interessierte Journalisten zu einer Stadttour durch Berlin ein, um für die neuen Elektrolaternen zu werben.
„Gaslichtrundfahrten“ bieten aber auch die Protestierer an, und deren Zahl wächst täglich.










