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Wie unzeitgemäß Adenauer heute wäre

2. August 2012 VON Göttinger Demokratie-Forschung
Schrift:

Nicht ohne Wehmut blickt das Doku-Drama "Stunden der Entscheidung" auf die Regierungszeit Konrad Adenauers. Stephan Klecha analysiert, warum die Kanzlerdemokratie der Ära Adenauer heute nicht mehr funktionieren würde. 

picture alliance
Konrad Adenauer

Am kommenden Sonntag wird mal wieder ein so genanntes Doku-Drama in die Wohnstuben gesendet. „Stunden der Entscheidung“ wendet sich dem Leben und der Kanzlerschaft von Konrad Adenauer zu. Wahrscheinlich werden etliche dabei mal wieder aufseufzen und aussprechen, dass früher alles besser gewesen sei. Adenauer sei noch ein echter Kerl gewesen, nicht so wetterwendisch wie Merkel und nicht so bürokratisch nüchtern wie die Steinbrücks oder Steinmeiers. Abgesehen davon, dass Verklärung selten gut tut, ist es natürlich richtig, dass der erste Nachkriegskanzler Maßstäbe setzte, die mit dem Signum der Kanzlerdemokratie zu Recht Eingang in die Politikwissenschaft und die Zeitgeschichte gefunden haben.

Die Dominanz des Kanzlerprinzips, die Personalisierung der politischen Auseinandersetzung, die Führung der größten Regierungspartei, der betont starke Gegensatz zur Opposition und das besondere Engagement des Kanzlers in der Außenpolitik waren die Merkmale dieses Regierungsstils, der vielen bis heute als ideale Blaupause für Kanzlerschaften schlechthin gilt. Freilich würde das heute alles nicht mehr so einfach funktionieren. Und auch am Ende von Adenauers Amtszeit stellten sich die Grenzen der Kanzlerdemokratie heraus. Zudem verkörperte Adenauer ja gerade all das, was gleichermaßen so abschreckend und reizvoll an der Politik wirkt. Je nachdem, wie man es wendet, mag man dann in ihm einen beschlagenen Machtpolitiker, einen intriganten Anführer, einen restaurativen Konservativen oder einen radikalen Modernisierer sehen.

Mit Charme, Härte, Raffinesse, plumpen Lügen und indirekten Drohungen hatte er sich im Alter von 73 Jahren an die Spitze der Regierung platziert und hielt sich dort immerhin 14 Jahre lang. Politischer Aufstieg und Verweildauer im Amt waren seiner Fähigkeit zuzuschreiben, dass er ein Meister darin war, widerstreitende Interessen knallhart gegeneinander auszuspielen. Verletzungen und Narben blieben dabei vor allem beim Wirtschaftsminister, Ludwig Erhard, zurück. Ein ums andere Mal würdigte er gerade diesen herab, hinterging ihn in wichtigen wirtschaftspolitischen Fragen, umgarnte ihn dafür, wenn er Erhard dann in Wahlkampfzeiten brauchte. Auch mit seinen anderen Ministern, seinem Koalitionspartner und nicht zuletzt mit seiner eigenen Partei sprang er alles andere als zimperlich um.

Man ahnt es bereits, die Kanzlerschaft Adenauers als auch deren Ausgestaltung war an Voraussetzungen gebunden, die seinen Nachfolgern so nicht mehr gegeben waren. Obwohl der alte Herr über eine beachtliche physische wie psychische Konstitution verfügte, ist es wohl fraglich, ob er das heutige Pensum mit beinahe wöchentlichen Konsultationen auf europäischer Ebene, in der UNO oder in der G8 mühelos bewältigt hätte. Die Kommunikationsgewohnheiten waren übersichtlicher. Der Kanzler konnte beim Teegespräch mit auserwählten Journalisten sprechen und sich in kritischen Situationen schon mal „Fakten“ ausdenken, um seine Argumentation abzusichern. Das wäre in Zeiten von audiovisuellen Massenmedien, im Zeitalter des Internets und der Allmacht von Google und Wikipedia wohl schwerlich durchzuhalten gewesen. Neben diesen Veränderungen haben sich zudem die Elemente der Kanzlerdemokratie bereits am Ende von Adenauers Kanzlerschaft überlebt.

