Berufspolitiker haben es schwer, sich im richtigen Leben zurechtzufinden. Zumal dann, wenn sie viele Jahre öffentliche Ämter mit Büro, Sekretariat und Dienstwagen bekleideten und dann plötzlich wieder auf sich selbst gestellt sind. Franz Müntefering, der frühere SPD-Arbeitsminister und zweimalige Parteivorsitzende, gestand kürzlich offen, nach 17 Jahren mit Chauffeur müsse er sich immer noch daran gewöhnen, selbst ein Auto zu steuern. Seine Frau habe ihm aber zuletzt ein paar Übungsstunden bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel gegeben.
„Ich habe dann auch richtig gelernt, wie man bei U- und S-Bahn eine Fahrkarte zieht“, erzählte der Sozialdemokrat und fügte entschuldigend hinzu: „Wenn man das eineinhalb Jahrzehnte nicht macht, merkt man, wie sehr sich die Welt technisch verändert.“
Bundespräsidenten oder Bundeskanzler a. D. haben es da besser. Sie bekommen bis an ihr Lebensende Büro, Sekretariat und Dienstwagen – und wenn sie Präsident waren, sogar ihr volles Salär. Trotzdem müssen auch sie lernen, wieder normal durchs Leben zu gehen, ohne auf Schritt und Tritt Aufsehen zu erregen. Selbstverständlich können sie sich dann auch immer wieder Geld von Freunden leihen oder bei ihnen übernachten, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Aber das können sie ja angeblich auch, wenn sie ein politisches Amt haben. Er wolle „nicht Präsident in einem Land sein“, hat Christian Wulff in seinem inzwischen schon berühmt gewordenen Fernsehinterview gesagt, „in dem man sich von Freunden kein Geld mehr leihen“ dürfe – zum Beispiel eine halbe Million.
An dem Tag, an dem dieses Interview ausgestrahlt wurde, ist Angela Merkel in Berlin-Mitte einkaufen gegangen. Einfach so. Die Kanzlerin suchte das französische Kaufhaus Galeries Lafayette an der Friedrichstraße auf und wurde – übrigens nicht das erste Mal, wie die dortigen Verkäuferinnen versichern – an der Käsetheke gesichtet, wo es nahezu alle bekannten französischen Käsesorten gibt.
Ganz allein stand sie da und kaufte ein: ohne Journalisten, ohne Kameraleute, ohne Sicherheitsbeamte (es sei denn, die hatten sich hinter der Fleisch- oder der Brottheke versteckt), ohne jedes Aufsehen. Und alle fanden das normal.
Wenn der amerikanische Präsident Barack Obama einkaufen geht – wie jüngst kurz vor Weihnachten in Washington – ist immer die Hölle los. Er hatte nicht nur seinen Hund und seine Sicherheitsbeamten dabei, sondern Hunderte Journalisten und Kameraleute im Schlepptau. Weil er eben der Präsident und in der Öffentlichkeit nie allein ist. Und weil es zur Aura der Mächtigen gehört. Von Gerhard Schröder gibt es ähnliche Geschichten. Er habe, hieß es seinerzeit, seiner Tochter einmal eine Puppe gekauft, diese aber nicht einpacken lassen, sondern für jedermann sichtbar in der Hand gehalten, sodass jeder Fotograf beim Verlassen des Spielzeugladens sehen konnte, was er für ein guter Familienvater ist.
Angela Merkel hingegen trug den von ihr gekauften französischen Käse in einer weißen Plastiktüte davon. Welche Sorte sie erworben hatte, blieb ihr Geheimnis. Vermutlich weiß die Kanzlerin sogar, wie man eine S- oder U-Bahnkarte löst und was sie kostet, auch wenn sie öffentliche Verkehrsmittel derzeit nicht benutzt. Vielleicht fährt sie gelegentlich auch selbst Auto. Christian Wulff berief sich an diesem Tag etwas pathetisch auf das Grundrecht, auch als Präsident ein ganz normaler Mensch sein zu dürfen. Die Kanzlerin musste nichts proklamieren – sie war beim Einkaufen eine ganz normale Kundin. hp









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