Adenauer ging nämlich – anders als etwa Kiesinger, Brandt oder Kohl – keineswegs pfleglich mit seinen Koalitionspartnern um. In der zweiten Amtszeit provozierte er ein ums andere Mal eine Koalitionskrise. Adenauers CDU war dabei, die bürgerliche Konkurrenz regelrecht aufzusaugen. Nur mit schweren Verlusten konnte sich allein die FDP dem Klammergriff entziehen. Ausgerechnet die Liberalen wurden dann aber 1961 wieder als Partner gebraucht und hatten genug von der selbstherrlichen Kanzlerschaft. Erstmals gab es deswegen einen Koalitionsvertrag, ein Koalitionsgespräch zwischen den Fraktionen und nicht zuletzt die Rücktrittszusage Adenauers. Damit war die Macht des Kanzlers durch den institutionellen Rahmen einer Koalition eingehegt. Die Richtlinienkompetenz, auf deren Grundlage Adenauer schon mal Präjudizien für die Kabinettsrunden schuf oder Entscheidungen des Kabinetts kurzerhand umwarf, war dadurch faktisch gebrochen. Eine derart hierarchische Führung ließ sich seitdem nicht mehr durchhalten.

Auch die außenpolitischen Optionen des Kanzlers hatten sich schon zu Adenauers Zeiten verringert. Bereits mit dem Beitritt zur NATO 1955 und der Gründung der EWG 1957 war die Außen- mit der Innenpolitik verkoppelt, was durchaus Adenauers Intention war. Schließlich wollte er den Bestand der jungen Demokratie und ihre wirtschafts- und außenpolitische Ausrichtung nicht davon abhängig machen, wer gerade regierte. Die Kehrseite war aber, dass sich auf einmal das Parlament verstärkt zu interessieren begann, was der Kanzler auf der internationalen Ebene so trieb. Gleichzeitig mischten sich in vielen Feldern der Europapolitik mehr und mehr die Fachministerien ein, teilweise sogar die Bundesländer. Das vorherige außenpolitische Monopol des Kanzlers zerbröselte und dementsprechend sind die Kanzler seitdem von anderen Akteuren, gar von echten Vetospielern flankiert.

Doch andere Personen mitwirken lassen, entsprach nicht Adenauers Führungsstil. Weil der Kanzler stets den Verrat witterte, war er darauf bedacht, mögliche Prätendenten über lange Zeit auflaufen zu lassen, doch so produzierte er natürlich behinderte Karrieren. Das sollte sich rächen. Denn die nachdrängende Politikergeneration stieß irgendwann in das Machtvakuum, welches Adenauer selbst geschaffen hatte – die Parteiorganisation. Forderungen nach einer Parteireform wurden laut, jüngere Funktionäre verlangten gar eine Trennung von Parteivorsitz und Kanzlerschaft. Je stärker die CDU sich von einer Honoratiorenpartei weg und zu einer mitgliederstarken Volkspartei hin entwickelte, desto stärker verselbstständigte sich die Partei und desto geringer wurde der Einfluss des Kanzlers in seiner Funktion als Parteivorsitzender. Kein Kanzler oder Kanzlerkandidat kann es sich auf Dauer erlauben, seine Parteiorganisation dauerhaft zu vernachlässigen. Erhard, Barzel, Schmidt und Schröder sollten diesbezüglich ihre Erfahrungen machen. Parteien suchen schließlich nach Sinnstiftung, die ihnen das alltägliche Regierungsgeschäft nicht immer bieten kann.

Schließlich schlagen auch positiv wirkende Faktoren irgendwann ins Negative um, wenn sich das Umfeld verändert. Die Personalisierung nutzte Adenauer nicht mehr, als dem bereits erkennbar betagten Kanzler in Willy Brandt ein junger und dynamisch wirkender Gegenkandidat gegenübertrat. Einen scharfen Gegensatz zur Opposition ließ die SPD von Schumacher und Ollenhauer zu, nicht diejenige von Wehner und Erler. Am Ende einer langen Kanzlerschaft funktionierte eben nicht mehr alles nach den bewährten Mustern. Die Kanzlerdemokratie in der Form, wie sie Adenauer betrieb, hatte sich am Ende überlebt.

Dr. Stephan Klecha ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung und Autor des jüngst veröffentlichen Buches “Bundeskanzler in Deutschland“.

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Wie unzeitgemaess Adenauer heute waere

Man merkt dass Herr Klecha ein junger Mensch ist der von der Nachkriegszeit keine blasse Ahnung hat. (Ich bin selbst Jahrgang 1937) Es waren zum grossen Teil auch Akademiker die den Nazis den Boden bereiteten.Adenauer gehoerte nicht zu ihnen. Es ist mein Eindruck dass es Deutschland-spezifisch ist dass Politiker und Parteiangehoerige sich gegenseitig nicht nur im Leben hassen sondern auch noch nach dem Tod wie man an diesem Artikel von Klecha sehen kann.Ich nehme an dass Klecha zur Linken gehoert und da ist es fuer ihn verstaendlich dass er jemanden wie Adenauer einen Mann der "Luegen,Raffinesse Drohungen" etc bezeichnet. Kein lebender Democratischer Politiker in USA wuerde Abraham Lincoln mit Dreck bewerfen, kein Republikaner wuerde T.Roosevelt mit Dreck bewerfen. Ich bin ueberrascht dass das Magazin Cicero solche unverschaemte Geschichtsverdrehung veroeffentlicht.

  • Antworten
Arnulf Ehmer06.08.2012 | 06:25 Uhr

Die Zeiten ändern sich

Das ist doch normal, daß die gesamten Umstände heute ganz andere sind und der Regierungsstil sich ändert. Adenauer würde heute sicherlich einen ganz anderen Stil haben, das ist doch gar nicht zu vergleichen. In was ähnelt sich denn die Bundesrepublik der Nachkriegszeit der heutigen? Was will man denn mit solchem Unsinn überhaupt sagen und bewirken? EIns ist doch klar: Merkels und anderer Regierungschefs Regierungsstil ist auch nicht mehr zeitgemäß, das Chaos, in dem wir uns in Europa befinden, wissen sie nicht zu bewältigen. Zu Adenauers Zeiten handelte man da viel entschiedener.

  • Antworten
Atreides06.08.2012 | 09:34 Uhr

Natuerlich wuerde ein Kanzler wie Adenauer heute nicht regieren

koennen aber nach dem Krieg war es eine ganz andere Zeit.Leider wissen zu viele junge Leute nicht viel oder garnichts darueber. Ich bin aber ueberzeugt dass keiner der heutigen Politiker damals eine Chance hatte gewaehlt zu werden abgesehen davon dass sie damals nicht geboren waren.
Eins ist sicher, damals in all der Unsicherheit der Nachkriegszeit wurden viel bestimmter regiert und es gab nicht dieses unertraegliche Gewusel und die verbalen Eiertaenze die sich heute abspielen und die vielen Leuten den Eindruck geben dass die Zukunft viel unsicherer ist.

  • Antworten
Lill-Karin Bryant06.08.2012 | 14:40 Uhr

Arnulf Ehmer hat recht, wenn

Arnulf Ehmer hat recht, wenn er Herrn Klecha darin kritisiert, nicht hinreichend zur Kenntnis zu nehmen, dass Adenauer mit den Mäßstäben seiner Zeit zu messen sei. Herr Klecha vergisst meines Erachtens leider auch völlig, dass Adenauer im Kern ein sehr moralischer Mensch gewesen ist, der seine politischen Ziele nicht taktischen Überlegungen zum Fraß vorgeworfen hat, sondern entgegen dem damaligen Zeitgeist Kurs gehalten hat. Besonders ist hier seine Grundüberzeugung zu nennen, dass sich dass deutsche Volk mit Israel und Frankreich aussöhnen müsse. An einer Episode kann man dies sehr deutlich hervorheben. Als in der Suez-Krise Eisenhower Adenauer gebeten hatte, von seinen Wiedergutmachungszahlten erst einmal abzurücken, um Israel unter Druck zu setzten, sich vom Sinai zurückzuziehen, verweigerte Adenauer dies mit der Begründung, dass das Leitthema der Aussöhnung mit Israel nicht zum tagespolitischen Spielball der Interessen der USA werden dürfe. Das ist schon was. Und noch etwas hat mich beim Lesen des Artikels gestört. Adenauer ist daher für jeden Kanzler und insbesondere auch für Frau Merkel sicherlich als Vorbild geeignet. Ich bin mir daher auch ziemlich sicher, dass Adenauer sich nicht sklavisch und für immer an den Mast Israels gebunden hätte. Die Ansicht Merkels, die deutsche Staatsräson mit der nationalen Sicherheit Israels unverrückbar zu verbinden, wäre Adenauer nicht in den Sinn gekommen. Der Alte aus Rhöndorf wusste aufgrund seiner Lebenserfahrung viel zu genau, dass Menschen, und somit auch Regierungen von Staaten, viel zu schwach sind, um auf Dauer moralisch fehlerfrei zu agieren. Diese schlichte Erkenntnis gilt nicht nur für uns Deutsche, sondern auch für Israel.

  • Antworten
gregor kampmann06.08.2012 | 15:41 Uhr

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